Facelifting für eine Ikone der Siebzigerjahre

Die Autobahnraststätte in Würenlos ist für zehn Millionen Franken erneuert worden. Fast getraut man sich nicht mehr, sie Fressbalken zu nennen.

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Die Grossmutter bekam alle Jahre wieder zwischen Weihnacht und Neujahr eine Karte, die auf der Vorderseite die Autobahnraststätte in Würenlos zeigte. Auf der Hinterseite stand immer ­ungefähr dieser Text: «Liebes Grossmami. Wir haben das von Dir gespendete Weihnachtsgeld in einen Brunch im Fressbalken investiert. Es war sehr reichlich und sehr fein. Danke herzlich, ­Deine Enkel.»

Die 1972 eröffnete Autobahnraststätte über der A1 wurde zum Sinnbild einer Zeit der unbekümmerten Mobilität, in der Familienväter – Familienmütter sassen noch selten am Steuer – die Kinderschar in den VW Golf oder den Renault 16 packten und über Land fuhren. Oder eben über die A1 nach Würenlos, um am Sonntag einzukaufen oder zu brunchen – ein ganz und gar neumödiges Erlebnis.

«Moderner Mobilitätshub»

Einkaufen heisst heute shoppen – und das kann man in der Raststätte ab kommendem Wochenende noch gediegener als bisher. Vor gut zwei Jahren wechselte sie den Besitzer: Die Autobahnraststätte Würenlos AG verkaufte sie an die Baarer Immobiliengesellschaft Bovida Real Estate, und diese investierte zehn Millionen Franken, um die Raststätte in einen «modernen Mobilitätshub» überzuführen, wie sich Geschäftsführer Zacharias Oliver in der «Aargauer Zeitung» äusserte. Im vergangenen Jahr besuchten 2,2 Millionen Menschen die Shoppingbrücke.

Der Fressbalken wurde zu einer Architekturikone seiner Zeit und schaffte es in die Swissminiatur.

Die Ladenlokale sind renoviert, das Angebot ist ergänzt worden – selbst ein Coiffeur ­gehört dazu. Ein grosser Kinderspielplatz ist entstanden, im ­April gesellt sich zur Migros- auch eine Coop-Filiale. Und die Anlage ist nun rollstuhlgängig. Fast getraut man sich nicht mehr, vom «Fressbalken» zu sprechen. Im Logo steht denn auch «Wohlfühlbrücke».

Bei seiner Eröffnung 1972 war das von dem Zürcher Architekturbüro Marti + Kast geplante 140 Meter lange, zwei­stöckige Bauwerk die grösste über eine Autobahn gespannte Raststätte Europas. Die Bau­kosten betrugen 25 Millionen Franken.

In der Region war in der Projektierungsphase bloss von einer «Milchbar» die Rede, es scherte sich kaum jemand darum. Die Fassade sollte ursprünglich, dem Zeitgeist entsprechend, runder gestaltet werden – es war Soft-Edge-Ära. Doch die von der Eignerin Mövenpick beauftragten Architekten liessen sich von der nahen Habsburg inspirieren, wie in der Ausgabe der «Würenloser Blätter» aus dem Jahr 2010 zu ­lesen ist. Das Gebäude wurde eckig, die Fenster gerieten klein. Die Farbe aber war reine Siebziger: Braun-Orange. Die Raststätte wurde zu einer Architektur-Ikone dieser Zeit, sie schaffte es 1975 als Schauplatz in den Bestseller «Niemand ist eine Insel» von Johannes Mario Simmel und etwas später in die Ausstellung Swissminiatur.

Ein Paradies für Kinder

Vor allem aber wurde sie zum Ausflugsziel – eigentlich nicht der Sinn einer Raststätte, die ja als Zwischenstopp für müde Autofahrer dienen sollte. Neben dem Brunch waren auch die ­riesigen Glace-Coupes berühmt, und im «Habsburg-Grill» gab es tolle Hacktätschli – heute gibt es Beefburger im Burger King.

Der Spitzname «Fressbalken», der von den Betreibern und auch der Standortgemeinde lange nicht so gerne gehört wurde, war bei den Besucherinnen und Besuchern durch und durch positiv konnotiert! Es gab übrigens auch ein Kinderparadies – auch das etwas Neues.

Die Raststätte ist nicht nur über die Autobahn, sondern auch zu Fuss oder per Velo erreichbar.

2004 wurde die Raststätte für 23 Millionen Franken umgebaut. Dabei ging der zu jener Zeit als miefig empfundene orange-braune Fassadenanstrich verloren. In der «Aargauer Zeitung» erschien ein Leserbrief, in dem ein Badener Historiker sich gegen die neue Gestaltung wehrte: «Wenn ein Gebäude aus dieser Zeit unter Denkmalschutz gehört – jetzt oder später einmal –, dann es.»

Niemand hörte auf den Mann. Seither ist die Fassade blau mit Schweizer Kreuz. So bleibt es auch nach der jüngsten Renovation. Noch ist der Umbau nicht fertig: Auf dem Dach der Raststätte ist eine Fotovoltaik­anlage geplant, die den Eigenbedarf an Strom decken soll. Auch werden zwanzig Ladestationen für Elektroautos zur Verfügung stehen.

Übrigens ist diese Raststätte nicht nur über die Autobahn, sondern auch total klimaneutral zu Fuss oder per Velo erreichbar. Von Würenlos her auf einem Waldweg kommend, steht man unvermittelt davor. Durch ein kleines Gittertürchen kann man das Areal betreten. Veloständer gibt es allerdings keine.

PS: Den Sonntags-Brunch gibt es immer noch – nur heisst das heute «Landzmorge».

Eröffnungsfest am 30. November, Veranstaltungen ab 13 Uhr

Erstellt: 28.11.2019, 22:40 Uhr

McDonald’s kommt ins Säuliamt

Wie steht es eigentlich um die 2009 eröffnete Autobahnraststätte My Stop bei Affoltern am Albis? Sie kam nach der Eröffnung einfach nicht richtig in Fahrt und stand 2014 vor dem Konkurs. Im März 2015 wurde sie von der Firma Raststätte Knonaueramt AG übernommen. Danach wurde es still um My Stop. «Das ist ein gutes Zeichen», sagte gestern Manfred Suter, CEO der Betreibergesellschaft Real MGT AG. Man habe in diesen Jahren konsolidiert und investiert. «Nun ist die Raststätte gut aufgestellt.»

In diesem September seien die 10-Jahres-Verträge mit mehreren Mietern ausgelaufen und erfolgreich erneuert worden. Und, was bisher noch nicht öffentlich kommuniziert wurde, My Stop konnte einen vielversprechenden Ankermieter verpflichten: «Im Frühjahr 2020 eröffnet McDonald’s bei uns eine Filiale», sagt Suter. «Und zwar zusätzlich zum ­bestehenden Gastrobetrieb.» Das werde dem ganzen My Stop zusätzlichen Schub verleihen, ist er überzeugt. (net)

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