«Er hat drei gesunde Töchter zu psychischen Krüppeln gemacht»

Ein Mann hat seine Kinder unvorstellbar misshandelt. Er wurde zu acht Jahren Gefängnis verurteilt.

Der angeklagte Familienvater (links) vor dem Bezirksgericht Uster. Gerichtszeichnung: Robert Honegger

Der angeklagte Familienvater (links) vor dem Bezirksgericht Uster. Gerichtszeichnung: Robert Honegger

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Er war einmal das, was man einen respektablen Bürger nennt. Verheiratet, drei Töchter, guter Job, Engagement im Dorf. Jetzt sitzt er vor einem Saal im Bezirksgericht Uster und wartet auf seine Verhandlung. Auf seinem Gesicht spiegeln sich Scham und Angst, er weiss, er muss mit einer hohen Strafe rechnen. Sein Leben liegt in Trümmern, den Job hat er verloren, die Familie sowieso, seine Freunde haben sich von ihm abgewandt.

Dann erblickt er eine junge Frau, zart wie ein Schmetterling, seine jüngste Tochter, die er seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hat. Er schlägt die Hände vors Gesicht, stöhnt «oh, Gott», sein Verteidiger murmelt «ganz ruhig». Um die junge Frau wird es heute gehen, darum, was er ihr und ihren Schwestern angetan hat. Von Tyrannei spricht die Staatsanwältin, die Anwältin einer der Töchter braucht das Wort Folter – unvorstellbar ist es sowieso, was sich in den vier Wänden dieses Mannes zugetragen hat.

«Ich habe mich geschämt»

Es beginnt mit Misshandlungen. Anfangs sind es Schläge ins Gesicht der Sechsjährigen. Bald werden die Erziehungsmethoden rüder. Der Vater lässt sie im Badezimmer niederknien, drückt sie am Nacken über den Badewannenrand und spritzt ihnen von unten kaltes Wasser ins Gesicht. Einmal, als er zwei der Mädchen beim Spiel mit einem Plastiksack erwischt, zieht er ihnen nach­einander die Tüte über den Kopf, hält sie mit den Händen um den Hals zu.

Als die Älteste in die Pubertät kommt, stoppt der Vater die Züchtigungen, dafür wird er sexuell übergriffig. Alle paar Tage muss ihm die Tochter zur Verfügung stehen, etwa vier Jahre lang. Danach befriedigt er sich selbst, unter der Bettdecke oder von der Tochter abgewandt, damit sie «es» nicht sieht. «Ich habe mich geschämt», sagt er.

Als die Älteste auszieht, missbraucht er die Mittlere. Die Jüngste muss «nur» Misshandlungen ertragen. Aber schon das ist mehr, als sie aushalten kann. Während der Richter ihren Vater detailliert zu den sexuellen Handlungen befragt, verlässt sie fluchtartig den Saal. Sie ist, wie ihre Schwestern auch, hochgradig traumatisiert. Von einer geregelten Arbeit ist sie weit entfernt, sie lebt in einer geschützten Institution für psychisch Behinderte.

Nach dem Missbrauch die Ruhe

Warum tut ein Vater solche Dinge? Auf diese Frage des Richters ringt der Beschuldigte um Fassung. «Ich war komplett überfordert. Ich fühlte mich einsam, vernachlässigt von der Ehefrau», berichtet er stockend. Natürlich, eine Entschuldigung sei das nicht, beteuert er, aber vielleicht eine Erklärung. Er war nicht nur der alleinige Ernährer seiner Familie, er traf auch sämtliche wichtigen Entscheidungen allein, er kochte, ihm oblag die Erziehung der Kinder – «seine Frau hielt sich aus allem komplett heraus», sagt später sein Verteidiger.

Da habe er die Nähe der Mädchen gesucht. «Das war falsch. Aber nach dem Missbrauch», nun schluchzt er heftig, «hatte ich zwei, drei Minuten Frieden.» Eines ist ihm wichtig, nie habe er sie zu sexuellen Handlungen mit körperlicher Gewalt gezwungen. Überredet habe er sie, ja. Ihnen ein schlechtes Gewissen gemacht. Aber Gewalt? Nie. Und noch etwas ist ihm wichtig. Die Jungfräulichkeit der Mädchen. Geschlechtsverkehr war tabu.

Und die Züchtigungen? «Unverzeihlich, eine Überreaktion», sagt er, «aber ich wollte niemals ihr Leben in Gefahr bringen, das wäre doch unmenschlich. Ich hatte Angst um sie.» Die Sache mit dem Plastiksack zum Beispiel, da habe er den Kindern zeigen wollen, wie gefährlich es sei, damit zu spielen.

Was er seinen Töchtern damit angetan hat, das will er nicht geahnt haben, jedenfalls «nicht in dem Ausmass». Heute weiss er es: «Und es tut mir unendlich leid. Ich kann nur hoffen, dass sie sich nichts antun, dass sie irgendwann ein normales Leben führen können.» Im Schlusswort beteuert er unter Tränen: «Der einzige Grund, warum ich jeden Tag aufstehe, ist, um meine Strafe entgegenzunehmen, wie hoch auch immer sie ausfällt.»

Rücksichtslos – und reuig

14 Jahre verlangt die Staatsanwältin für den Beschuldigten. Sie beschreibt ihn als rücksichtlos und egoistisch. Seiner Reue hält sie den Eindruck entgegen, er bagatellisiere seine Taten bis heute: «Die möglichen Folgen eines solchen Verhaltens gehören zum Allgemeinwissen.» Das sehen auch die drei Geschädigtenvertreter so. «Er hat drei fantastische und gesunde Töchter zu psychischen Krüppeln gemacht», sagt einer.

Der Verteidiger findet dieses Bild einseitig: «Ich hatte noch nie einen so ehrlichen, reuigen Mandanten.» Abgesehen vom Vorwurf der Vergewaltigung und der Gefährdung des Lebens anerkenne er alle Anklagepunkte, aber: «Er hat nie beabsichtigt, den Mädchen zu schaden.» Eine Strafe von drei Jahren sei angemessen, davon sechs Monate unbedingt.

Das Gericht verurteilte den Mann gestern zu acht Jahren Gefängnis, unter anderem wegen schwerer Körperverletzung und sexuellen Handlungen mit Kindern. Nur vom Vorwurf, das Leben seiner Töchter gefährdet zu haben, sprach es ihn frei. Der Richter fand deutliche Worte an die Adresse des Beschuldigten: «Ihr Motiv ist abgrundtief schlecht.» Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig; ein Weiterzug ist wahrscheinlich.

Erstellt: 15.06.2018, 10:10 Uhr

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