Erkan aus Winterthur wird Islamist

Klein, stämmig, weiches Gesicht: Tagesanzeiger.ch/Newsnet traf den 20-jährigen Erkan. Er erzählt, wie er zum Salafisten wurde. Und dann war er plötzlich weg.

Die Moschee An’Nur befindet sich an den Bahngleisen unweit der Bahnhaltestelle Hegi. Bild: Heinz Diener (Landbote)

Die Moschee An’Nur befindet sich an den Bahngleisen unweit der Bahnhaltestelle Hegi. Bild: Heinz Diener (Landbote)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Alkohol. Drogen. Frauen. Immer wieder Schlägereien. So sah noch vor eineinhalb Jahren Erkans Leben aus. Zumindest erzählt er es so. Der 20-Jährige ist klein und stämmig, sein Gesicht weich, auch der halblangen, gewellten Haare wegen, der Blick wach.

Heute ist Erkan, der eigentlich anders heisst, strenggläubiger Muslim. Er sagt: praktizierender Muslim. Das heisst für ihn, fünfmal am Tag beten, ja überhaupt nach den Regeln des Korans leben. Er nimmt das Buch wörtlich, es ist ja ein Buch, sagt er. Es ist ja das Buch.

Erkan ordnet sich den Salafisten zu, wünscht sich die Einführung der Scharia, auch in der Schweiz. Den Schweizer Staat, generell die Demokratie, lehnt er ab, ebenso die Schweizer Justiz. Dies könnte ihm bald Probleme eintragen: Im Herbst muss sich Erkan vor dem Bezirksgericht Winterthur verantworten. Angeklagt ist er wegen einer Schlägerei in ­einer Novembernacht 2013. Mindestens zu dritt waren sie über einen Deutschen hergefallen und liessen gemäss Anklage nicht vom 34-Jährigen ab, der bereits auf dem Boden lag. Das Opfer wurde am Kiefer verletzt und trug einen bleibenden Augenschaden davon. Erkan, alkoholisiert, wurde mit zwei minderjährigen Komplizen noch in der gleichen Nacht verhaftet. Doch er ist längst wieder frei. Und er hat sich verändert.

Heute ist Alkohol bei Erkan tabu, er trägt einen wilden Bart und Hochwasserhosen, wie sie einst Mohammed getragen haben soll. Wir treffen den eingebürgerten Türken in Winterthur, der Stadt, die derzeit als «Mekka der Schweizer Jihadistenszene» oder als «Hochburg der Rekrutierung für den Heiligen Krieg» Schlagzeilen macht. Erkan hat unter der Voraussetzung in das Gespräch eingewilligt, dass die Journalistin einen männlichen Kollegen mitbringt. Er schenkt ihr Datteln (ihm nicht), schüttelt ihm die Hand (ihr nicht), ist betont freundlich, gesprächig, eloquent gar. Zum Zeitpunkt des Treffens, das vor rund einem Monat stattfand, ist Ramadan, Erkan isst und trinkt nichts, redet dafür vier Stunden lang fast ohne Pause. Er will, dass wir den Islam annehmen. Die einzig wahre Religion, wie er mehrfach betont. Auch macht er uns deutlich, welche Alter­native droht: Jahannam. Die Hölle.

Doch wie wird einer wie Erkan, der in der Schweiz in einem wenig religiösen Umfeld aufwuchs, fast von einem Moment auf den anderen zum sunnitischen Fundamentalisten? Die Eltern Erkans und seiner beiden jüngeren Brüder stammen aus einem Dorf in der Türkei. Die Söhne sollten es besser haben als sie. Erkan war ein Aufsteiger. Zuerst ­besuchte er die Realschule, schaffte es aber in die Sek, dann gar in die Handelsmittelschule.

Beten auf dem Polizeiposten

Dann schlug, wie er sagt, die Pubertät zu. Alkohol. Drogen. Frauen. Doch stimmt das alles? Erkan wäre nicht der erste Fanatiker, der seine Entwicklung überhöht, indem er erzählt, wie alles ganz unten anfing. Zu der einen Schlägerei im November 2013 auf dem Winterthurer Lindenplatz gibt es eine Strafakte, auch der Alkoholkonsum ist darin dokumentiert. Doch Frauen? Und Drogen?

