Extremisten im Schlepptau

Offiziell verurteilt der Islamische Zentralrat Schweiz terroristische Gewalt. Doch hinter den Kulissen gibt es Verbindungen zu Jihadisten.

Beruft sich mit Zetteln auf «Meinungsfreiheit», «Religionsfreiheit» und «Versammlungsfreiheit»: Der Islamische Zentralrat an der Medienkonferenz. Foto: Sabina Bobst

Beruft sich mit Zetteln auf «Meinungsfreiheit», «Religionsfreiheit» und «Versammlungsfreiheit»: Der Islamische Zentralrat an der Medienkonferenz. Foto: Sabina Bobst

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Der Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS) bekundet Mühe, im Kanton Zürich geeignete Veranstaltungslokale zu finden, und will deshalb für ein grosses Islamistentreffen am 6. und 7. Mai in die Türkei ausweichen. An einer ungewöhnlichen Konferenz, für die der IZRS gestern die Medien zuerst an eine Zürcher Tramhaltestelle bestellt hatte, beschwerte sich IZRS-Präsident Nicolas Blancho über die Auflösung der Grundrechte in der Schweiz. Die Gefahr im Land sei nicht die Radikalisierung der Muslime, sondern die zunehmende Islamophobie.

Schon einmal im St. Gotthard

Früher hatte es der IZRS tatsächlich einfacher. So konnte die Salafistenorganisation Ende 2015 unbehelligt zur Premiere ihres Syrien-Dokumentarfilms im Winterthurer Hotel Römertor einladen. Die Probleme folgten erst später. Die Bundesanwaltschaft begann zu ermitteln, und zwar wegen eines im Propagandastreifen gezeigten unkritischen Interviews mit dem mutmasslichen Al-Qaida-Terroristen Abdullah al-Muhaysini. Derzeit wird deshalb eine Anklage wegen Unterstützung einer Terrororganisation vorbereitet. Beschuldigt sind IZRS-Präsident Nicolas Blancho, Pressesprecher Qaasim Illi, der unter anderem wegen antisemitischer Rassendiskriminierung und Pornografie verurteilt worden ist, und der Filmemacher Naim Cherni, der Muhaysini interviewt hat. Für alle gilt die Unschuldsvermutung.

Auch im 4-Stern-Hotel St. Gotthard an der Zürcher Bahnhofstrasse hat der IZRS noch im Dezember 2016 ein Seminar durchgeführt. Nach dem Eklat um die geplatzte Islamkonferenz im Zürcher World Trade Center lehnte es das Hotel kürzlich allerdings ab, einen seiner Säle für eine Pressekonferenz des IZRS zur Verfügung zu stellen. Der selbst ernannte Zentralrat, der in Tat und Wahrheit weniger als ein Prozent der in der Schweiz lebenden Muslime repräsentiert, wich gestern deshalb ins nicht weit entfernte Hotel Continental aus. Interessant ist, wie der Islamrat manchmal bei Buchungen von Seminarräumen vorgeht. So wird gerne ein Polymechaniker mit jüdischem Namen vorgeschickt, der als eine Art Veranstaltungsmanager amtet. Kurz vor Gründung des Zentralrats war dieser junge Mann zusammen mit anderen künftigen IZRS-Mitgliedern in eine Messerstecherei in Biel verwickelt. Der Haupttäter, ein vom Balkan stammender Boxer und spätere Leibwächter der IZRS-Frauenbeauftragten Nora Illi, tötete dabei um ein Haar einen jungen Mann.

Dafür sitzt er nun eine viereinhalbjährige Gefängnisstrafe ab. Sein jüngerer Bruder, ein gelernter Heizungsmonteur, buchte im letzten Dezember den Eschersaal im Hotel St. Gotthard für ein Seminar mit dem deutschen Salafisten Amen Dali. Gegen Dali verhängte Bern seither ein Einreiseverbot. Organisiert wurde die Veranstaltung vom «Islamischen Institut für Islamwissenschaft», das gegenüber dem St. Gotthard als Adresse die Privatanschrift des Heizungsmonteurs angab. Diesen hatte der IZRS zuvor zum Studium der Islamwissenschaft nach Ägypten und Jordanien geschickt. Das Institut, eine Erfindung des IZRS, sucht man im Handelsregister vergeblich.

