Es muss ja nicht grad ein Skatepark sein

Leere Kirchen bringen die Zürcher Kirchgemeinden ins Grübeln. Wie sollen sie ihre Gebäude künftig nutzen? Ideen gibt es viele, nicht alle sind passend.

Skaterpark in neugotischer Kirche: Kaos Temple im spanischen Llanera. Foto: Okudart (Instagram)

Skaterpark in neugotischer Kirche: Kaos Temple im spanischen Llanera. Foto: Okudart (Instagram)

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St. Peter könnte auch einfach zum Konzertlokal werden. Pfarrer Ueli Greminger sitzt im Pfarrhaus an der St. Peterhofstatt, als er das sagt. Und er fährt fort: «Das wäre gut und recht, aber auch etwas schade um den Raum, unsere Geschichte und Lage.» Tatsächlich finden im barocken Kirchenschiff von St. Peter regelmässig Konzerte statt. Aber eben auch noch Gottesdienste. Und drei Tage lang arbeitete dort die Tagi-Redaktion im Rahmen des Experiments «Werktags in der Kirche».

Pfarrer Greminger ist nicht der Einzige, der sich angesichts halb leerer Kirchenbänke während des Gottesdienstes solche Gedanken macht. Was fangen wir mit unseren Kirchen an? Solche Fragen stellen sich im Moment etliche Zürcher Kirchgemeinden. Manche haben sie bereits beantwortet: In den letzten 25 Jahren wurden im Kanton Zürich rund zwei Dutzend Kirchengebäude umgenutzt.

200 Kirchen umgenutzt

Damit ist bei uns ein Trend angekommen, der in Bern, Basel und Genf, aber vor allem in einigen europäischen Ländern wie Holland, Belgien und England bereits länger voll im Gang ist. Eine von der Universität Bern 2017 initiierte Datenbank führt landesweit rund 200 Kirchen an, die seit den 1990er-Jahren umgenutzt wurden.

In Zürich sind in mehr als der Hälfte der Fälle Freikirchen betroffen. Eines der ersten Beispiele überhaupt ist die methodistische Inselhofkapelle, die 1999 an die Betreiber des Restaurants Blindekuh verkauft wurde. Mehrere freikirchliche Gotteshäuser wurden in den letzten Jahren zu Wohnungen umgenutzt.

Teuer im Unterhalt

Bei der Reformierten Kirche des Kantons Zürich verfügt man über keine konkreten Zahlen, wie viele Kirchenräume in den nächsten Jahren nicht mehr gebraucht werden. «Ich bin aber überzeugt, dass in den kommenden zehn Jahren für einige Kirchen im Kanton neue Nutzungsideen gesucht werden», sagt Mathias Burri von der Abteilung Kirchenentwicklung. So gebe es einige Kirchgemeinden mit zwei oder sogar mehreren Kirchen, was in gewissen Fällen zu Fragen von Umnutzungen führen könne.

Komme dazu, dass es sich dabei oft um teure Liegenschaften handle, im Betrieb und im Unterhalt. «Wir sind daran, uns auf diese Prozesse vorzubereiten.» Allerdings stellt Burri fest, dass die Kirchen meist als Letztes aufgegeben werden. «Liegenschaften wie Pfarrhäuser oder Kirchgemeindehäuser sind eher im Fokus.»

Seminarhotel und Asylunterkunft

Eine Handvoll reformierter Kirchen wurden in den letzten Jahren bereits dauerhaft umgenutzt: Kappel ist seit 1983 ein Studien- und Bildungszentrum, seit 2007 wird es unter dem Label Kloster Kappel als Seminarhotel und Bildungshaus vermarktet. Die Kirche wird aber immer noch von der örtlichen Kirchgemeinde genutzt.

Die Bullingerkirche in Zürich wird seit 2015 als Stadtkloster betrieben, die Kirche des Zwinglihauses an der Aemtlerstrasse in Wiedikon wird seit 1998 von der Waldensergemeinde genutzt, im Parterre befinden sich ein Theatersaal und ein Restaurant.

Unter die Rubrik erweiterte Nutzung fällt die Citykirche Offener St. Jakob in Aussersihl. In diesen Fällen handelt es sich um kirchliche oder kirchennahe Umnutzungen. Anders bei der Kirche Rosenberg in Winterthur Veltheim. Diese wurde 2016 von der Stadt Winterthur als temporäre Asylunterkunft eingerichtet und zwei Jahre lang als solche genutzt. Seither ist die Kirche ungenutzt, und sie bleibt bis mindestens März 2020 geschlossen.

Sichtbar bleiben

Auch bei der Kirche Wollishofen auf der Egg ist in der Schwebe, wie es dort langfristig weitergehen soll. Sie wurde im Rahmen eines Projekts als Kunst-Klang-Kirche betrieben, doch wurde dieses Engagement im November letzten Jahres vorzeitig eingestellt. Die Kirche kann seither für kulturelle Veranstaltungen oder Anlässe wie Hochzeiten gemietet werden. Und auch die Kirche in Wipkingen wird nicht mehr als Gotteshaus betrieben. Dort ist eine Zusammenarbeit mit der Schule Waidhalde offenbar auf gutem Weg.