Was genau er konsumiert habe, will Erkan nicht verraten, doch er hat nach eigenen Angaben Freunde an Heroin verloren. Mindestens gekifft habe er. Erkan erzählt von Schlägereien. «Ich hatte einen Namen, und ich musste ihm gerecht werden», sagt er. Und auch: «Ich war ein gewalttätiger Siech.» Die Noten seien gesunken, vom Glauben habe er sich entfernt. Denn der Glaube habe in seiner Kindheit und frühen Jugend durchaus eine Rolle gespielt ? wenn auch keine grosse. «Jetzt», sagt Erkan, «jetzt nehme ich das verdammt ernst.»

Noch im Frühling 2015, als Erkan wegen der Schlägerei bei der Staatsanwaltschaft vorsprechen musste, deutete äusserlich nichts darauf hin, dass der Beschuldigte Salafist geworden war. Kein Bart, keine Hochwasserhose, fast nichts. Im Winterthurer Polizeigebäude reagierte man verwundert, als Erkan und ­einer seiner Brüder in einer Pause Richtung Mekka beteten.

Mittlerweile machen sich Freunde Sorgen um Erkan, sie befürchten, dass er bald nach Syrien verschwindet, um sich Terroristen anzuschliessen. Erkan aber sagt, seine Heimat sei die Schweiz, er fühle sich wohl hier. Aus den Ferien, die die Familie wie jeden Sommer in der Türkei verbringt, werde er selbstverständlich zurückkehren. Um den Reportern dann ausführlich zu beschreiben, wie er innert kürzester Zeit radikal geworden ist. So radikal, dass ihm sogar der deutsche Salafistenprediger Pierre Vogel «zu weich» ist, wie er sagt. «Oder ich bin zu radikal für ihn.»

Vogel war mit einer Schweizer Einreisesperre belegt worden, weil die Behörden durch ihn die öffentliche Sicherheit gefährdet sahen. Besser passt ihm der Kölner Ibrahim Abou-Nagie. Der Palästinenser ist der Kopf der salafistischen Gruppe «Die wahre Religion», die für die europaweite Koranverteilaktion «Lies!» verantwortlich zeichnet. Abou-Nagies Aussagen haben ihm den Titel «Hassprediger» eingebracht, auch ihm wurde die Einreise in die Schweiz verboten. Erkan gibt an, nie an Koranverteilungen teilgenommen zu haben. Aber Abou-Nagie, der passt ihm.

Tipps von älterem Salafisten

Zu anderen radikalen Muslimen will sich Erkan nicht äussern. Je mehr wir auf die Winterthurer Jihadistenszene zu sprechen kommen, desto zugeknöpfter gibt er sich. Entlocken entlässt er sich immerhin, dass ihm ein Kollege den Kontakt zu einem älteren Schweizer Salafisten vermittelte, nachdem Erkan sich entschieden hatte, den Islam zu praktizieren. Bei einem Treffen in Winterthur gab dieser Erkan Tipps zu Gelehrten und Predigten im Internet. Etwas mehr Auskunft gibt Erkan über Christian (bisher unter dem Pseudonym Sandro bekannt), der im Februar aus Winterthur verschwand, um sich der Terrortruppe IS anzuschliessen.

Erkan kennt den Konvertiten mit italienischen Wurzeln aus der Schule. Für ihn ist Christian ein ­«guter Muslim», von dessen Aktionen in Syrien mag er sich nicht distanzieren. Erkan wünscht ihm «nur das Beste». Und die Propagandabilder auf Christians Facebook-Profil? Auf einem Foto zeigt sich der Jihadist neben einer Leiche ohne Kopf, das Haupt des Mannes hält er in der Hand. Erkan antwortet, man wisse ja nicht, ob das Bild echt sei. Falls schon? Dann müsse er Genaueres über die Situation erfahren, in der die Szene aufgenommen wurde. So geht es fragenlang weiter. Erkan beschwichtigt, schweift ab, weicht aus, wo er nur kann. Distanzierung sieht anders aus.

