Endlich spricht ein Firmenchef

Die Zürcher Steuerreform soll «Statusgesellschaften» am Wegzug hindern. Jetzt erläutert der Chef eines betroffenen Grosskonzerns seine Situation.

Drei Männer für eine Steuerreform (v.l.n.r.): Dow-Chef <nobr>Marc Winet</nobr>, der Zürcher Finanzdirektor <nobr>Ernst Stocker</nobr> und der Horgner Gemeindepräsident <nobr>Theo Leuthold</nobr>.

Drei Männer für eine Steuerreform (v.l.n.r.): Dow-Chef Marc Winet, der Zürcher Finanzdirektor Ernst Stocker und der Horgner Gemeindepräsident Theo Leuthold. Bild: Urs Jaudas

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Am Anfang stand ein Loch. Kein Sommerloch oder Schwarzes Loch. Schlupfloch oder Loch in der Kasse kommt der Sache inhaltlich zwar näher, ist aber unpräzis. Denn es war das Tunnelloch. Jenes, das die S-Bahn zwei Mal in der Stunde vom Kanton Zürich nach Baar und Zug führt. Das Tor zum Steuerparadies.

Am Bahnhof Horgen Oberdorf also, 300 Meter vom Tunnelportal entfernt, startete am heutigen Freitag der Zürcher Finanzdirektor Ernst Stocker (SVP) seinen traditionellen Sommerspaziergang. Zusammen mit dem Horgner Gemeindepräsidenten Theo Leuthold (SVP), Steueramtschefin Marina Züger und Standortförderer Marc Winet marschierte eine kleine Schar Journalisten Richtung See und schaute sich Wohnviertel an, wo einst die lokalen Seidenbarone ihre Fabriken aufgebaut hatten.

Kaum im Parkbad Seerose angekommen, bezeichnete Stocker sein Thema als «nicht grad sexy» angesichts des schönen Wetters. Es ging um die kantonale Umsetzung der Steuervorlage 17. Durchaus vielversprechend war für Interessierte aber der Umstand, dass Marc Winet nicht nur Präsident der regionalen Wirtschaftsförderung ist, sondern auch Chef von Dow Europe. Dow ist ein US-Chemiegigant, der 1974 Horgen als Hauptsitz für die Regionen Europa, Naher Osten, Afrika und Indien auserkor. Und Dow ist eine sogenannte Statusgesellschaft, wie Winet bestätigte.

Dow-Chefs werden von Holland umworben

Die Firma profitiert also von Steuervergünstigungen. Diese werden ab 1. Januar 2020 aufgehoben, wie das eidgenössische Stimmvolk im Mai entschieden hat. Winet erklärte in seltener Offenheit, was dies für sein Unternehmen bedeutet. Falls die Zürcher Umsetzungsvorlage am 1. September an der Urne scheitert, muss Dow etwa doppelt so viele Steuern zahlen. Falls nicht, ist es etwa das Anderthalbfache, weil Dow einerseits von einem geringeren Gewinnsteuersatz und anderseits von Spezialitäten wie dem Forschungsabzug profitiert.

«Der Unterschied
zwischen Zürich und Zug
darf nicht zu gross werden.»
Marc Winet
Chef Dow Europe

Warum Dow steuerlich das Leben erleichtern?, könnte sich die Stimmbürgerin fragen. Winet ist weit davon entfernt, mit einem Wegzug zu drohen. Doch legt er dar, wie er andauernd der Zentrale in den USA und den Dow-Grossinvestoren aus Kanada erklären muss, warum der Europa-Sitz in der Schweiz sein soll, wo der Boden teuer ist und die Löhne hoch sind. «Andere Staaten wie Holland werben sehr offensiv und direkt beim US-Hauptsitz für sich», sagt Winet.

Der Regionalchef scheint aber überzeugend bei seinen Chefs zu argumentieren, hat der Konzern ihm doch kürzlich eine 14-Millionen-Investition in den Horgner Sitz gewährt, was als Bekenntnis zur Schweiz gedeutet werden darf. Dennoch sagt Winet: Die USA sind weit weg, und dort können Entscheide sehr schnell und radikal fallen. «Der Unterschied zwischen Zürich und Zug darf nicht zu gross werden», sagt Winet.

