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Kirchengeläut vor Gericht: Kläger bekam anonyme Briefe

Im Streit um den nächtlichen Glockenschlag einer Kirche in Wädenswil hat das Bundesgericht ein wegweisendes Urteil gefällt.

Das Bundesgericht entscheidet: Wie häufig darf die evangelisch-reformierte Kirche in Wädenswil läuten?
Das Bundesgericht entscheidet: Wie häufig darf die evangelisch-reformierte Kirche in Wädenswil läuten?
Ennio Leanza, Keystone

Es ist ein Leiturteil, das heute Mittwoch in Lausanne gefällt wurde. Die Mehrheit der Bundesrichter entschied bei einer öffentlichen Beratung heute Mittwochmorgen darüber, wie oft die Glocken der evangelisch-reformierten Kirche in Wädenswil ZH nachts läuten dürfen. Die Richer kamen zum Schluss, dass es keinen Anlass gebe, um von der bisherigen Rechtsprechung abzuweichen. Das heisst: Die Glocken der reformierten Kirche Wädenswil dürfen weiterhin auch nachts alle 15 Minuten schlagen. Das Bundesgericht hat eine Beschwerde der Stadt und der Kirchgemeinde gutgeheissen.

Worum wurde gestritten?

Die Glocken der evangelisch-reformierten Kirche läuten im Viertelstundentakt. Auch nachts, zwischen 22 und 7 Uhr. Ein Ehepaar das rund 200 Meter entfernt von der Kirche lebt, fühlte sich gestört, hatte geklagt und wollte die Glocken zum Schweigen bringen.

Wer hat geklagt?

Die Kläger sind erst vor einigen Jahren nach Wädenswil gezogen. Gemäss Messungen von Technikern treffen die Glockenschläge bei offenem Fenster mit 55 Dezibel, bei geschlossenem mit 43 Dezibel auf das Bett. 55 Dezibel entsprechen etwa der Lautstärke eines normalen Gesprächs. Das Ehepaar hat mit seiner Klage den Zorn der Alteingesessenen auf sich gezogen, schreibt die «Aargauer Zeitung». Sie zitiert aus einem anonymen Brief, den der Mann erhalten hat: «Ich habe ganz vergessen, Ihnen eine Schlaftablette zu übermitteln. Wenn Sie zu viel nehmen, haben wir Ruhe vor Ihnen.» Dass das Ehepaar geklagt hat, hat auch medizinische Gründe. Die Ehefrau leidet an einer seltenen Krankheit. «In der Nacht wird die Frau durch die Kirchenglocken regelmässig am Einschlafen gehindert bzw. wieder aus dem Schlaf gerissen. Aus medizinischer Sicht sollten diese nächtlichen Schallereignisse möglichst vermieden werden», heisst es laut «Aargauer Zeitung» in einem Arztzeugnis.

Wie hat das Verwaltungsgericht entschieden?

Das Verwaltungsgericht hat im August 2016 ein Urteil im Wädenswiler Glockenstreit gefällt. Es hat entscheiden, dass die Kirchenglocken zwischen 7 und 22 Uhr noch stündlich, und nicht wie bisher viertelstündlich läuten dürfen. Erstmals hat ein Gericht sich dabei auf eine ETH-Studie aus dem Jahr 2011 gestützt.

Was sagt die ETH-Studie?

2011 veröffentlichte die ETH eine Studie, die sich mit der Auswirkung der Glockenschläge auf die Bevölkerung auseinandergesetzt hat. Die neue Erkenntnis: Glockenläuten kann nicht erst ab 60 Dezibel, sondern bereits ab 40 Dezibel negative Einflüsse auf den Schlaf haben. Weiter schrieben die Forscher, dass Menschen, die maximal 150 Meter von einer Kirche entfernt leben, mindestens einmal pro Nacht aufwachen. Im ganzen Kanton Zürich seien 25'000 Menschen davon betroffen. Bereits eine Reduktion von fünf oder mehr Dezibel bei Glockenschlägen würde die negative Wirkung vermindern. Die Bundesrichter erachteten nun der Lärmstudie als zu wenig aussagekräftig und fundiert.

Gibt es ähnliche Fälle im Kanton Zürich?

Das Bundesgericht hat schon zweimal über einen Glockenstreit im Kanton Zürich geurteilt. 2010 hat es eine Klage eines Anwohners aus Gossau zurückgewiesen. Er wollte kein nächtliches Kirchengeläut mehr. Das Gericht argumentierte jedoch, dass ein öffentliches Interesse am Glockenschlag bestünde. Im Jahr 2000 unterlagen die Kläger aus Bubikon, welche die Kirche zwischen 5 und 7 Uhr in der Früh verstummen lassen wollten.

Wie handhaben es die Stadtzürcher Kirchen?

Das «Tagblatt der Stadt Zürich» hat im November eine Umfrage bei den 60 Kirchen auf dem Stadtgebiet durchgeführt und gefragt, wie oft sie die Glocken läuten lassen. Denn jede Kirchgemeinde kann dies selber regeln. Das Resultat: Fast zwei Drittel der Kirchen halten sich an eine Art Nachtruhe und verzichten während einiger Stunden auf Glockenschläge. Die Dauer der Nachtruhe variiert allerdings. Die Andreaskirche im Sihlfeld verzichtet 12 Stunden lang, von 20 bis 8 Uhr auf das Läuten. Die Citykirche offene St. Jakob in Aussersihl ist hingegen nur zwischen 24 und 6 Uhr stumm. Vier Kirchen in der Stadt läuten nur zur vollen Stunde, fünf weitere reduzieren die Lautstärke und 13 läuten durch.

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