Eine SVP-Erfolgsstory ohne künstliche Aufregung

Bei der SVP drängt eine junge Generation nach oben. Ganz vorne Benjamin Fischer – obwohl er keine Lust hat, mit lauten Sprüchen Aufmerksamkeit zu heischen.

Den Blick aufwärts gerichtet: Benjamin Fischer, Präsident der Jungen SVP Schweiz. Bild: Sabina Bobst

Den Blick aufwärts gerichtet: Benjamin Fischer, Präsident der Jungen SVP Schweiz. Bild: Sabina Bobst

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Wenn SP-Nationalrätin Jacqueline Badran einem Diskussionsgegner vor laufender Kamera mit «so ein Unsinn» über die Schnauze fährt, ist das wie ein Ritterschlag. Diese Adelung hat Benjamin Fischer kürzlich in der «Arena» des Schweizer Fernsehens erfahren. Der Präsident der nationalen Jungen SVP aus Volketswil entspricht dem Typ «Musterschüler vom Land»: anständig, beflissen, beherrscht, weder freakig noch geschniegelt. Er ist Offizier, spielt Trompete und vertritt den altbackenen Slogan: «Machen statt motzen».

Ausgerechnet diesen Jungpolitiker schickte die SVP schon zum dritten Mal auf die ganz grosse Bühne. Er übernahm die Herkulesaufgabe, die Steuer-AHV-Vorlage in der «Arena» zu vertreten. Gegen Koryphäen wie Badran, Ex-FDP-Präsident Philipp Müller und den omnipräsenten Grünen Balthasar Glättli. Fischer hielt wacker mit, redete frei, war schlagfertig und standhaft – eine weitere gelungene Vorstellung in der wichtigsten Politsendung des Landes.

Wer lässt sich freiwillig von SP-Badran vorführen?

Warum schickt die grösste Partei des Landes in der kompliziertesten Vorlage der Legislatur ausgerechnet ihren Benjamin? Erstens ist Fischer Präsident der Jungen SVP und steht hinter dem Referendum – im Gegensatz zur Mutterpartei, die herumlaviert. Vor allem aber: Einen Besseren hat die SVP kaum finden können.

Wer sonst lässt sich freiwillig live am Dienstagabend von Bulldozer Badran, dem Gispel Glättli und dem Staatsmann Müller in die Mangel nehmen? Fischers Fazit nach der Begegnung mit Badran: «Eine rabiate, aber kluge Person ist mir viel lieber als eine, die gekünstelten Anstand mimt.» Um Badran zu besänftigen, sagte Fischer einmal: «Ich will Ihre Kompetenz nicht infrage stellen, aber...», worauf Badran flink zurückgab: «Hoffentlich nicht!»

«Eine rabiate, aber kluge Person ist mir viel lieber als eine, die gekünstelten Anstand mimt.»Benjamin Fischer

Wer ist dieser Benjamin Fischer? Aufgewachsen in Volketswil auf einem kleinen Bauernhof mit drei älteren Brüdern im Zimmer und zwei jüngeren Schwestern. Heuen statt baden, Stallarbeit statt Fussball. Die Mutter, eine Klavierlehrerin, motivierte Benjamin, Trompete zu spielen. «An Musikwettbewerben vor Publikum habe ich gelernt, mit Nervosität umzugehen», sagt Fischer. Heute verhaspelt er sich nicht mal in einer Livesendung über das Steuergesetz.

Das Curriculum Vitae des 27-Jährigen füllt bereits eine ganze Seite. Handelsmittelschule, kaufmännische Berufsmaturität, Studium der Betriebsökonomie an der ZHAW, dazwischen ein Jahr als «Versicherungshengst», Bachelor in Business Administration mit Spezialgebiet Ökonomie und Politik. Heute leitet Fischer für seinen Bruder die Administration einer Gartenbau- und Montagefirma und absolviert das Masterstudium. Im Gegensatz zu vielen linken Jungpolitikern verdient Fischer Geld in der freien Marktwirtschaft. Mit Fabian Molina (SP) beispielsweise hatte er an der Kanti Büelrain in Winterthur das Freifach Philosophie belegt.

Kein Blocher, der ihn protegiert und fördert

Und doch sagt Benjamin Fischers Verlobte – er hatte ihr soeben auf einem Walliser Gipfel einen Heiratsantrag gemacht – mit einem Augenzwinkern: «Verdien endlich auch mal Geld!» Auf fast 50 Prozent schätzt Fischer sein Engagement für die Politik, dazu kommen der Abschluss des Studiums und das Militär. Bei der Politik hats ihm früh den Ärmel reingenommen und bald den ganzen Arm: Er ist Präsident der SVP Volketswil und Ustermer Bezirksaktuar, nationaler JSVP-Präsident und seit 2015 Kantonsrat.