«Wenn sich die Wohnungsmiete verdoppelt, erwäge ich auch dann einen Umzug, wenn es mir in der Wohnung gefällt.»Ernst Stocker (SVP)
Zürcher Finanzdirektor

Stocker brachte die Situation für heute privilegiert besteuerten Firmen mit einem Vergleich auf den Punkt: «Wenn sich die Wohnungsmiete verdoppelt, erwäge ich auch dann einen Umzug, wenn es mir in der Wohnung gefällt.»

Stark von Firmensteuern abhängig

In Horgen weiss man, dass Dow – trotz bisheriger Ermässigung – einer der wichtigsten Steuerzahler ist. Natürlich nennt Gemeindepräsident Leuthold keine Zahlen, doch weist er darauf hin, dass neun von 900 Horgner Unternehmen fast das gesamte Substrat an Firmensteuern liefern. Leuthold rechnet in den kommenden Jahren mit weniger Steuereinnahmen, weil die Steuervorlage Erleichterungen für alle heute nicht privilegierten Firmen bringt. Doch geht er davon aus, dass sich die Verluste mit der Zeit glätten werden. In der Seegemeinde ist der Anteil der Unternehmenssteuern von 42 Prozent des Gesamtertrags sehr hoch.

Übertroffen wird der Wert nur von den Flughafengemeinden Kloten (65 Prozent) und Opfikon (53 Prozent) mit ihren vielen Hauptsitzen von internationalen Firmen. Zahlenmässig am meisten schenkt die Stadt Zürich ein, welche 40 Prozent ihrer Steuern von Firmen erhält und nur 60 Prozent von natürlichen Personen. Im ganzen Kanton beträgt der Unternehmensanteil 23 Prozent, was im Vergleich zu Basel, Genf oder Zug wenig ist.

2060 Statusgesellschaften

Ernst Stocker präsentierte neue Zahlen zu den Statusgesellschaften, die ihre Privilegien verlieren und deren Wegzug er mit der Umsetzungsvorlage zur Steuerreform unbedingt verhindern will. Die Anzahl stieg von 1991 im Jahr 2015 auf 2060 im Folgejahr. Diese zahlten mit 336 Millionen Franken (2015: 265 Millionen) immerhin 18 Prozent der Unternehmenssteuern. Gemäss Steueramtschefin Züger zahlen rund 100 Firmen den Grossteil der Steuern. Darunter befänden sich auch ein paar Statusgesellschaften.

Welche Firmen heute privilegiert sind, ist ein grosses Geheimnis. Ein Grossteil sind gemäss Züger Schweizer Firmen, finanziell profitieren aber internationale Firmen mehr, weil sie grösser sind. Immerhin hat sich nun Dow geoutet. Auch weiss man von der Swiss Re oder der Bucher Landtechnik AG. «Die meisten international orientierten Firmen haben in ihrer Struktur eine Tochtergesellschaft, die heute steuerlich begünstigt ist», sagt Mario Senn von der Zürcher Handelskammer.

Warum kein sozialer Ausgleich?

Stocker ging auch auf die Kritik von Links ein, dass in der Zürcher Umsetzungsvorlage im Gegensatz zu anderen Kantonen wie Basel, St. Gallen oder Waadt kein sozialer Ausgleich für die Menschen eingebaut wurde. «Diese Kantone haben tiefe Firmensteuern und hohe Steuern für natürliche Personen», sagte Stocker. In der Stadt Zürich zahle eine vierköpfige Zweiverdiener-Familie mit 100'000 Franken Bruttoeinkommen rund 3000 Franken Steuern. In Basel muss dieselbe Familie 4700, in St. Gallen 5400 und in Lausanne 8100 Franken hinlegen. Dazu kommen teils deutlich höhere Krankenkassenprämien.

Zürich senkt die Firmensteuern weniger stark als die anderen Kantone (zum Vergrössern bitte anklicken). Quelle: Kanton Zürich

Für den Mittelstand sei Zürich also ein gutes Pflaster. Bei den Firmen könne Zürich nicht mithalten, müsse aber mit einer massvollen Steuersenkung dafür sorgen, nicht Arbeitsplätze zu verlieren und weiter ins Hintertreffen zu geraten.

Erstellt: 19.07.2019, 18:26 Uhr

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