Bäcker wollen Brot ohne Pestizide

Die allermeisten Getreidebauern schützen ihre Pflanzen mit Unkrautvertilgern. Doch jetzt stellen erste auf eine naturnahe Produktion um.

Bauer Hans Egli hat jetzt mehr Aufwand: Statt einmal ein Pestizid zu spritzen, muss er sein Weizenfeld mit dem Striegel bearbeiten. Foto: Andrea Zahler

Bauer Hans Egli hat jetzt mehr Aufwand: Statt einmal ein Pestizid zu spritzen, muss er sein Weizenfeld mit dem Striegel bearbeiten. Foto: Andrea Zahler

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Etwas mehr Erfahrungen sammeln müsse er noch, sagt Bauer Hans Egli. Nach über 20 Jahren hat er bei seinem Weizen, den er diesen Sommer eingefahren hat, gänzlich auf Pestizide verzichtet. «Mit dem Resultat bin ich durchaus zufrieden», sagt der Bauer aus Steinmaur, der für die EDU im Kantonsparlament politisiert. Erstmals hat er auch keine Herbizide verwendet, also chemische Unkrautvertilger. Fungizide gegen Pilze und Insektizide durfte er mit dem Label von IP-Suisse, der Schweizerischen Vereinigung integriert produzierender Bauern, schon vorher nicht einsetzen.

Verändert hat sich für Landwirt Egli, dessen Hof mit 40 Hektaren zu den grösseren im Kanton gehört, vor allem eines: Er bekämpft das Unkraut heute mechanisch. Zuvor reichte es, wenn er nach der Aussaat im Herbst das Herbizid mit dem Traktor auf das Feld spritzte. Es wirkte fast zu hundert Prozent. Der Aufwand war sehr gering.

Von Hand ausgerissen

Nun muss der Bauer die Felder ein- bis dreimal mit dem Striegel bearbeiten, einem einfachen mechanischen Gerät, das er am Traktor montiert. Es sieht aus wie ein riesiger Rechen. Die ­vielen Zacken reissen einige ­Wochen nach der Aussaat das Unkraut aus, ohne den Weizen zu beschädigen. Dieser muss etwas grösser sein als das Unkraut und erste Wurzeln geschlagen haben. Egli ist den Acker auch einmal zu Fuss abgelaufen, er hat unerwünschtes Unkraut wie die widerspenstige Blacke von Hand ausgerissen. Pro Hektare dauerte das rund eine Stunde, für ­seine insgesamt 15 Hektaren musste er also nochmals fast zwei Arbeitstage einsetzen. «Die Kunst ist, den richtigen Zeitpunkt für das Striegeln zu er­wischen», sagt Egli. Der Boden darf weder zu trocken noch zu nass sein.

Für den pestizidfrei angebauten Weizen erhält Egli 8 Franken mehr pro 100 Kilogramm – statt 55 Franken neu 63 Franken. Den Mehrpreis übernimmt der Zürcher Bäcker Fredy Hiestand. Er verwendet in seiner Produktion in Baden für seine Brote und Gebäcke seit diesem Jahr nur noch pestizidfrei angebautes Getreide. Hiestand bezahlt insgesamt 15 Franken mehr pro 100 Kilogramm, da auch andere Beteiligte wie die Mühle ihren Mehraufwand abgegolten haben wollen.

«Wir übernehmen den Aufpreis bis jetzt vollständig, da wir der Meinung sind, dass endlich etwas passieren muss», sagt der Bäcker, der in den 1970er-Jahren mit seinen tiefgefrorenen Aufbackgipfeli bekannt geworden ist. «Keine Mutter würde ihrem Kind bewusst Nahrung geben, die mit Pestiziden belastet ist.»

Bauern auf der Warteliste

IP-Suisse hat die Bauern für Hiestand gesucht. Diese müssen auf insgesamt 700 Hektaren Brotgetreide anbauen, um den Bedarf der Hiestand-Bäckerei zu decken. 250 Getreidebauern ­haben im ersten Jahr mitgemacht, weitere 300 Landwirte liessen sich auf eine Warteliste setzen, wie Sandro Rechsteiner von IP-Suisse sagt. Der 76-jährige Fredy Hiestand unterstützt auch die Trinkwasserinitiative, die nächstes Jahr zur Abstimmung gelangen soll. Sie will, dass nur noch diejenigen Bauern Direktzahlungen erhalten, die auf Pestizide beim Getreide-, Gemüse- und Obstanbau sowie Antibiotika bei der Viehzucht verzichten. Der Bundesrat empfiehlt die Initiative zur Ablehnung, der Nationalrat lehnt sie ebenfalls ab. Die Diskussion im Ständerat steht noch aus.

