Er schickte Patienten nach Hause und gab Süchtigen Heroin

Erst riss Ambros Uchtenhagen die Mauern am Burghölzli ein, dann entwarf er die moderne Drogenpolitik. Was treibt den Pionier heute an?

Ambros Uchtenhagen mit seinem Reliefbild «Anarchie». Er hat es im neuen Atelier prominent platziert. Foto: Doris Fanconi

Ambros Uchtenhagen mit seinem Reliefbild «Anarchie». Er hat es im neuen Atelier prominent platziert. Foto: Doris Fanconi

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Er ist gerade am Zügeln. Zum 90. richtet sich Ambros Uchtenhagen ein neues Atelier ein, und er zeigt seine Bilder in zwei Ausstellungen. Auch wenn es in der Öffentlichkeit wenig bekannt ist: Zum Leben des emeritierten Zürcher Professors und Suchtpioniers gehört die Kunst ebenso wie die Psychiatrie. «Ich habe immer gemalt – ohne auszustellen und ohne etwas zu verkaufen.» Bis vor zwei Jahren. Da organisierte sein Freund, der kürzlich verstorbene Bildhauer Jürg Altherr, eine erste Schau.

Nun steht Ambros Uchtenhagen in einem grossen, fast leeren Raum. Ein hagerer, aufrechter Mann, der Selbstbewusstsein ausstrahlt, das grau melierte Haar nach hinten gekämmt, die Augen erwartungsvoll. Es riecht nach frischer Farbe und Holz. Uchtenhagen hat den idealen Arbeitsort gefunden, in einem ehemaligen Blumenladen an der Voltastrasse Zürich. Zwar am Berg, doch mit dem Tram leicht zu erreichen von der Kirchgasse, wo er wohnt. Entlang der geschwungenen Fensterfront steht eine Reihe Taschen voller Bücher, an der weiss getünchten Innenwand lehnen Bilder. Eines sticht hervor, Uchtenhagen hat es in der Fensterecke auf drei Stufen gestellt. Sein Titel: «Anarchie». Es ist ein Relief in Weiss, Schwarz und Rot, mit Acrylfarbe gespritzt. «So musst du weitermachen», habe Altherr zu ihm gesagt.

Wie viele Werke er bis heute geschaffen hat, weiss Uchtenhagen nicht. Es hat ihn bisher auch nicht gekümmert. Er hatte viel Platz, für seine Bilder und für die Bücher, die er seit der Jugend kaufte und sammelte. Reiseliteratur zuerst, «weil man während der Kriegszeit nicht selber reisen konnte», Philosophie und Religion, «um eine Orientierung zu finden», dann Kunst und Belletristik, «um die Welt durch die Augen der Schriftsteller zu sehen», und natürlich die medizinische Fachliteratur. In Altendorf im Kanton Schwyz hatten er und seine Frau, die SP-Politikerin und verhinderte erste Bundesrätin Lilian Uchtenhagen, in den Siebzigerjahren ein altes Bauernhaus gekauft, das sie nach und nach ausbauten.

Im Burghölzli gewohnt

Ambros Uchtenhagen war 1959 als Assistenzarzt in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich angestellt worden, vom damaligen Direktor Manfred Bleuler, dem Sohn des berühmten Eugen Bleuler. «Seine Bedingung war, dass ich die Dienstwohnung beziehe. Also wohnte ich mit meiner Familie fast 20 Jahre lang im Burghölzli – und stand nachts auf, wenn etwas war.»

An dienstfreien Sonntagen sei er jeweils mit Lilian über Land gefahren, um Ausschau zu halten nach einem Zweitwohnsitz. In Altendorf fanden sie ihn. Ein Zufall: 1956 hatten die beiden dort in der Schlosskapelle geheiratet – «Lilians Mutter zuliebe, die sehr katholisch war». In Zürich wollte damals kein Priester eine Mischehe trauen. «Ich hatte eigentlich immer Glück», sagt Ambros Uchtenhagen. Mit seiner Frau: «Keine hätte besser mit mir zusammen so ein Leben führen können.» Mit seinen Eltern, die ihm das Urvertrauen schenkten, dass er es schon schaffen werde. Als junger Mann war Uchtenhagen unstet, er reiste viel und studierte lange, zuerst Philosophie und Soziologie, danach Medizin.

