Immer mehr Säle für immer weniger Kinopublikum

Mit der Eröffnung des Kosmos in der Europaallee gibt es 40 Prozent mehr Plätze in Arthouse-Kinos. Dabei gehen die Besucherzahlen seit Jahren zurück.

Der Saal 6 ist mit 189 Plätzen der zweitgrösste im Kosmos. Er hat damit mehr Sitzplätze als Saal 1 beim Konkurrenten Riffraff.

Der Saal 6 ist mit 189 Plätzen der zweitgrösste im Kosmos. Er hat damit mehr Sitzplätze als Saal 1 beim Konkurrenten Riffraff. Bild: Doris Fanconi

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Mit der Eröffnung von sechs neuen Kinosälen im Kulturhaus Kosmos wächst die Anzahl Plätze für Arthouse-Filme in der Stadt Zürich auf einen Schlag um 40 Prozent. Die Arthouse-, Riffraff- und Houdini-Kinos verfügen zusammengenommen über 1950 Sitzplätze. Mit den Sälen im Kosmos kommen noch einmal 796 Plätze dazu. Zum Vergleich: In die vier Riffraff-Kinos passen insgesamt 438 Personen. Der grösste Saal im Kosmos hat 227 Plätze. Das ist mehr als alle Houdini-Kinos zusammen und entspricht etwa dem Sitzplatzangebot im Arthouse Alba. Unter den Studiokinos in der Stadt ist nur das Arthouse Le Paris mit 406 Plätzen grösser. Allerdings hat die Leinwand im Kosmos 1 mit 76 Quadratmetern annähernd die doppelten Ausmasse.

Auch die kleineren Säle im Kosmos sind gar nicht so klein. Im Schnitt bieten die vier mittleren Kinosäle 95 Plätze – eine Saalgrösse zwischen Houdini und Riffraff, die es bei den Programmkinos in der Stadt so noch nicht gibt. Saal sechs, der zweitgrösste im Kosmos, hat noch einmal 189 Plätze, immer noch mehr als das Riffraff 1. Dass man all diese Sitzreihen nicht mit exklusiven Premieren füllen kann, überrascht da wenig. Von den sieben Titeln im offiziellen Programm der Kosmos-Startwoche laufen vier auch in anderen Zürcher Kinos.

Eröffnet wurde das Kinoprogramm am Samstag aber mit einer passenden Exklusivität. Im Edeldokumentarfilm «Voyage of Time: Life’s Journey» erkundet US-Regisseur Terrence Malick die Entstehung des Universums, als Sprecherin amtet Cate Blanchett.

Gefahr von Überkapazitäten

Für die 33-jährige Kinoleiterin und Filmwissenschaftlerin Marisa Suppiger, die vom Geschäft des Filmverleihs kommt, heisst das Programm: «Greater Arthouse». Es ist eine Art Planung mit Facettenauge. Im Blick hat sie nicht nur die cinephilen Nischen und Sammelplätze, sondern auch den schlauen Mainstream. Zu ihren Lieblingsfilmen zählt Suppiger «Eternal Sunshine of the Spotless Mind» und «Inception». Von den Blockbustern will sie jene zeigen, die man im Zweifelsfall auch vor Feuilletonlesern vertreten kann. Schon jetzt ist klar, dass der nächste «Star Wars»-Teil im Kosmos laufen wird. Angekündigt sind ausserdem «Das Kongo Tribunal» von Milo Rau, der Thriller «Good Time» mit Robert Pattinson, das Debüt «Blue My Mind» von Lisa Brühlmann oder George Clooneys «Suburbicon». Würde man auch vom Diskurs eher unbefleckte Massenware wie «Fast and Furious» zeigen? Auf keinen Fall, heisst es beim Kosmos.

