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«Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn ein Kind stirbt»

Der Dietiker Schulvorstand Jean-Pierre Balbiani über Cybermobbing und Respekt.

Der SVP-Schulvorsteher Jean-Pierre Balbiani wünscht sich, dass die Eltern mehr mitwirken statt kritisieren. Foto: Samuel Schalch
Der SVP-Schulvorsteher Jean-Pierre Balbiani wünscht sich, dass die Eltern mehr mitwirken statt kritisieren. Foto: Samuel Schalch

Nach der Ankündigung Ihres Rücktrittes hatten Sie als Schulvorsteher von Dietikon in den vergangenen Wochen noch mit zwei krassen Fällen zu kämpfen. Faustschlag zum Abschied?

Gebraucht hätte ich das nicht, ja. Die letzte war wohl die turbulenteste Woche meiner ganzen acht Jahre als Schulvorsteher überhaupt.

Eltern griffen eine Lehrerin tätlich an, ein Mobbing-Fall mit möglicher Suizidfolge erschütterte die Schweiz. Machen Sie sich Vorwürfe?

Ich denke, ich habe getan, was in meiner Macht stand. Die zwei Fälle haben gänzlich unterschiedliche Dimensionen.

Inwiefern?

Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn ein Kind stirbt.

Sie haben dazu gesagt, dass die Schule so etwas nicht verhindern kann. Bleiben Sie dabei?

Ja, wenn man mir die Frage stellt, was die Schule tun kann, damit so ein Mobbing-Fall nie wieder passiert, antworte ich wieder so. Niemand kann garantieren, dass so etwas nie wieder passiert.

Tun Ihre Schulen genug?

Wir können nicht Stacheldrahtzäune um Schulen montieren oder Polizisten patrouillieren lassen. Ein Schulalltag sollte möglichst normal sein. Bezüglich des Angriffs auf die Lehrerin haben wir in Zusammenarbeit mit der Polizei konkrete Massnahmen umgesetzt. Über die kann ich aber nicht sprechen.

Und bezüglich Cybermobbing?

Diese Sachen passieren ausserhalb der Schule. Wie sollen wir das verhindern? Wir machen, was im Bereich des Möglichen ist. Cybermobbing wird bei Elternabenden thematisiert, es gibt Weiterbildungen für Lehrer, es ist Teil des Unterrichts.

Wie viele Social-Media-Apps haben Sie?

Keine.

Nicht einmal Facebook?

Nein.

Können Sie dann einschätzen, was die jungen Menschen da machen?

Nein, kann ich nicht.

«Die Integrationsleistung, die wir hier erbringen, ist enorm.»

Jean-Pierre Balbiani, Schulvorsteher in Dietikon

Aber Ihre Lehrer können das?

Bestimmt. Sie müssen. Sie könnten ja nicht IT-Unterricht geben, ohne Bescheid zu wissen. Die sind ausgebildet.

Müssten Sie sich nicht auch besser auskennen?

Ich bin bis jetzt gut ohne ausgekommen.

Profis bemerken oft auch bei den Lehrern eine gewisse Ratlosigkeit im Umgang mit Social Media.

Als wir die IT vor vier Jahren eingeführt haben, gab es Lehrer, die nicht begeistert waren. Mittlerweile sind alle im Boot. Eine eigens dazu eingestellte Pädagogin wählt die Software aus, die genutzt wird. Dort wird auch der verantwortungsvolle Umgang mit dem Internet thematisiert und dass solche Dinge nicht gut sind.

Was wäre Ihr Rezept gegen Cybermobbing?

Wenn ich das hätte, wäre ich ein gemachter Mann. Vielleicht ist es auch ein gesellschaftliches Problem. Mit dem Handy ist Mobbing einfacher und fieser geworden, und die Opfer sind machtlos und ausgeliefert. Diese Respektlosigkeit nimmt immer mehr zu. Die Kinder haben ja Vorbilder in ihren Eltern.

Sie bemerken auch bei den Eltern eine zunehmende Respektlosigkeit?

Die Kritik der Eltern an der Schule kommt vor allem schneller, heftiger und auch respektloser. Das ist etwas, das sich wesentlich verändert hat in den letzten Jahren.

Ist sie ein Agglo-Problem?

Nein, das denke ich nicht. Diese Tendenz ist überall festzustellen. Auch die beiden Extremfälle hätten überall passieren können, auch in Winterthur oder Zürich. Ich möchte lieber betonen: Die Integrationsleistung, die wir hier erbringen, ist enorm. Von uns profitiert der ganze Kanton. Denn verhältnismässig ist es bei uns ruhig.

Sie denken, die Respektlosigkeit ist ein Einwanderungsproblem? Nein, in unserer Region leben nur viel mehr Menschen, und wir haben Klassen, in denen 90 bis 100 Prozent fremdsprachige Kinder sitzen. Das fangen wir auf. Wenn wir diesen Kindern eine gute Zukunftsperspektive geben können, profitieren alle. Eine gute Ausbildung führt zu Zufriedenheit und weniger Aggression. Das ist Integration. Und das gelingt uns in den allermeisten Fällen.

Was geben Sie Ihrem Nachfolger für einen Tipp mit auf den Weg? Das wurde ich noch nie gefragt. Wenn dann mein Nachfolger bestimmt ist, werde ich ihm der Situation angepasste Tipps geben.

Was wünschen Sie sich für die Schule?

Ich wünsche mir, die Eltern würden besser mitwirken. Manchmal habe ich das Gefühl, sie sehen die Schule wie ein Schliessfach für ihre Kinder, das sie nicht interessiert, ausser wenn etwas schiefgeht. Per Elternrat könnten sie sich aber konstruktiv einbringen und mitarbeiten. Diese Nähe würde allen helfen.

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