Er hetzt bereits wieder gegen Juden

Kevin G., Sänger der Neonazi-Band Amok, wurde dieses Jahr verurteilt. Das hält den Zürcher Oberländer nicht davon ab, sein rechtsextremes Gedankengut weiterzuverbreiten.

Von Beruf Metzger: Der verurteilte Neonazi Kevin G..

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Im vergangenen Februar gab sich Kevin G. vor dem Richter geläutert. Er habe sich aus dem harten Kern der rechtsextremen Szene verabschiedet, sagte der 32-jährige Neonazi und Sänger der Band Amok vor dem Zürcher Obergericht. «Ich habe es definitiv auf die Spitze getrieben. Deshalb wurde ich auch verurteilt – und zwar zu Recht.» Sein Verteidiger plädierte gleichzeitig auf Freispruch. Das brachte wenig. Der Richter verurteilte Kevin G. zu einer Gefängnisstrafe von 12 Monaten wegen Rassendiskriminierung.

Diese darf Kevin G. in Halbgefangenschaft verbüssen – damit der praktizierende Metzger nicht aus dem sozialen Netz falle, wie der Richter bei der Urteilsverkündung sagte. «Wir haben Ihnen noch eine letzte Chance eingeräumt. Nehmen Sie sie wahr.» Nun zeigt sich, dass sich der Zürcher Oberländer keinesfalls gemässigt hat.

Die Band Amok veröffentlichte ein neues Album namens «Teeren & Federn», das seit einigen Tagen online zu kaufen ist. In den zwölf Liedern, die dem TA vorliegen, werden vergangene Aktionen verherrlicht, für die Kevin G. teilweise verurteilt wurde. Die erste Textzeile lautet: «Amok ist zurück, wir lassen gerne von uns hören. Wir sind ja auch gekommen, um die Ruhe zu stören.»

Attacke in Wiedikon

Im Lied «Nilpferd Jäger» wird jene Straftat bejubelt, für die der Neonazi seine Gefängnisstrafe verbüssen muss. Die Aktion ereignete sich im Juli 2015. Kevin G. feierte damals gemeinsam mit gleichgesinnten Freunden einen Polteranlass. Die Gruppe benutzte einen roten Bus als Transportmittel. In Zürich-Wiedikon eskalierte die Situation: Die Gruppe pöbelte einen orthodoxen Juden an, bespuckten ihn, machten Hitlergrüsse und riefen «Scheissjude» oder «Wir schicken euch nach Auschwitz!». Zivilisten, die im letzten Moment intervenierten, konnten noch Schlimmeres verhindern. Kevin G. wurde später vor Gericht als Anführer der Gruppe bezeichnet.

Seine Band Amok lässt den Vorfall wieder aufleben. Als Nilpferde werden Juden bezeichnet, als Jäger die Nazi-Gruppierung: «Sie haben es gewagt und das am helllichten Tag. Sie spuckten, schubsten, grüssten rum, beinahe brachten sie ihn um.» Und später im Lied: «Wir schreiten gleich zur Tat und rocken diesen Nilpferdstaat (...) wir kommen alle zum Entschluss, bald rollt er wieder, der Nilpferdjäger-Bus.» Zeilen, die zur Wiederholung der damaligen Straftat aufrufen.

Die Attacke auf einen Juden wird im Booklet ins Lächerliche gezogen.

Die Bandmitglieder werden im CD-Booklet nicht mit Namen genannt. Allerdings ist Sänger und Gründungsmitglied Kevin G. auf einem der Bilder zu sehen, und die Texte handeln teilweise von ihm selbst – mit Bezügen zu seinen früheren Wohnorten etwa. Auch die Stimme klingt gleich, wie auf früheren Alben.

«Das Lied der Band Amok ist gar mit einem realen physischen Angriff auf einen Menschen verknüpft.»Jonathan Kreutner, SIG-Generalsekretär

Der Schweizerisch Israelitische Gemeindebund (SIG) ist beunruhigt über die jüngste Amok-Veröffentlichung. Der Verband fürchtet, dass das Gedankengut jederzeit reale Konsequenzen haben könnte. «Dieses Lied ist gar mit einem realen physischen Angriff auf einen Menschen verknüpft», sagt SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner. Die Botschaften auf dem Album seien erschreckend. «Wir erwarten, dass die zuständigen Behörden die nötigen Abklärungen treffen und entsprechende Schritte einleiten.»

Jürg Krumm, Verteidiger von Kevin G., hatte keine Kenntnisse über die erneute Veröffentlichung. Er sagt auf Anfrage: «Ich gehe davon aus, dass die Texte nicht widerrechtlich sind.» Die Band lasse ihre Texte jeweils vor der Veröffentlichung von der deutschen Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien kontrollieren – um sich rechtlich abzusichern. Ob Kevin G. seine Gefängnisstrafe schon angetreten habe, könne er nicht sagen. Diesbezüglich kann auch das kantonale Amt für Justizvollzug keine Auskunft geben – es bleibt bis im neuen Jahr geschlossen.

Schon lange in der Szene aktiv

Kevin G. ist seit den frühen Nullerjahren in der Neonazi-Szene aktiv. Er wurde mehrfach verurteilt, und seine Kontakte reichen über die Landesgrenze hinaus. Etwa zu den deutschen Ablegern des rechtsextremen Netzwerks Blood & Honour. Ein Hinweis darauf befindet sich auch auf der aktuellen Platte: Das Booklet enthält ein Gruppenbild, auf dem die Gruppe mit einem bekannten Vertreter des Netzwerks posiert.

Weiter gibt es Hinweise darauf, dass Kevin G. Mitglied der Band Mordkommando war. Vor einigen Jahren rief die rechtsradikale Rockband zum Mord an Corine Mauch auf. Die Zürcher Stadtpräsidentin reagierte mit einer Strafanzeige, die jedoch im Sande verlief.

Erstellt: 26.12.2019, 19:05 Uhr

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