Er darf Waffen kaufen, obwohl er Schüler bedrohte

Das Verwaltungsgericht Zürich erlaubt einem Mann den Waffenerwerb – trotz Eintrag im Polizei-Informationssystem. Die Gemeinde hatte die Bewilligung verweigert.

Ein Mann drohte Schülern, die seine Tochter gemobbt hatten: «Ich habe mir überlegt, euch zu erschiessen.»

Ein Mann drohte Schülern, die seine Tochter gemobbt hatten: «Ich habe mir überlegt, euch zu erschiessen.» Bild: Nicola Pitaro

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Im September 2016 kam es in der Schule der damals 14-jährigen E. zum Krisengespräch. E., schon lange von einigen Klassenkollegen gemobbt, war an jenem Tag im Singunterricht zusammengebrochen, weil sie erneut von vier Mitschülern gehänselt worden war. Im Gespräch mit den Übeltätern riss dem Vater von E. der Geduldsfaden. Er sagte ihnen: «Ich habe mir überlegt, euch abzupassen, euch zu verprügeln, euer Haus anzuzünden, euch zu erschiessen. Ich bin ein guter Schütze.»

Dieser Mann soll nun einen Waffenerwerbsschein erhalten. So hat es das Verwaltungsgericht entschieden – und damit den Entscheid der Gemeinde und des Bezirksstatthalters aufgehoben. Es gebe keine überwiegende Wahrscheinlichkeit einer Drittgefährdung, schreibt das Verwaltungsgericht in seinem heute veröffentlichten Entscheid.

Mitschülern Brust- und Hodenkrebs gewünscht

Doch von vorne. Keine zwei Monate nach dem Vorfall an der Schule, im November 2016, stellte der Mann ein Gesuch für den Kauf einer Pistole und zweier Gewehre. Doch die Gemeinde sagte Nein. Grund: Die Drohung gegenüber den Schülern war im Polizei-Informationssystem vermerkt worden. Es gibt einen Rapport dazu, ausführlich ermittelt haben die Strafverfolgungsbehörden aber nicht, denn die Bedrohten verzichteten mit Unterschrift auf einen Strafantrag.

Tätig wurde dafür ein Polizist, er rief den Mann im Sinn einer sogenannten Gefährderansprache an. Doch der reagierte ungehalten, wünschte den vier Mitschülern seiner Tochter Brust- und Hodenkrebs und beendete das Telefonat. Der Polizist schloss daraus, der Mann habe «konfliktfördernde Eigenschaften» wie Wut, er sei enttäuscht, laut, bedrohlich.

Hausdurchsuchung statt Bewilligung

Das Nein der Gemeinde akzeptierte der Mann nicht. Er legte beim Statthalteramt Rekurs ein mit der Begründung, er wolle als Sammler und Sportschütze seine Sammlung ergänzen. Den Vorfall vom September schilderte er nicht als Drohung, vielmehr habe er den Schülern unter Tränen aufzuzeigen versucht, was das Mobbing in seiner Familie bewirke. Doch das Statthalteramt reagierte nicht so, wie es sich der Mann erhofft hatte. Es ordnete im Gegenteil eine Hausdurchsuchung an, was damit endete, dass die Polizei im Januar 2017 zwei Pistolen und ein Gewehr beschlagnahmte.

Der Mann zog den Entscheid ans Verwaltungsgericht weiter, und dieses gab ihm nun recht. Die Drohung den Schülern gegenüber ist für das Gericht kein Argument. «Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass er je daran gedacht hätte, die ihm vorgeworfenen Drohungen zu verwirklichen», schreibt das Gericht. Diesen Schluss zieht es einerseits, weil die vier Schüler auf einen Strafantrag verzichteten und auch die Klassenlehrerin und der Schulleiter, die beim Gespräch anwesend waren, nicht weiter intervenierten. Anderseits führte der Mann laut dem Gericht selbst aus, er habe die Drohung mit dem Satz relativiert: «Unsere Familie ist anständig und würde solche Dinge nicht tun.»

Er hätte auch so zur Tat schreiten können

Die Beobachtungen des Kantonspolizisten sind für das Gericht bloss eine Momentaufnahme, aber kein Grund, einen Waffenerwerbsschein zu verweigern. Zum Zeitpunkt, als dieser für eine Gefährderansprache angerufen habe, sei der Mann wohl «etwas ungehalten» gewesen, er habe sich offenkundig von sämtlichen Amtsstellen allein gelassen gefühlt. Denn obwohl die Tochter nach dem Zusammenbruch in eine andere Schule versetzt wurde, war es Anfang November erneut zu einem Zusammentreffen mit den ehemaligen Mitschülern gekommen, und wieder hatten diese das Mädchen ausgelacht.

Seither, so das Verwaltungsgericht, hätten sich die Verhältnisse aber beruhigt. Im Übrigen hätte der Mann keinen Waffenerwerbsschein gebraucht, hätte er wirklich zur Tat schreiten wollen. Er hatte ja schon Pistolen und ein Gewehr im Haus. Ob der Mann die im Januar beschlagnahmten Waffen wieder erhalten hat, geht aus dem Urteil nicht hervor.

Erstellt: 19.06.2018, 13:59 Uhr

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