Coop forciert Bio

Hiestand setzt bereits voll auf pestizidfrei angebautes Brotgetreide. Noch in der Testphase ist die Migros mit ihrer Bäckerei Jowa mit Hauptsitz in Volketswil. «Bis 2040 sollen ­die Rohstoffe für die Brotproduktion der Jowa zu 100 Prozent nachhaltig sein», sagt Cristina Maurer, Mediensprecherin des Migros-Genossenschafts-Bundes.

Die Migros hat mit der ETH Zürich, der IP-Suisse und der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften ein Projekt gestartet, dem sich 20 Landwirte angeschlossen haben. Der Grossverteiler rechnet mit einem Mehrpreis von 5 Franken pro 100 Kilogramm Mehl. Das entspreche rund zwei Rappen pro Brot, sagt Maurer. «Ob die Migros dies übernimmt, hängt auch von politischen Faktoren wie Direktzahlungen oder Ökobeiträgen ab.»

Einen anderen Weg geht der Grossverteiler Coop: Er setzt auf das Label Bio, das im Anbau von Brotgetreide gar kein Pestizid erlaubt. Der Anteil an Biobroten betrage bei Coop rund 50 Prozent, dieses Sortiment werde laufend erweitert und ergänzt, teilt die Medienstelle mit.

Erhöhtes Risiko

Pestizide sind diesen Sommer in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Das Bundesamt für Umwelt teilte mit, dass chemische Stoffe aus der Landwirtschaft das Wasser vor allem im Mittelland nachhaltig schädigten. Im Kanton Zürich hat das Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) im Mai 92 Grundwasserfassungen untersucht, bei 49 Messstellen fand es Abbaustoffe des Pflanzenschutzmittels Chlorothalonil. Gemäss dem Bund kann eine gefährliche Wirkung der Abbaustoffe nicht ausgeschlossen werden. Gemüse- und Getreidebauern setzen Chlorothalonil gegen Pilzbefall ein.Bei 29 Messstellen wurden die Grenzwerte überschritten – im Durchschnitt um den Faktor 3,4. Hauptsächlich betroffen sind Gebiete im Weinland und im Unterland, den beiden grossen Anbaugebieten von Gemüse und Getreide im Kanton.

Hans Egli wird auch im kommenden Jahr wieder pestizidfrei angebauten Weizen ernten. Das hat er mit der Aussaat vor wenigen Wochen entschieden. Dieses Jahr musste er neu unbehandelte Saat austragen, gleich wie die Biobauern. Das erhöht das Risiko, dass Insekten sie fressen. Die Mehrarbeit, der geringere Ertrag und das grössere Risiko müssten abgegolten werden, sagt Egli. Bei Hiestand sei das der Fall. Für den Bauern ist entscheidend, dass sowohl der ökologische als auch der ökonomische Nutzen stimmt.

Erstellt: 07.10.2019, 08:12 Uhr

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Grosses Potenzial

In der Schweiz wird auf 83'000 Hektaren Brotgetreide angebaut. Der allergrösste Teil der Schweizer Landwirte arbeitet unter dem Label Garantie Suisse. Dieses unterscheidet zwischen extensivem Anbau und nicht extensivem Anbau. Beim extensiven Anbau von Brotgetreide auf einer Fläche von gesamthaft 21000 Hektaren sind Herbizide erlaubt, Fungizide und Insektizide hingegen verboten. Beim nicht extensiven Anbau auf 32'000 Hektaren sind alle drei Pestizide erlaubt.

Die IP-Bauern pflanzen auf gut 25'000 Hektaren Getreide an, ihnen ist der Einsatz von Herbiziden erlaubt. 250 IP-Bauern haben dieses Jahr auf ihren Feldern mit einer Gesamtfläche von 700 Hektaren auf den Einsatz von Herbiziden verzichtet. Sie haben damit ebenfalls pestizidfreies Brotgetreide produziert. Gänzlich ohne Pestizide arbeiten die Biobauern. Sie bewirtschaften etwa 6750 Hektaren.

Daneben gibt es noch einen kleinen Anteil von Landwirten, die sich überhaupt keinem Label angeschlossen haben. Sie entscheiden selber, ob und welche Pestizide sie einsetzen. (zet)

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