Er hatte ein Burn-out – und dann eine Idee

Bei Werner Klecka brach vor vier Jahren eine Welt zusammen. Nun will der 62-Jährige aus Bachenbülach Leidensgenossen helfen.

Keine Spur von Ruhestand: Werner Klecka entwickelt mit 62 Jahren eine Selbsthilfe-App für Burn-out- und Depressions-Betroffene. Bild: zvg

Keine Spur von Ruhestand: Werner Klecka entwickelt mit 62 Jahren eine Selbsthilfe-App für Burn-out- und Depressions-Betroffene. Bild: zvg

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Vor vier Jahren brach Werner Klecka mitten in einer Verwaltungsratssitzung in Tränen aus. Danach hörte der gestandene Unternehmer, seit 1981 selbstständig, für viele Wochen nicht mehr auf zu weinen: Hoher Druck, unvorhergesehene Ereignisse, private Probleme – Burn-out. «Ich hätte niemals gedacht, dass es mich treffen würde», sagt der heute 62-jährige Bachenbülacher. «Davor denkt man ja immer, man sei der Siebesiech, man schaffe das schon.»

Das war vor vier Jahren. Nach seinem Zusammenbruch hörte Klecka auf zu reden, verkroch sich, seine Beziehung zerbrach. Er liess sich für neun Wochen in eine Burn-out-Klinik einweisen, danach wurde er Uber-Fahrer in Zürich, fuhr Passagiere von A nach B. «Das hat mich im Rückblick gerettet», sagt er. Nicht das Fahren, aber die Gespräche mit den Menschen. Jeder kannte jemanden, dem dasselbe wie ihm passiert ist. Und in Kleckas Kopf wuchs langsam eine Idee.

Programmierung finanziert

Kürzlich hat er seinen gemeinnützigen Verein Upway ins Handelsregister eintragen lassen. Und aufwärts soll es gehen: Klecka hofft nun, dass die Unterstützung des Vereins zur Bewältigung von Depressionen, Equilibrium, sein Crowdfunding auf der Plattform Lokalhelden.ch über die Schwelle von 70'000 Franken bringen wird. Damit kann er seine App programmieren lassen. 230'000 Franken braucht er zusätzlich, um die App mit seinem Verein lancieren zu können.

Mit diesem Video sucht Klecka finanzielle Unterstützung für seine App. Video: Vimeo

Upway soll Burn-out-Betroffenen und Depressiven eine Hilfe zur Selbsthilfe sein. «Die App soll all das bieten, was ich damals gebraucht hätte», sagt Klecka. Was er gebraucht hätte, wäre ein bisschen Hilfe gewesen. Jemand, der mit ihm ein Gespräch führt, jemand, der mit ihm die Freizeit verbringt, der ihn versteht oder triviale Hilfeleistungen im Haushalt leistet. Auch rasche Informationen über Therapieformen und Depressions-Krankheitsbilder hätten ihm geholfen. «Denn Menschen mit Depressionen kann geholfen werden», sagt Klecka.

Hilfe auf dem Smartphone

Upway soll alles versammeln: Therapeuten, Kliniken, Informationen, eine anonyme Chatfunktion und die Möglichkeit, sich gegenseitig zu lokalisieren. Betroffene sollen sich gegenseitig kontaktieren, aushelfen und in anonymen oder offenen Foren austauschen können. Selbsthilfegruppen auf dem Smartphone also. Selbsthilfegruppen helfen erwiesenermassen gegen Rückfälle. «Ich konnte es in der Klinik nicht fassen, dass die Leute teilweise zum fünften Mal da waren», sagt Klecka.

Die Kundschaft könnte also vorhanden sein. Gemäss Bundesamt für Statistik befanden sich 2017 eine halbe Million Schweizerinnen und Schweizer wegen psychischer Probleme in Behandlung. Im Kanton Zürich sind es fast 90'000 Menschen. In einer 2018 veröffentlichten Studie der Forschungsstelle Sotomo gaben fast 20 Prozent der Teilnehmer an, sich aktuell in einem länger andauernden emotionalen Tief zu befinden.

Stress kostet die Schweizer Wirtschaft 5,7 Milliarden

Kleckas Selbsthilfe-App soll rund fünf Franken kosten und vielleicht schon im Herbst mit einer Beta-Version verfügbar sein. Klecka will Arbeitgebern, dem Arbeitsvermittlungsamt, der Invalidenversicherung, Krankenkassen, Taggeldversicherern und Sozialanlaufstellen Nutzungsabos verkaufen, die sie den Mitarbeitern und Leistungsempfängern kostenlos weitergeben können. Denn Burn-outs kosten.

Ziemlich viel sogar. Der Job-Stress-Index von Gesundheitsförderung Schweiz schätzte 2016, dass Stress die Schweizer Wirtschaft rund 5,7 Milliarden Franken pro Jahr kostet. Jeder vierte Erwerbstätige hat mehr Belastungen am Arbeitsplatz als Ressourcen und ist erschöpft.

Kleckas Ziel ist ein selbsttragender Verein. «Die Organisation soll gemeinnützig sein», sagt Klecka. Immer noch fehlt ihm der Rest des Geldes, damit sein Verein die Voraussetzungen zum Betrieb der App schaffen kann. Er sucht Vorstandsmitglieder und Mitarbeiter, die seine Vision mit ihm umsetzen. Denn eines würde Klecka niemals mehr tun: Eine Organisation aufbauen, die alleine von ihm abhängt. «Das habe ich auf die harte Tour gelernt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2019, 11:51 Uhr

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