Ebendiesen Eindruck bestätigen seine Freunde. Erkan sympathisiere eindeutig mit dem IS. Er lache sie aus. Die Muslime unter ihnen bezeichne er als «Papiermuslime» und als nicht fromm genug. Auch sie sind in Erkans Augen Ungläubige. Nicht seine Freunde müssten sich Sorgen machen um ihn, vielmehr mache er sich Sorgen um sie.

Erkan wäre mindestens der Fünfte, der aus Winterthur in das Kriegsgebiet Irak/Syrien zieht. Die lokalen Moscheen, welche die angehenden Jihadisten besuchten, etwa die An’Nur-Moschee in Winterthur, hat auch Erkan besucht – unregelmässig, wie er sagt. «Meistens aber bin ich zu Hause.» Nachfragen weicht er aus, betont aber: «Der grösste Imam ist das Internet.»

Am bereitwilligsten erzählt Erkan von seinem Glauben. Und von früher. Wie seine Mutter ihren drei Söhnen in der Primarschule aus dem Koran vorlas. Wie er Suren bald auswendig konnte, obwohl niemand in der Familie Arabisch spricht. Und wie er in der Oberstufe den Koran mithilfe einer arabischsprachigen Nachbarin ganz durchlas. Sehr gläubig sei er gewesen, sehr religiös.

Dann die Pubertät, er betete kaum noch. Der Schlagring, die Fäuste, oder wie er selber sagt: die Strassengang – alles war wichtiger. Bis zur Schlägerei auf dem Lindenplatz. Die Tage in der Untersuchungshaft seien schlimm gewesen, sagt Erkan, aber auch erleuchtend, eine Art Wendepunkt. Ausführlich schildert er zwei weitere Erlebnisse, die ihn «auf den richtigen Weg» geführt hätten. Vor einer alles entscheidenden Prüfung in der Handelsmittelschule – es drohte wegen schlechter Noten der Rausschmiss – habe er gebetet statt zu lernen. Ganze zweieinhalb Stunden lang. Als der Test vor ihm auf dem Tisch lag, wusste er kaum eine Antwort. Er würde von der Schule fliegen. Doch dann habe er entdeckt, dass der Lehrer aus Versehen die Lösungen zu seiner Prüfung gelegt hatte. Erkan erhielt eine exzellente Note. Der Rausschmiss, so erzählt er, war abgewendet, Allah sei dank.

Das zweite Erweckungserlebnis beschreibt Erkan, als wäre er ein Jugendlicher, der in eine Sekte geraten ist. Um endgültig auf den richtigen Weg zu finden, habe er mitten im Wald einen Turm bestiegen. Und gut drei Stunden im Koran gelesen. Es begann zu regnen, es blitzte und donnerte, ein Sturm tobte, doch Erkan blieb oben und las im Koran. «Ich wurde rechtgeleitet», sagt er. «Ich danke Allah dafür.»

Erkan, so erzählt er selber, bricht die Schule ab. Monatelang bleibt er daheim. Eine Lehre kommt für ihn nicht infrage, auch nicht das geplante KV. Keine Lust. Erkans Eltern finden das nicht gut, seien aber gleichzeitig froh, dass er «von der Strasse weg» ist. Für Erkan sind auch sie «Ungläubige», da sie den Islam nicht praktizieren. Aber sie seien daran, sich zu ändern, ebenso die Brüder.

Wird Erkan in den Jihad ziehen? Mal verneint Erkan indirekt («Ich bin viel zu schwach»), mal zeigt er sich unschlüssig («Wenn Allah entscheidet, dass ich gehen soll, dann gehe ich»). Erkan spricht, als ob eine Reise nach Syrien nicht seine eigene Entscheidung wäre. Als liesse er sich leiten, von älteren Salafisten, von Gelehrten im Internet, von Allah. Mehrfach fängt er an, von «Gehirnwäsche» zu reden – und meint es nicht negativ.

