«Eine solche App erzieht zur Abhängigkeit»

Ist es sinnvoll, wenn die Kita die Eltern mittels Liveticker über ihre Kinder informiert? Erziehungsforscherin Margrit Stamm rät davon ab.

Geht es der Kleinen gut? Drei Zürcher Kitas testen eine App, die den Eltern Informationen über alles liefert, was das Kind in der Kita unternimmt.

Geht es der Kleinen gut? Drei Zürcher Kitas testen eine App, die den Eltern Informationen über alles liefert, was das Kind in der Kita unternimmt. Bild: Franziska Scheidegger

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Vereinzelte Kindertagesstätten im Raum Zürich testen derzeit eine App, die Eltern in Echtzeit über den Tagesablauf ihrer Kinder informiert. Frau Stamm, was halten Sie davon?
Solch eine App kann sicherlich ein guter Marketingfaktor für die Kitas sein, mit welchem sie bei den Eltern für eine gute Erziehungspartnerschaft werben. Ich persönlich tendiere jedoch eher zu einer negativen Einschätzung.

Weshalb?
Ich bin der Meinung, die Eltern sollen eine Kita auswählen, die ihren Qualitätsansprüchen genügt. Schliesslich geben sie ihr Kind in deren Obhut und somit auch in die Verantwortung von deren Angestellten. Deshalb ist es für mich etwas befremdend, dass diese Eltern nun über eine App noch zusätzliche Informationen anfordern. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass sie bereits am Abend beim Abholen der Kinder über deren Tagesablauf informiert werden.

Welche Auswirkungen hat denn eine solche App für die Eltern?
Wir sind aktuell an einer neuen Studie, die berufstätige Mütter befragt. Viele erzählen von dieser Herausforderung, die Standards im Beruf zu erfüllen und sich gleichzeitig von der Familie abzugrenzen. Ich denke diese Abgrenzungsschwierigkeiten würden durch eine App noch verstärkt, da die Eltern damit den ganzen Tag sehen können, was die Kinder tun. Somit macht sich ein Gefühl von Kontrolle, Stress und Angst um das Kind breit. Dabei gibt man ein Kind doch in die Kita, um sich zu entlasten.

Wie kann sich ein solcher Liveticker auf die Kinder auswirken?
Kinder gewöhnen sich so daran, dass sie dauernd kontrolliert werden und Mama und Papa am Abend genau wissen, was sie den ganzen Tag lang gemacht haben. Somit vermischen sich einerseits diese zwei Institutionen, «Familie» und «Kita», immer mehr. Dabei wäre die Kita doch ein Ort, wo die Kinder unter der professionellen Aufsicht von Erziehenden professionell betreut werden und so Dinge lernen können, die da anders gemacht werden als zu Hause. Andererseits ist eine solche App keine Erziehung zur Mündigkeit, sondern zur Abhängigkeit – eine Tendenz, die ich in unserer Gesellschaft vermehrt beobachte. Man versucht, die Kinder vollumfassend zu kontrollieren und überwachen.

Was ist die Folge davon?
Eltern, die früh beginnen, die Kinder zu kontrollieren, bauen keine produktive Vertrauens-, sondern eine destruktive Angstbeziehung auf. Diese wird wahrscheinlich auch bestehen bleiben. Doch statt in Sicherheit zu leben, werden die Kinder, wenn sie grösser werden, Methoden entwickeln, diese Kontrollen zu umgehen und sich abzugrenzen.

Wo verläuft denn die Grenze zwischen Sicherheit und Überwachung?
Überwachung beginnt da, wo Eltern das Kind unter Dauerkontrolle haben, auch wenn seine Sicherheit nicht gefährdet ist. Wenn also ein Kind in der Kita beim Mittagessen sitzt, ist dies keine Frage der Sicherheit. Das Problem der Dauerkontrolle ist, dass die Kinder nicht lernen, Risiken einzuschätzen. Sie müssen nicht auf sich selbst aufpassen, da immer jemand da ist, der das Risiko abwägt.

Können solche Apps auch vermehrt dazu führen, dass Eltern auch später ihre Kinder überwachen wollen?
Dies wäre meine Hypothese. Eltern, die früh mit solchen Kontrollinstrumenten beginnen, werden dann auch eher versuchen, ihrem Kind im Kindergarten eine Smartwatch mitzugeben, die Ton und Bild nach Hause streamt. In der Primarschule schleusen sie dann ein Handy ins Skilager, damit sie das Kind immer erreichen können.

Kann sich eine solche App auch auf die Kita-Angestellten auswirken?
Ich denke, die Kita-Teams müssen in diesem Fall lernen, damit umzugehen, dass sie von den Eltern konstant Rückmeldung erhalten. Sie müssen lernen, wie sie mit diesem Gefühl der Dauerkontrolle umgehen. Kommt Lob zurück, kann dies sicherlich ihr Selbstbewusstsein und ihren Glauben an ihre Professionalität stärken. Bei Kritik kann dies jedoch ein grosser Druck sein. Dies mit der Gefahr, dass sich gewisse Betreuende vielleicht gerade den Kindern gegenüber übervorsichtig verhalten, die von den Eltern stark kontrolliert werden.

Erstellt: 08.02.2019, 11:28 Uhr

Margrit Stamm

Die Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Uni Freiburg ist auch Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education. (Bild: Sabina Bobst)

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