In Wollishofen wurde mit einer Nutzung als Klangkirche experimentiert. Foto: Urs Jaudas

In der Reformierten Kirche der Stadt Zürich ist derzeit durch die Fusion der Kirchgemeinden ohnehin vieles im Umbruch. Dabei geht es auch um die Nutzung der Kirchen. «Im Vordergrund stehen aber nicht Fremdnutzungen oder gar der Verkauf von Kirchen, sondern Nutzungserweiterungen oder Mischnutzungen», sagt Michael Hauser, der als Kirchenpfleger das Ressort Immobilien betreut. «Wir wollen mit unseren Kirchen in der Stadt feinmaschig sichtbar bleiben.»

Bei Katholiken kein Thema

In der Katholischen Kirche Zürichs sind leere Kirchen und Umnutzungen nur ein Thema am Rande. Oder gar eines mit umgekehrtem Vorzeichen. «Aufgrund der vielen Migranten suchen Kirchgemeinden nach neuen Möglichkeiten und Orten, wo diese Gemeinschaften ihre Gottesdienste oder andere Anlässe feiern können», sagt Aschi Rutz, Informationsbeauftragter des Synodalrats der Katholischen Kirche des Kantons Zürich.

Zusätzlich seien vermehrt orthodoxe Gemeinden auf der Suche nach Lokalitäten für ihre Veranstaltungen. So wurde 2016 die katholische Josefskirche in Grafstal (Gemeinde Lindau) an die koptische Kirche, also an die ägyptischen Christen, vermietet. Mitte Mai reiste Kopten-Papst Tawadros II. zur Kirchenweihe an. Zuvor wurde eine 2,8 Tonnen schwere Ikonostase, eine Bilderwand, die den Kirchenraum unterteilt, angebracht.

Hoher emotionaler Wert

Die Umnutzung von Kirchen ist tatsächlich oft ein schwieriges Unterfangen. Einerseits sind viele Gebäude denkmalgeschützt, was die Neunutzungen einschränkt. Vor allem aber sind damit Emotionen verbunden, auch bei jenen, die keine Kirchgänger sind. Denn Kirchen werden nicht nur gebraucht, sie haben auch einen Symbolwert.

Der neue Gebrauchswert dürfe dem bleibenden Symbolwert einer Kirche nicht widersprechen, hat die Schweizer Bischofskonferenz vor einiger Zeit, frei zitiert, empfohlen. Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund stellt sich im Grundsatz hinter diese Formulierung. Laut der Zürcher Kirchenordnung gilt zudem: Die dauernde Umnutzung von Kirchen und ihr Verkauf bedürfen der Zustimmung des Kirchenrates.

Verkauf ist Ultima Ratio

Der Verkauf, so sind sich alle Befragten einig, ist «Ultima Ratio». Und wenn ein Verkauf oder eine längerfristige Vermietung erwogen werde, sei es wichtig, dass die neue Trägerschaft nicht total aus dem Rahmen falle. «Kirchen sollen zum Wohl der Gesellschaft genutzt werden», gibt Theologe Mathias Burri zu bedenken. Im Vordergrund stünden deshalb die Zusammenarbeit oder die Abgabe an öffentlich-rechtliche und gemeinnützige Institutionen.

Ausgefallene Neunutzungen sind in der Schweiz die Ausnahme: In Solothurn wurde die Klosterkirche St. Josef zum Haus der Kunst, in Freiburg die Kapelle Regina Mundi zum Lesesaal – was, wenn wir das Zeitfenster öffnen, in Zürich auch bei der Kirche des ehemaligen Predigerklosters der Fall ist. Sie wurde bereits 1803 als Kantons- und Universitätsbibliothek und wird heute durch die Zentralbibliothek für die Musikabteilung genutzt.

Skatepark und Discoclub

Anders sieht es im Ausland aus, wo der Fächer oft weiter geöffnet wird oder zuweilen einfach der Meistbietende den Zuschlag bekommt. Im belgischen Mechelen kann man zum Beispiel im Viersternhotel Martin’s Paterhof Zimmer mit Kirchenfenstern mieten, und in Aachen wird seit 2017 die ebenfalls neugotische St. Elisabethkirche als Digital Church mit Co-Working betrieben, eine interessante Umnutzung, finden mehrere Zürcher Exponenten.

Zimmer mit Kirchenfenstern: Das Hotel Martin’s Paterhof im belgischen Mechelen. Foto: PD

Umstrittener: Im spanischen Llanera (Asturien) ist ein Skatepark in eine neugotische Kirche eingebaut worden. Sein Name: Kaos Temple. In Mailand wurde in einer Kirche der Discoclub Gattopardo eingerichtet und in einer kleinen Kapelle aus dem 18. Jahrhundert das Pub La Chiesetta. Und in Konstanz, unweit der Schweizer Grenze, wird das Erdgeschoss der ehemaligen mittelalterlichen Hospizkirche St. Jodok als Nachtclub Babalou betrieben. Da klafft wohl eine Lücke zwischen Gebrauchswert und Symbolwert.

Erstellt: 17.07.2019, 17:46 Uhr

Der Tagi liess sich auf ein Experiment des Vereins St. Peter ein. Von Montag bis Mittwoch arbeiteten Journalistinnen und Journalisten des Ressorts Zürich in der Kirche St. Peter. Gäste waren herzlich willkommen.

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