Bilder: Lilian Uchtenhagen

Kantonaler Irreninspektor

Nach dem Staatsexamen ging es dann ziemlich gradlinig weiter. Er erhielt gleich die Assistentenstelle im Burghölzli. Die Klinik war damals chronisch überfüllt. Am Abend wurden Matratzen zwischen den Betten platziert, und Hunderte von Patienten mussten in ausserkantonale Kliniken verlegt werden. Später, als Oberarzt, besuchte Uchtenhagen diese Menschen regelmässig, sieben Jahre lang war er auch kantonaler Irreninspektor. «Das war mein grösster Lehrblätz. Ich sah, wie sich Schizophrene besser oder schlechter entwickelten je nachdem, wie sie untergebracht waren.»

Nachdem Bleuler 1969 abgetreten war, liess Uchtenhagen durch die Pflegenden und Assistenzärzte im Burghölzli untersuchen, welche Patienten ausserhalb der Klinik leben könnten, wenn es passende Betreuungsformen gäbe. Das Resultat: Die Hälfte wäre geeignet. «Das gab mir den nötigen Schub.» Uchtenhagen wurde zum Reformer. Es sei sein «ganz grosses Glück» gewesen, sagt er, dass er damals reif gewesen sei, die Sozialpsychiatrie aufzubauen – als der grosse Chef pensioniert wurde und weitherum klar war, dass es so nicht weitergehen konnte mit der abgeschotteten Psychiatrie.

Der Regierungsrat beschloss, statt eines einzelnen «Monarchen» in der Psychiatrie das Fach zu spezialisieren und mehrere Professuren zu schaffen. Fortan führten drei Männer das Burghölzli, man nannte sie «das Triumvirat Angst, Ernst und Unbehagen». Jules Angst war für die Forschung zuständig, Klaus Ernst für die Klinik und Ambros Uchtenhagen für die sozialpsychiatrischen Dienste.

«Man wird sich fragen, was die heute dominierende biologische Forschung den Patienten bringt.»

In kurzer Zeit baute er ein vielfältiges Angebot auf: Ambulatorien für chronische Patientinnen und Patienten, mobile Equipen, betreutes Einzelwohnen, Tages- und Nachtkliniken, Wohnheime, Pflegefamilien. Es gelang ihm stets, für seine Ideen die Unterstützung der Politiker und das nötige Geld zu erhalten. Heute wäre das undenkbar, in der Gesundheitspolitik geht es fast nur noch ums Sparen.

Viele Angebote gingen später verloren oder sind nur noch in kleinerem Umfang vorhanden – obwohl der Grundsatz «Ambulant vor stationär» anerkannt und heute wieder hoch im Kurs ist. Die Stellung der Sozialpsychiatrie ist schwach geworden. Es gebe keine Professur und kaum mehr universitäre Forschung, bedauert Uchtenhagen. Er ist aber sicher, dass das Pendel irgendwann zurückschlägt: «Man wird sich fragen, was die heute dominierende biologische Forschung den Patienten bringt.»

In den Siebzigerjahren kam er zu seinem zweiten grossen Thema, den Drogen. Es war die Zeit, als das Heroin den Markt eroberte. Uchtenhagen führte die Methadon-Behandlung ein und half mit, dass die Abgabe der Ersatzdroge bereits 1974 gesetzlich geregelt wurde.

