Wie Adlikon zur typischen Zürcher Gemeinde wurde

Erst nach rechts, jetzt nach links: Die Weinland-Gemeinde steht beispielhaft für den Trend im Kanton.

Ökosensibilität: «Vor zwanzig Jahren hätte man den Bauern damit nicht kommen müssen», sagt Peter Läderach Foto: Reto Oeschger

Ökosensibilität: «Vor zwanzig Jahren hätte man den Bauern damit nicht kommen müssen», sagt Peter Läderach Foto: Reto Oeschger

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Rund 700 Einwohner leben in der Gemeinde Adlikon. Diese ist, etwas ausserhalb von Andelfingen gelegen im Nordosten des Kantons, eine untypische Zürcher Gemeinde: Getreidefelder, Wiesen und Wälder erstrecken sich hier, am Südufer der Thur. Adlikon gehört zur kleinen Gruppe der nach wie vor landwirtschaftlich geprägten Zürcher Gemeinden – auch wenn, so sagt Gemeindepräsident Peter Läderach, nur noch wenige Landwirte ihren Hof als Haupterwerb betreiben würden. Die Mehrzahl seien Nebenerwerbsbauern.

Daneben gibt es in Adlikon ein bisschen Gewerbe, einen Tankstellenshop für Notfalleinkäufe (der Volg schloss vor einigen Jahren) sowie das Restaurant Post. Hier hatte SVP-Ständeratskandidat, «Weltwoche»-Chef und Nationalrat Roger Köppel seinen ersten Auftritt im Rahmen seiner Wahlkampftournee durch alle Zürcher Gemeinden.

Adlikon: Eine untypische Zürcher Gemeinde aufgrund ihrer landwirtschaftlichen Prägung – und doch, aus anderer Perspektive betrachtet, eine exemplarische Zürcher Gemeinde. Sie verkörpert erstens ausgeprägt die Generaltendenz des Kantons Richtung links. Zweitens liegt Adlikon aber auch in den Top Ten jener Orte, die sich am stärksten in die konservative Richtung bewegt haben – auch dies eine typische Verschiebung innerhalb des Kantons, wenn auch nicht innerhalb des ganzen. Die Zentren Zürich und Winterthur gingen in die andere Richtung.

Was ist passiert? Vor zwanzig Jahren war Adlikon eine der rechtesten Gemeinden des ganzen Kantons. Und nun dieser grosse Sprung nach links – den im Übrigen auch andere Weinländer Gemeinden gemacht haben. Für Peter Läderach, seit bald drei Jahren Gemeindepräsident, zuvor mehrere Jahre lang Gemeinderat und Vertreter der SVP, kommen mehrere Gründe infrage.

Erstens seien in den Ortsteilen Adlikon und Niederwil zwei neue Überbauungen entstanden – mit der Folge, dass sich die Einwohnerzahl von 560 Mitte der Nullerjahre auf rund 700 bewegt habe. «Es kam frisches Blut, es kamen junge Leute, auch junge Familien: Sie haben die Bevölkerungsstruktur verändert.»

Wer sich verweigert, ist chancenlos.Peter Läderach, Gemeindepräsident von Adlikon

Verändert hat sich allerdings auch die Lebensrealität vieler Adliker: Heute würden nur noch wenige in der Gemeinde selber arbeiten, so Läderach, «viele pendeln nach Winterthur oder Zürich». Diese leben auf dem Land und stehen trotzdem unter urbanem Einfluss.

Hinzu komme, dass sich die Landwirtschaft fundamental gewandelt habe, sagt Peter Läderach, der selber gelernter Landwirt ist. «Inzwischen haben alle Bauern begriffen, dass sie nur Erfolg haben, wenn sie mit der Bevölkerung am selben Strick ziehen – sich also an den Bedürfnissen der Konsumenten orientieren. Wer sich verweigert, ist chancenlos.»

Ausdruck davon sei die stark gewachsene Ökosensibilität: Er habe das Vernetzungsprojekt geleitet, in dem die Gemeinden der Region zusammen mit den Landwirten ökologische Massnahmen vorbereitet und umgesetzt hätten. «Ich war extrem erstaunt, wie viele mitgemacht haben, und das, obschon die Entschädigung nicht hoch ist», so Läderach. «Vor zwanzig Jahren hätte man den Bauern mit einem solchen Projekt nicht kommen müssen.»

Vor diesem Hintergrund überrasche es ihn nicht, dass sich Adlikon von der ausgeprägt staatsskeptischen Abwehrhaltung wegbewegt habe, so Gemeindepräsident Läderach. Schwieriger zu erklären findet er den Sprung in die konservative Richtung. Umso mehr, da die Gemeinde dem laufenden Fusionsprojekt mit den Nachbargemeinden sehr offen gegenüberstehe. Das habe vor einigen Jahren eine Umfrage klar gezeigt.

Dieselbe Erhebung hat allerdings auch ergeben, dass man einer effizienten Kommunalstruktur zwar mit pragmatischer Offenheit begegnet, dass die emotionale Verbundenheit aber dem eigenen Kleinstbiotop gilt: «Die Leute identifizieren sich in erster Linie mit ihrem Ortsteil: die Adliker mit Adlikon, die Niederwiler mit Niederwil und die Dätwiler mit Dätwil. In zweiter Linie verstehen sie sich als Schweizerin, als Schweizer.» Mit dem Bezirk oder dem Kanton identifiziere sich dagegen kaum jemand. Mit Europa – so darf man annehmen – vermutlich ebenso wenig.


Die Studie zur politischen Topographie

Die Forschungsstelle Sotomo hat unter der Leitung von Michael Hermann die politische Bewegung der Schweizer Gemeinden während der letzten knapp drei Jahrzehnte ermittelt. Auf der Basis aller nationalen Abstimmungen zwischen 1990 und 2018 verorteten die Forscher sämtliche Gemeinden: einerseits auf der Links-rechts-Achse, also zwischen dem wohlfahrts- und dem ordnungsstaatlichen Ideal, andererseits im Spannungsfeld zwischen Öffnung und Abgrenzung – also zwischen dem liberalen und dem konservativen Pol. So lässt sich der Weg nachzeichnen, den die Gemeinden genommen haben.

Die Untersuchung erfolgte im Auftrag der Alliance Economie-Politique. Sie ist sozusagen die aktualisierte Neuauflage des «Atlas der politischen Landschaften», den Hermann und Heiri Leuthold 2003 herausgegeben hatten. Wir zeigen hier die Ergebnisse für den Kanton Zürich. Insgesamt hat sich der Kanton nur wenig bewegt – Zürich ist heute leicht linker und progressiver als 1990. Innerhalb des Kantons haben sich die Gemeinden aber zum Teil stark bewegt. (han)

Erstellt: 23.06.2019, 21:10 Uhr

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