Er war der grosse Unbekannte, den jeder kennt

Kurz vor seinem 95. Geburtstag ist Max Vogt gestorben. Der Zürcher Architekt hat den Bauten der SBB in der Nordostschweiz seinen Stempel aufgedrückt.

Der langjährige Hofarchitekt der SBB auf einer Aufnahme von 2006. Bild: Ayse Yavas/Keystone

Der langjährige Hofarchitekt der SBB auf einer Aufnahme von 2006. Bild: Ayse Yavas/Keystone

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Das bekannteste Bauwerk von Max Vogt ist das Zentralstellwerk vor dem Zürcher Hauptbahnhof mit dem markanten Zürich-Logo und der SBB-Uhr. Das Gebäude repräsentiert die Bauweise von Vogt: Häuser aus Beton, ohne Firlefanz und nur dem Zweck dienend. Kein Wunder, dass er in den Medien als «Corbusier der SBB» bezeichnet wurde.

Max Vogt prägte von 1957 bis 1989 als SBB-Architekt die Bahnarchitektur zwischen Kaiseraugst und Chur und zwischen dem Boden- und dem Walensee. Er hatte von 1945 bis 1949 an der ETH studiert, zu seinen Vorbildern gehörte der französische Architekt Le Corbusier. Als Baumaterial wählte er Sichtbeton, seine Gebäude sind Kompositionen aus ineinandergeschobenen Körpern.

Das Zentralstellwerk vor dem Zürcher Hauptbahnhof. Bild: Walter Bieri/Keystone

Als Leiter der damaligen SBB-Kreisdirektion III war er für alle Neubauten zuständig. Über 160 Bahnhöfe, Stellwerke, Güterschuppen, Haltestellen und Wohnhäuser haben Max Vogt und seine Mitarbeiter errichtet. Obwohl die meisten Leute seine Bauwerke kennen, beispielsweise die Bahnhöfe Effretikon, Killwangen-Spreitenbach, Stäfa, Erlenbach, Thalwil oder Herrliberg-Feldmeilen (um nur einige zu nennen), war er einer grossen Öffentlichkeit kein Begriff. Nur wenige Fachleute kannten seinen Namen.

Max Vogt und seine Sektion entwarfen und bauten bis zu 40 Projekte pro Jahr.

Vogt muss sich wie im architektonischen Schlaraffenland gefühlt haben. Zum einen war der Erneuerungsbedarf enorm: Zwischen 1955 und 1965 verdreifachten die SBB ihre Investitionen. Max Vogt und seine Sektion entwarfen und bauten bis zu 40 Projekte pro Jahr. Zum anderen galten für die Bahnbauten keine kommunalen Bauvorschriften. Massgebend waren der SBB-Betrieb und die Sicherheit, schrieb die SRF-Kulturredaktorin Karin Salm zum Tod des grossen Architekten.

Ein typischer Vogt-Bau: Der Bahnhof Stäfa. Bild: Michael Trost

Max Vogt war bereits am 12. Dezember in Zürich gestorben, wie in den Todesanzeigen in den Zeitungen vom letzten Samstag zu lesen ist. Die Abschiedsfeier findet am Freitag, 10. Januar, um 14 Uhr in der römisch-katholischen Kirche Allerheiligen in Zürich-Affoltern statt.

«Guter Bau» oder «Schandfleck»?

«Vogt war der letzte eisenharte Funktionalist», sagt der bekannte Architekt und Publizist Benedikt Loderer. Dies habe auch etwas mit den SBB zu tun gehabt. Ein Bahnbetrieb müsse funktionieren und entsprechend sei alles reglementiert, präzise und solid – wie die Bahn selbst. Max Vogt habe konsequent die «corbusianische» Formensprache beibehalten und wenig Kompromisse gemacht. Er sei ohne Zweifel ein hervorragender Architekt gewesen, fasst Benedikt Loderer dessen Arbeit zusammen.

Dass seine Bauweise kritisiert wurde, überrascht nicht. So erhielt eines seiner bekanntesten Gebäude, der Bahnhof Altstetten, zwar von der Stadt Zürich 1972 die Auszeichnung für «gute Bauten». Das neunstöckige Gebäude mit 45 Dienstwohnungen wurde aber auch 2006 für die Serie «Schandfleck» von SRF nominiert.

Das Bahnhofsgebäude in Zürich-Altstetten Ende der Sechzigerjahre. Bild: ETH-Bildarchiv/Adolf Reck

Erstellt: 31.12.2019, 13:21 Uhr

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