Im Kantonsparlament sitzt Fischer ungewöhnlicherweise gleich in zwei wichtigen Gremien: der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit und seit einem Monat auch noch in der Aufsichtskommission für Bildung und Gesundheit. Warum gerade Fischer? Seine Antwort ist lapidar: «Finden Sie mal einen, der etwas von Gesundheitsökonomie versteht!» Sein Fraktionschef Martin Hübscher sagt: «Benjamin hat ein ausgeprägtes politisches Gespür.» Sein älterer SVP-Kollege Claudio Schmid rät ihm: «Setze auf populärere Themen als AHV oder Steuergesetz!» Und: «Gehe nicht zu jung voll auf Politik, das Wichtigste ist die berufliche Ausbildung!»

«Wer einem Vorbild nacheifert, wird höchstens eine billige Kopie.»Benjamin Fischer

Wer oder was treibt Benjamin Fischer an? Da ist kein Blocher, der ihn entdeckt hat und fördert, nicht einmal der Volketswiler SVP-Nationalrat Bruno Walliser. «Wer einem Vorbild nacheifert, wird höchstens eine billige Kopie», sagt Fischer. Er habe mit 16 ganz für sich alleine entschieden, in die Junge SVP einzutreten. Und damals einen intellektuellen Zugang zu einer Partei gesucht, die das bestmögliche Staatssystem anstrebt. Fischer gibt aber zu: «Da waren auch Erlebnisse dabei mit Migrantenkindern auf dem Schulhof.»

Die Konkurrenz hat es einfacher

Seither hat sich Fischer aus eigenem Antrieb und ohne Vitamin B hochgekämpft und dabei Hunderte von teils langweiligen Versammlungen in der ganzen Schweiz besucht. Vergeben soll das nicht gewesen sein: «2019 müssen sich alle Nationalratskandidaten warm anziehen, die vor mir auf der Liste sind», sagt er. Viel Geld hat er nicht, als JSVP-Präsident verdient Fischer keinen Rappen. Er hat vielmehr ein Team Fischer aufgebaut mit Freunden und Bekannten im ganzen Kanton. Plakatieren und Holzgerüste aufbauen, das können seine handwerklich begabten Brüder allesamt.

Die konkurrierenden Jungpolitiker der anderen grossen Parteien haben es leichter als Fischer. Sein ehemaliger Schulkollege Fabian Molina zum Beispiel hatte auf der SP-Liste einen garantierten Spitzenplatz – und sitzt prompt schon im Nationalrat. Und Jungliberalenpräsident Andri Silberschmidt habe für seine Kampagnen Grafiker und ein bestens organisiertes Sekretariat zur Verfügung.

Auch punkto Schlagzeilen liegt die Konkurrenz vor der Jungen SVP, der laut eigenen Angaben grössten Jungpartei: In den Medien kommt Juso-Präsidentin Tamara Funiciello in den letzten zwölf Monaten auf 946 Nennungen, Molina auf 612, Silberschmidt auf 546 und Fischer bloss auf 220.

«Du musst mal einen Skandal liefern!»

Fischer ist offensichtlich der Typ «stiller Schaffer». Kollegen raten ihm: «Du musst halt auch mal einen Skandal liefern!» Schlechte Vorbilder allerdings hat er in seiner eigenen Partei: Die beiden Co-Präsidenten der Jungen SVP Bern müssen sich wegen eines diskriminierenden «Zigeuner-Plakats» vor Gericht verantworten, und einer von ihnen provozierte auf dem Bundesplatz als burkatragender Selbstmordattentäter mit Sprengstoffgürtel-Attrappe. Die Zürcher JSVP-Chefin Camille Lothe wiederum geriet wegen ihrer Bikini-Instagram-Bilder in die Schlagzeilen. Doch Fischer will sich der «frustrierenden Medienlogik» nicht beugen und sich «nicht künstlich spannend machen».

Benjamin Fischer sagt vielmehr Sätze wie: «Die SVP muss eine Partei der Vernunft» werden – «im grossen Ganzen» sei sie das schon. Er sieht seine Partei nicht als Oppositionspartei, sondern – ziemlich langweilig – als «traditionelle, konservative Erfolgspartei». Fischer setzt auf «Knochenarbeit statt auf lustige Gags». Immerhin eine Schlagzeile ist ihm letzte Woche gelungen: Er war der Organisator der SVP-Freiheitsparty im Zürcher Hauptbahnhof, die wegen Bedenkens der SBB nach Volketswil gezügelt werden musste – in Fischers Turnhalle.

Erstellt: 19.10.2018, 10:44 Uhr

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