Eine weibliche Stimme für ein unterdrücktes Volk

Die Studentin Laila Fakhouri will friedlich auf eine freie Westsahara hinarbeiten. Viele ihrer Altersgenossen drohen mit Gewalt.

Wird in der Goethe-Stadt Weimar mit einem Friedenspreis ausgezeichnet: Laila Fakhouri. Foto: Terre des Hommes

Wird in der Goethe-Stadt Weimar mit einem Friedenspreis ausgezeichnet: Laila Fakhouri. Foto: Terre des Hommes

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Das Schicksal hat sie ohnehin zu einer ernsten jungen Frau gemacht, aber jetzt ist sie alarmiert. Nach 28 Jahren Waffenstillstand in der marokkanisch besetzten Westsahara sind die Friedensgespräche in Genf gescheitert. Die Geduld der jungen Sahrauis ist erschöpft. Ein neuer Krieg droht in der Heimat von Laila Fakhouri. «Das lässt mich verzweifeln», sagt sie.

Dabei hätte sie Grund zur Hoffnung. Die 25-jährige Studentin und Aktivistin der sahrauischen Unabhängigkeitsbewegung ist in Zürich auf der Durchreise nach Weimar. Dort erhält sie auf Vorschlag des Hilfswerks Terre des Hommes den Friedenspreis der Goethe-Stadt. «Das ist eine Gelegenheit für mich, den Leuten unsere Sache in Erinnerung zu rufen», sagt Fakhouri. «Die Welt hat uns vergessen».

Die letzte Kolonie in Afrika

Der Konflikt in der Westsahara schwelt, seit Spanien seine Kolonie 1975 aufgegeben hat. Marokko besetzte das Gebiet gewaltsam, um seine Bodenschätze und Fischgründe zu nutzen. Die Frente Polisario, die Befreiungsbewegung der Sahrauis, wehrte sich zuerst mit Gewalt, seit dem Waffenstillstand 1991 unter Schirmherrschaft der UNO auf friedlichem Weg.

Die erhoffte Unabhängigkeit liessen die neuen Kolonialherren aus Marokko aber nie zu. Sie beuten die Phosphatvorkommen aus, vor der Küste fischen marokkanische und europäische Fangflotten. Die sozialistische Polisario kontrolliert einen schmalen Streifen des Gebiets, Marokko den Rest. Dazwischen verläuft eine mit Landminen verseuchte Grenzlinie.

Nach Angaben der UNO leben 160000 Sahrauis in Flüchtlingslagern rund um Tindouf in Algerien. Dafür siedelt Marokko eigene Landsleute in der Westsahara an. Sahrauis, die im besetzten Gebiet oder in Marokko leben, werden unterdrückt. Menschenrechtsorganisationen und Fakhouri selbst berichten von Berufsverboten, Morddrohungen, willkürlichen Verhaftungen, von der Verschleppung und Folterung vieler Aktivistinnen und Aktivisten.

Ausgelacht und ausgegrenzt

Dass sie Angehörige einer unterdrückten Minderheit ist, spürte die in Südmarokko aufgewachsene Laila Fakhouri schon in der Schule. «Ich wurde ausgelacht, ausgegrenzt.» Dennoch konnte sie in Agadir ein Englisch-Studium beginnen. Von den meisten Studiengängen sind Sahrauis in Marokko allerdings ausgeschlossen. Nach dem Vorbild eines Onkels begann sich Fakhouri für die Freiheitsbewegung zu engagieren. Dafür wird sie, wie sie erzählt, von den marokkanischen Behörden laufend schikaniert. Als sie von den Flüchtlingslagern in Algerien zurückkehrte, wurde sie gewaltsam durchsucht.

Laila Fakhouri gehört zur dritten Generation Sahrauis, die unter marokkanischer Herrschaft aufwachsen. Sie versteht ihre Altersgenossen gut, die nun wieder zu den Waffen greifen wollen. «Man hat uns jede Hoffnung genommen, da ist für viele Gewalt wieder legitim.»

Der Friedenspreis kommt damit genau zum richtigen Zeitpunkt. Er ist ein Zeichen dafür, dass die Welt die Sahrauis doch nicht vergessen hat, findet Fakhouri. Und das gleich doppelt: Ihre Freundin und Mitaktivistin Aminatou Haidar hat kürzlich ebenfalls eine internationale Auszeichnung erhalten: den «Right Livelihood Award», besser bekannt als Alternativer Nobelpreis.

Tomaten aus der Westsahara in der Schweiz

Und was wünscht sich Fakhouri von der Schweiz? «Dass sich Schweizer Firmen nicht weiter im besetzten Gebiet engagieren.» Sie berichtet von Schweizer Detailhändlern, die Tomaten, Melonen und Fische von dort beziehen, von Speicherkomponenten für Solaranlagen in der westsaharauischen Wüste, von Betonlieferungen ans marokkanische Militär.

Schweizer Beton, der der Unterdrückung dient.

Erstellt: 09.12.2019, 22:37 Uhr

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