ETH plant Super-Institut «von Weltklasseformat»

Durch Fusion zweier bestehender und renommierter Forschungsstätten soll ein Leuchtturm entstehen. Nur passt das einigen nicht.

Bei der Forschungsanstalt WSL (im Bild das Biosicherheitslabor in Birmensdorf) sind strukturelle Umwälzungen angesagt.

Bei der Forschungsanstalt WSL (im Bild das Biosicherheitslabor in Birmensdorf) sind strukturelle Umwälzungen angesagt. Bild: Keystone

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Die Pläne hätten geheim bleiben sollen – bis mindestens nach den nationalen Wahlen am kommenden Sonntag. Der «Blick» machte sie aber bereits heute Mittwoch publik: Der ETH-Rat will seine Forschungsanstalten neu organisieren. Gemäss einem internen Schreiben, das auch dieser Zeitung vorliegt, sollen dabei bestehende Institute zu einem neuen Super-Institut «von Weltklasseformat», «Swiss Federal Institute of Technology for Environment and Sustainability» genannt, zusammengelegt werden.

Beth Krasna, Interimspräsidentin des ETH-Rats, sieht offenbar dringenden Handlungsbedarf. Am 2. Oktober schrieb sie in einer internen Mail an die Direktionsmitglieder der Institute: «Die grösste Herausforderung der Menschheit in den kommenden Jahrzehnten ist, Antworten auf die Klimaveränderungen zu finden.»

Konkret geht es um zwei renommierte Institute, die fusionieren sollen: Jenes für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und jenes für die Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag). Insgesamt wären knapp 1000 Angestellte von der Massnahme betroffen. Die beiden Institute vereinen ein Budget von jährlich insgesamt 118 Millionen Franken an Bundesgeldern. Bis März 2020 soll ein Verordnungsentwurf für die Fusion vorliegen. Dieser muss später noch von den Eidgenössischen Räten genehmigt werden.

«Ungewöhnlich späte Information»

Gut möglich, dass dies erst der Anfang einer grösseren Umstrukturierung ist. Krasna bezeichnet die geplante Fusion als «einen ersten Schritt». Der ETH-Rat habe an seiner letzten Sitzung Ende September eine strategische Neuausrichtung in verschiedenen Disziplinen angedacht. Betroffen sind demnach die Bereiche Data Sciences & Digital Technologies, Personalized Health & Related Technologies, Advanced Manufacturing & Materials Science und Energy & Environmen.

Intern stiess das Vorgehen auf Kritik. Eine anonyme Informantin aus dem inneren Zirkel der betroffenen Institute schreibt von einer «ungewöhnlich späten Information». «Der Rat hat die Direktionen der Forschungsinstitute mit diesem heiklen Traktandum überrumpelt.» Er verletze damit seine Konsultationspflicht gemäss der Verordnung über den ETH-Bereich. Artikel 6 besagt, dass der Rat verpflichtet ist, vor grösseren Beschlussfassungen die betroffenen Institute anzuhören. Dies war offensichtlich nicht der Fall: Die Institute wurden mit dem internen Schreiben am 2. Oktober vor vollendete Tatsachen gestellt. Der Beschluss war jedoch schon eine Woche zuvor gefasst worden.

Standorte gefährdet?

Intern geht nun die Sorge vor einem Autonomieverlust um. Die bisherigen Institute sollen neu einer Führung unterstehen. Die Informantin glaubt, dass Geld eine wichtige Rolle spielt bei diesem Entscheid. Es sei bekannt, dass die ETH Lausanne nach der Expansionsphase der letzten Jahre dringend Mittel brauche. «Bei der Reorganisation lassen sich beim Bund Stellen abbauen.» Fusionspläne seien in der Vergangenheit immer verworfen worden. Wichtige Gründe dafür seien die klaren Profile und die engen Netzwerke in der Praxis gewesen, die für die Schweiz ein grosser Vorteil seien.

Gian-Andri Casutt, Sprecher des ETH-Rats, widerspricht den Mutmassungen der Informantin: «Es geht vor allem darum, den grossen Umweltproblemen unserer Zeit mit Antworten aus der Spitzenforschung zu begegnen.»

Die geplante Fusion rückt auch die Standortfrage in den Fokus. Das WSL etwa, bei dem rund 500 Leute arbeiten, ist heute auf fünf Standorte verteilt. Der Hauptsitz befindet sich in Birmensdorf ZH. Das Lawinenforschungsinstitut als wichtiger Zweig steht in Davos. Weitere Ableger stehen in Lausanne, Sion und Cadenazzo TI. Das WSL bezeichnet die verschiedenen Aussenstellen als grossen Vorteil. Für die lokalen Synergien und den Dialog mit der Praxis. Würden sie im Zug der Fusion abgebaut, wären diese Vorteile wohl dahin.

Zur Herausforderung wird die Situation auch für Michael Hengartner, der ab kommendem Februar als neuer Präsident des ETH-Rats amtet. Formell konnte sich der jetzige Rektor der Universität Zürich nicht am Prozess beteiligen. Er wird aber gleich an seiner ersten Sitzung im März 2020 mit dem Verordnungsentwurf konfrontiert.

Erstellt: 16.10.2019, 12:19 Uhr

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