Fakten sprechen fürs Fliegen

Es hängt mehr am Flughafen als nur Lärm.

Der Flughafen und die Fakten: Die Debatte geht weiter. Foto: Reto Oeschger

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Es ist erstaunlich, mit welcher Unverfrorenheit in der Flughafenfrage Fakten verdreht und Unwahrheiten verbreitet werden. Um Sonderinteressen durchzusetzen, scheint jedes Mittel recht. Ein paar Beispiele: Die Behauptung, der Flugverkehr nehme ungebremst zu, wird nicht wahrer, wenn sie hundertmal wiederholt wird. Dasselbe gilt für die wie ein Glaubenssatz verbreitete Unterstellung, der Umsteigeverkehr wachse, der Lärm nehme immer nur zu und die Nachtzeit sei weniger geschützt.

Das alles ist nachweislich falsch. Vor 15 Jahren zählte man rund 325'000 Flugbewegungen pro Jahr. Heute sind es rund 270'000 – das entspricht pro Tag etwa 150 Flugbewegungen weniger! Vor 15 Jahren war jeder zweite Fluggast ein Umsteigepassagier. Heute ist es jeder vierte – der Anteil hat sich halbiert. Noch vor wenigen Jahren galt eine Nachtruhe von viereinhalb Stunden – heute sind es sechseinhalb Stunden. Und auch das von starkem Lärm betroffene Siedlungsgebiet hat im gleichen Zeitraum nicht etwa zu-, sondern deutlich abgenommen.

Weil es nicht ins Konzept passt

Das alles könnten Bürgerorganisationen, Lärmstiftungen, atemlos Dauerempörte nachprüfen. Wenn sie denn wollten. Aber sie wollen nicht, denn es passt nicht ins Konzept. Und das Konzept heisst: Wenn ich mich schon nicht gegen die Interessen der anderen Himmelsrichtungen durchsetzen kann, so richte ich wenigstens alle Kraft gegen den Flughafen.

Wenn nun die Interessengruppen aller Himmelsrichtungen glauben, ihr flughafenpolitisches Treiben werde keine Folgen haben, ja, es schaffe für sie und ihre Klientel nur Vorteile, so schneiden sie sich gewaltig. Denn dem Flughafen und dem Luftverkehr ein immer engeres Korsett zu verpassen, ist nicht gratis.

Der Luftverkehr schliesst unsere Wirtschaft an die globalen Märkte an. Wenn wir «Wirtschaft» sagen, meinen wir Unternehmen im Raum Zürich mit Hunderttausenden von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – vom Ingenieur bis zum Portier, von der Personalchefin bis zur Raumpflegerin. Dann meinen wir auch Zehntausende von Hotelangestellten von Zürich bis nach St. Moritz. Dann meinen wir ungezählte Detailhandelsangestellte – von der Kioskfrau am Flughafen bis zur Stilberaterin an der Bahnhofstrasse, vom Uhrenverkäufer in Luzern bis zum Pharmaassistenten in Seebach. Sie alle tragen Löhne nach Hause. Sie konsumieren und tragen dazu bei, dass unser Wohlfahrtsstaat funktioniert.

Die wirtschaftlichen Folgen

Erstickt der Flughafen an schlechten Rahmenbedingungen, leidet auch die internationale Verkehrsanbindung Zürichs. Und das werden auch jene spüren, die heute protestieren. Sie werden eines Tages zur Kenntnis nehmen müssen, dass Leute die am Flughafen keine Arbeit mehr finden, billigere Wohnlagen suchen (müssen). Sie werden erfahren, dass Schlechterverdienende kein Wohneigentum mehr erwerben. Dann passiert genau das, worüber sie heute jammern: Ihre Liegenschaften verlieren an Wert. Nicht, weil es zu laut ist, sondern weil sich keine Interessenten mehr finden, die bereit sind, ihre Mieten oder Kaufpreise zu zahlen. Doch der Kreis ist weiter zu ziehen. Nicht nur in der Flughafenregion, sondern im ganzen Raum Zürich wird man erleben, dass sich die Verlagerung hoch qualifizierter Jobs ins Ausland beschleunigt. Multinationale Firmen werden neue, besser erschlossene Standorte evaluieren. Erwerbstätige und junge Talente werden immer mehr Mühe haben, bei uns hoch qualifizierte Arbeit in international tätigen Firmen zu finden.

Ich denke nicht, dass das erstrebenswert ist. Für niemanden. Auch nicht für jene, die heute aus Eigennutz den Flughafen und den Luftverkehr ins Pfefferland wünschen.

Erstellt: 15.04.2016, 19:55 Uhr

Thomas O. Koller. Der Kommunikationsberater ist Geschäftsführer und Vizepräsident der Vereinigung Weltoffenes Zürich, der Interessenvertretung für die Zürcher Wirtschaft und den Flughafen.

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