Sprechstunde unter der Dorflinde

Damals knüpfte er auch Kontakt mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Diese sandte ihn nach Afghanistan, wo Unruhen ausgebrochen waren, weil das Land das Opium illegalisiert hatte. Uchtenhagen erinnert sich noch genau an seinen Einsatz: «Mit einem afghanischen Übersetzer und einem deutschen Polizeioffizier fuhr ich in einem russischen Jeep in die Provinz. In dem Gebiet gab es für eine Million Menschen nur einen Arzt.» Unter der Dorflinde habe er Sprechstunde gehalten, die Leute seien von weit her gekommen. Einige Jahre später hat ihn die WHO nochmals in das Land geschickt – um in Kabul eine Entzugsklinik für russische Offiziere einzurichten.

Und dann kam der Platzspitz. Und der Letten. Uchtenhagen war inzwischen ein international bekannter Drogenspezialist und Berater des Bundesrates. Er entwarf das Schweizer Modell einer kontrollierten Heroinabgabe, nachdem der Zürcher Stadtrat auf Anregung des Arztes André Seidenberg eine solche vorgeschlagen hatte.


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Politiker besuchten die offene Drogenszene in Zürich und liessen sich überzeugen. Das 4-Säulen-Modell mit Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression wurde zum Vorbild für die Drogenpolitik vieler Länder. Im Kanton Zürich gründete Uchtenhagen die ambulanten Jugend- und Drogenberatungsstellen Drop-in, die Entwöhnungsklinik Sonnenbühl und die Therapiestationen Bläsimühle und Steinwies.

Zäsuren im Lebenslauf

«Ich sorgte immer dafür, dass die richtigen Leute von meinen Ideen wussten, und diese unterstützten mich», erklärt Ambros Uchtenhagen seinen Erfolg. Dabei half ihm auch seine Frau Lilian, die zu den ersten Frauen im Nationalrat gehörte. Von 1971 bis 1991 war die Ökonomin und Frauenrechtlerin Mitglied der grossen Kammer in Bern.

Vor zwei Jahren ist Lilian Uchtenhagen gestorben. «Alles, was ich mache, ist eine grosse Hilfe, um die Lücke zu überbrücken», sagt Ambros Uchtenhagen. Er ist nach wie vor sehr aktiv, hält Vorträge, schreibt Leserbriefe und mischt sich in die aktuelle Drogenpolitik ein, indem er in der Cannabis-Frage für einen «tolerierten kontrollierten Markt» plädiert. Beim Institut für Sucht und Gesundheitsforschung, das er 1995 mitgegründet und bis vor kurzem präsidiert hat, ist er noch immer im Sitftungsrat.

Das Jahr seines 90. Geburtstages bringt nun eine weitere Zäsur. Er gibt das Haus in Altendorf auf. Er macht sich Gedanken, die er sich vorher nicht gemacht hat: «Was passiert mit all den Bildern, wenn es mich nicht mehr gibt?» Er fängt an zu reduzieren.

Buch über die grosse Reform

Der Tod selber beschäftige ihn nicht sehr, sagt er, «der ist geschenkt». Eher die Frage, was er noch mache mit der Zeit, die ihm bleibt. Auf jeden Fall will er malen. Und schreiben. Demnächst erscheint das Buch «Psychiatriereform in Zürich», in dem eine Dissertantin die Entwicklung der Sozialpsychiatrie zwischen 1970 und 1995 aufzeichnet, mit einem Vorwort von Uchtenhagen. Vielleicht wird er das Thema in einem weiteren Buch vertiefen. Und er wird über andere ihm wichtige Themen in wissenschaftlichen Zeitschriften publizieren. Noch heute bekomme er jede Woche Anfragen, Artikel zu schreiben, sagt Uchtenhagen. «Und so machen wir halt weiter.»

Retrospektive von Uchtenhagens Kunstschaffen, Galleria ilTesoro, Altendorf, Vernissage 25. August, bis 29. September.Bilder von Ambros Uchtenhagen, Stiftung Kunstsammlung Albert und Melanie Rüegg, Hottingerstrasse 8, Zürich, Vernissage 30. August, bis 27. Oktober. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2018, 08:13 Uhr

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