Epilog

Als wir Erkan nach dem Gespräch zu erreichen versuchen, um Details zu klären, laufen wir wochenlang auf. Auch sein Anwalt kann nicht weiterhelfen. Wir vermuten Erkan in der Türkei, in den Sommerferien.

Erstellt: 26.07.2015, 18:49 Uhr

Winterthurer Jihadisten

Heiliger Krieg einfach

Erkan wäre nicht der Erste, der aus Winterthur in den Jihad zieht. Seit letztem Jahr sind mehrere Jugendliche und junge Erwachsene aus der sechstgrössten Stadt der Schweiz verschwunden: Neben dem 18-jährigen Konvertiten Christian, den Erkan gemäss eigenen Angaben aus der Schule kennt, reiste im vergangenen Dezember ein Geschwisterpaar mit Wurzeln auf dem Balkan via Türkei nach Syrien. Das 15-jährige Mädchen soll mittlerweile verheiratet sein, ihr Bruder einem Koranstudium nachgehen. Sie befinden sich angeblich in Raqqa, der Hauptstadt der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) in Syrien.

Ein weiterer Winterthurer namens Hajan reiste im Sommer 2014 nach Syrien. Der 21-Jährige erhielt den Kampfnamen Ibn Muhamad al-Kurdi. Er soll durch Propaganda­material des deutschen Salafistenpredigers Marcel Krass radikalisiert worden sein. Krass ist ein Weggefährte des salafistischen Predigers Pierre Vogel, der ebenfalls aus Deutschland stammt. Laut mehreren Quellen fiel Hajan im Januar 2015 in der umkämpften Kurdenstadt Kobane nach einem amerikanischen Luftangriff. Erkan gibt an, Hajan und die beiden Geschwister nicht gekannt zu haben, ebenso wenig jenen Schweizer mit libanesischen Wurzeln, der im April am Flughafen Kloten verhaftet wurde. Der 25-Jährige kam nach kurzer Untersuchungshaft frei. Gegen ihn und andere mutmass- liche Jihadreisende laufen in der Schweiz Strafverfahren.

Widersprüchlich sind Meldungen zum Thaibox-Weltmeister Valdet Gashi. Der Vater zweier kleiner Töchter aus Süddeutschland hatte mit einem Teil der Winterthurer Jihadisten trainiert, ehe er selber nach Syrien reiste. Anfang Monat meldete sein Bruder auf Facebook, Valdet Gashi sei tot. Inzwischen gibt es aber auch Berichte, wonach er am Leben sei. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London hat die Information verbreitet, Gashi sei bei einem Fluchtversuch aus dem IS-Gebiet in die Türkei erwischt worden. Er sei in ein Gefängnis in der syrischen Stadt Manbij gebracht worden. (sir/tok)

Artikel zum Thema

Aus Winterthur in den Heiligen Krieg

Erneut ist ein Winterthurer nach Syrien gereist, um sich der Terrormiliz Islamischer Staat anzuschliessen. Er bewegte sich in den gleichen Kreisen wie die beiden Geschwister, die seit Dezember verschwunden sind. Mehr...

15-jährige Winterthurerin mit IS-Kämpfer verheiratet

Kriegsreporter Kurt Pelda erklärt, was aus den jungen Geschwistern geworden ist, die im vergangenen Dezember aus Winterthur in den Jihad gezogen sind. Mehr...

Junger Winterthurer soll in Syrien umgekommen sein

Ein weiterer Winterthurer soll zum Islamischen Staat gestossen sein. Laut «20 Minuten» ist der 21-Jährige in Kobane im Kampf getötet worden. Es wäre der vierte mutmassliche Jihadkämpfer aus der Eulachstadt. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Paid Post

Ausstellungseröffnung: «Schatten»!

Mit einer Auswahl von fast 140 Werken zeigt die Ausstellung «Schatten» in der Hermitage 500 Jahre Kunstgeschichte.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Kunst in der Luft: Seifenblasen machen Spass vor dem Louvre in Paris. (19. Juli 2019)
(Bild: Alain Jocard) Mehr...