Flyer in der An-Nur-Moschee

Szenenwechsel in die berüchtigte Winterthurer An-Nur-Moschee am Freitag vor einer Woche: Ein IZRS-Mitglied bringt Flyer unter die Leute, auf denen Werbung für die inzwischen nach Istanbul verlegte Veranstaltung «Longing for peace 2017» gemacht wird, auf Deutsch «Sehnsucht nach Frieden». Beim Hinausgehen nach dem Freitagsgebet liest auch ein komplett schwarz gekleideter junger Mann das Faltblatt durch. Die Behörden verdächtigen den psychisch angeschlagenen 19-Jährigen, andere Moscheegänger radikalisieren zu wollen. Ausserdem habe der Konvertit geplant, nach Syrien zu einer Terrorgruppe zu reisen. Dies sei auf die Schalmeienklänge eines schon etwas älteren Mannes zurückzuführen, der in der An-Nur-Moschee als nebenamtlicher Imam auch schon das Freitagsgebet geleitet habe. Auch in diesen Fällen gilt die Unschuldsvermutung.

Es gibt aber nicht nur Verbindungen zu inländischen Extremisten und Kriminellen. So pflegte unter anderem IZRS-Präsident Blancho Kontakte zu ausländischen Fanatikern, unter ihnen Mazlam Mazlami und Shefqet Krasniqi, beides Imame in Kosovo. Krasniqi hatte einst der albanischstämmigen heiligen Mutter Teresa den Eintritt in die Hölle prophezeit. Das führte unter albanischen Muslimen zu einem Aufschrei der Empörung. Der Imam wurde 2014 in Kosovo unter Terrorverdacht verhaftet. Der IZRS sah auch darin ein Indiz für die fortschreitende Islamophobie. Eines ist allerdings klar: Der Islamrat hat sich offiziell immer von terroristischen Gewalttaten distanziert, und er lehnt insbesondere die Steinzeitislamisten des Islamischen Staats (IS) vehement ab. Das Gleiche kann man aber nicht behaupten, wenn es um die Terroristen der al-Qaida und der syrischen Nusra-Front geht.

Dubiose Hilfsorganisation

Der Islamratspräsident und seine Getreuen unterhalten in der Schweiz ein undurchsichtiges Netz von Vereinen, die alle nach demselben Muster gestrickt sind. Sie entwickeln in der Regel kaum sichtbare Aktivitäten, und zum Teil sitzen in ihnen zweifelhafte Persönlichkeiten aus dem arabischen Raum und vom Balkan. Eines von mehreren Beispielen ist das Forum islamischer Denker, in dem IZRS-Generalsekretärin Ferah Uluçay als Kassiererin wirkt. Der Verein will die Zusammenarbeit und den Austausch zwischen islamischen Geistlichen fördern und dazu Konferenzen und Ähnliches organisieren. Präsident ist der Kuwaiter Moneef Alshammari. Laut den Gründungsakten des Vereins arbeitete dieser für die kuwaitische «Hilfsorganisation» Fahd al-Ahmed. Wenige Monate nach der Vereinsgründung in Bern sprengte sich ein Terrorist des Islamischen Staates in einer schiitischen Moschee in Kuwait in die Luft. 27 Menschen wurden getötet und mehr als 200 verwundet. In der Folge verbot die Regierung die Fahd al-Ahmed Charity und warf ihr vor, extremistische Gruppen in Syrien finanziert zu haben.

Ein weiteres Beispiel ist der Bahrainer Adel Hassan Hamad, mit dem Nicolas Blancho in der Berner Association des Savants Musulmans (Verein der muslimischen Gelehrten) sitzt. Der Hassprediger hat in Bahrain gegen den Bau einer Kirche Stimmung gemacht, hetzte gegen Schiiten und rief zum Jihad in Syrien auf.

Mit der Kalaschnikow im Kriegsgebiet gefilmt

Diesem Ruf folgte zum Beispiel sein Sohn Abdulrahman, der als Kämpfer der Nusra-Front, der syrischen Al-Qaida-Filiale, 2013 ums Leben kam. Interessant ist auch das Zürcher «Observatorium für Menschenrechte in Kuwait». Darin sitzt wieder Generalsekretärin Uluçay, diesmal als Vizepräsidentin. Präsidiert wird der Verein vom ehemaligen kuwaitischen Parlamentarier Waleed Altabtabae. Dieser machte sich als Financier jihadistischer Gruppen in Syrien einen Namen. Er reiste auch mehrmals selbst ins Kriegsgebiet und liess sich dabei mit einer Kalaschnikow in der Hand filmen.

Die libanesische Zeitung «al-Akhbar» bezeichnete ihn als Paten der Belagerung zweier schiitischer Kleinstädte in der Nähe von Aleppo.

Die Liste der umstrittenen Personen im Dunstkreis des IZRS liesse sich verlängern. Es kann daher nicht erstaunen, wenn die Bundesbehörden den Islamrat als «eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die innere und äussere Sicherheit der Schweiz» einstufen.

Erstellt: 28.04.2017, 22:25 Uhr

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