Noch allergischer reagiert man auf die Frage nach der Überhitzung. Lieber redet man von «Bereicherung» und einem «Cluster-Effekt». Für das Riffraff an der nahen Neugasse ist das Kosmos aber klar: eine Konkurrenz. «Wir müssen uns warm anziehen», sagt Frank Braun von den Riffraff- und Houdini-Kinos. «Die Zunahme der Säle würde allen was bringen, die Kinos würden sich gegenseitig ergänzen. Aber dazu müssten sie sich in ihrer Filmauswahl genügend klar voneinander unterscheiden. Die Programmpolitik beim Kosmos-Kino jedoch entspricht dem, was die Riffraff-, Houdini- und Arthouse-Kinos bereits jetzt machen.»

Daran ändere auch wenig, dass das Kosmos den Kinobesuch in ein Gesamterlebnis stellen und mit Podien ergänzen wolle. «Mit dem neuen Kulturhaus droht eine Überkapazität der Leinwände in Zürich. Die Auswirkungen sind absehbar. Der ‹Kuchen› wird nicht grösser, sondern nur zusätzlich aufgeteilt.» Dadurch werde sich auch das bestehende Problem verschärfen, dass zu viele Kopien derselben Filme zirkulierten. «Für die einzelnen Kinos wird die Rechnung dadurch immer schlechter. Entsprechend schwindet die Motivation, einen Film wirklich zu pflegen und lange im Programm zu halten.»

Im Kosmos werden die Filme «so oft wie nötig» ausgetauscht, sagt Marisa Suppiger. Im Unterschied zu den bestehenden Programmkinos beginnen die Vorführungen auch unter der Woche bereits am Vormittag, zu einem reduzierten Billettpreis von 14 Franken. Vorpremieren werde es immer wieder geben, ein festes Reprisenprogramm sei aber nicht geplant.

Für René Moser vom Kino Xenix im Kreis 4 sind die Überschneidungen mit dem Kosmos denn auch «gering». Er wartet mal ab: «Wenn die Säle innovativ bespielt werden und sie das Angebot im Quartier erweitern, dann sind sie eine Aufwertung für das Langstrassen-Viertel.»

Weniger Besucher, mehr Säle

Bei den Besucherzahlen zeigt der Trend schweizweit nach unten. Seit 2000 sind auch in Zürich die Kinoeintritte um rund ein Viertel zurückgegangen. Bislang unveröffentlichte Zahlen für 2016 zeigen: Letztes Jahr wurden in den Zürcher Kinos insgesamt 2 085 851 Besucher gezählt, ein Rückgang von mehr als 3 Prozent gegenüber 2015. Derweil ist seit 2000 die Zahl der Kinosäle in der Stadt nahezu um die Hälfte gestiegen, von 48 auf 70 (die 6 Kosmos-Säle einberechnet).

«Kinos geht es heute schnell ans Lebendige, sobald sie ein paar wenige Umsatzprozente verlieren», sagt Frank Braun. Auch das Kosmos könne kein zusätzliches Kinopublikum aus dem luftleeren Raum zaubern. «Wenn man die 6 Säle wirklich mit Arthouse-Filmen füllen möchte, dann viel Glück. Und sollte eine Kurskorrektur Richtung Mainstream nötig werden, wie passt das dann noch zum kulturellen Anspruch des Hauses?» Weniger betroffen von der neuen Konkurrenz sind die Arthouse-Kinos in der Innenstadt. Aber auch deren Betreiber Beat Käslin bleibt skeptisch. «Zürich verfügt schon jetzt über zu viele Kinosäle. Schaut man sich die rückläufigen Besucherzahlen der letzten Jahre an, kann man tatsächlich die Frage stellen, ob es noch mehr Säle braucht.»

Allerdings bleibt das Kino laut Statistikamt trotz Besucherrückgang die beliebteste Kultursparte in der Stadt. Mit rund 2 Millionen pro Jahr bewegen sich die aktuellen Besucherzahlen zudem ungefähr auf der Höhe von 2007. Und vor zehn Jahren gabs nicht nur 14 Kinosäle weniger, sondern es fanden auch weniger Vorführungen statt. Eigentlich eine gute Nachricht für die Kinostadt Zürich.

Erstellt: 04.09.2017, 15:19 Uhr

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