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Fall Brian: «Alle halten dicht»

Ex-Jugendanwalt Hansueli Gürber wirft seinem früheren Chef Marcel Riesen vor, er habe den damaligen Justizdirektor Martin Graf belogen.

Thomas Hasler
2006 vor der Carlos-Affäre noch an einem Tisch: Marcel Riesen (l.) und Hansueli Gürber.
2006 vor der Carlos-Affäre noch an einem Tisch: Marcel Riesen (l.) und Hansueli Gürber.
Doris Fanconi

Am 6. November wurde der als Carlos schweizweit bekannt gewordene Brian wegen versuchter schwerer Körperverletzung und weiterer Delikte zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und neun Monaten verurteilt. Zudem ordnete das Gericht eine stationäre therapeutische Massnahme an.

Hansueli Gürber, der zur Zeit des berühmten Sondersettings in den Jahren 2012/13 der für Brian zuständige Jugendanwalt war, wollte sich auf Anfrage zum Urteil nicht äussern. Gut zwei Wochen später holt der 68-Jährige in einem längeren Interview mit der «Schweiz am Wochenende» von CH Media zu einem Rundumschlag aus.

Will Transparenz schaffen

Er habe es «satt», die ganze Geschichte noch länger für sich zu behalten. Es sei «unglaublich, dass die gesamte Zürcher Politszene eigentlich weiss, was damals abgelaufen ist. Aber alle halten dicht.» Weil er im Zusammenhang mit dem aktuellen Prozess dauernd auf die Ereignisse von 2013 angesprochen werde, habe er sich entschieden, «dass es am besten ist, jetzt Transparenz zu schaffen».

Die Ereignisse im Spätsommer 2013 in Kürzestfassung: In einer Reportersendung von SRF, die eigentlich Hansueli Gürber porträtierte, wurde bekannt, dass sich ein junger Straftäter in einem 22000 Franken teuren Sondersetting befindet, in dem dem Gewalttäter - wie im Film zu sehen war - auch Thaibox-Kurse finanziert wurden.

«Sozial-Wahn!» titelte der «Blick» und trat eine mediale Lawine los. Erst zehn Tage später erklärten sich Justizdirektor Martin Graf und der leitende Ober jugendanwalt Marcel Riesen der Öffentlichkeit. Sie legten einen 23-seitigen Bericht über das jugendstrafrechtliche Vollzugsverfahren im Fall des 17-jährigen Jugendlichen vor, der bereits damals achtmal in ein Gefängnis, fünfmal in eine geschlossene Institution und siebenmal in eine offene Einrichtung eingewiesen worden war.

Sondersetting war bekannt

Was empört Hansueli Gürber sechs Jahre später? Alle hätten gewusst, dass es dieses Sondersetting gegeben und wie viel es gekostet habe. Denn an den regelmässig stattfindenden Sitzungen, an denen auch Amtschef Riesen teilnahm, habe er «ausführlich über den Fall berichtet». Dennoch «entstand der Eindruck, ich hätte heimlich gehandelt».

So habe es in Presseberichten geklungen. Er habe deshalb um eine Aussprache mit Riesen, Justizdirektor Martin Graf sowie dem damaligen Generalsekretär gebeten und verlangt, «dass sie klar kommunizieren, dass ich nicht heimlich gehandelt habe». Alle drei hätten aber nur «schallend gelacht» und gesagt: «Das machen wir sicher nicht.»

Konkret behauptet Gürber im Interview, Amtschef Riesen habe dem damaligen Justizdirektor Graf gesagt, «ich hätte heimlich gehandelt. Weil Graf ein juristischer Laie ist, glaubte er dies tatsächlich».

«Die Vorwürfe stimmen nicht»

Und auch in einem anderen Zusammenhang fiel Gürber offenbar «aus allen Wolken»: In einer Anhörung habe er darauf hingewiesen, dass die Rechnungen des Sondersettings «immer über die Oberjugendanwaltschaft liefen». Riesen, der dabei sass, habe erwidert: «Aber nicht über meinen Tisch.»

«Wir wussten, dass es das Setting gibt. Wir kannten den Gesamtbetrag. Man arbeitete aber mit Pauschalen.»

Marcel Riesen, Oberjugendanwalt

Hat Amtschef Riesen seinen Vorgesetzten belogen? «Die Vorwürfe stimmen nicht», sagte Marcel Riesen auf Anfrage dieser Zeitung. Im Übrigen seien die Vorgänge vor sechs Jahren in zahlreichen Gremien und Aufsichtskommissionen bis ins Detail behandelt worden. «Dem gibt es nichts beizufügen.» Gürbers Version, wonach Riesen Justizdirektor Graf über die Verantwortlichkeiten falsch informierte, ist mindestens fragwürdig.

In einem Videointerview, das anlässlich der Medienkonferenz zehn Tage nach dem Auffliegen des «Sozial-Wahns» stattfand, sagte Riesen: «Wir (auf der Oberjugendanwaltschaft) wussten, dass es das Setting gibt. Wir kannten den Gesamtbetrag.» Über die Ausgestaltung des Settings sei er aber nicht informiert gewesen.

Martin Graf schweigt

Für den Film selbst, speziell die Mitwirkung von Brian, übernimmt Gürber hingegen die Verantwortung. Riesen sagt, er sei über den Film orientiert gewesen, nicht aber über die Wahl des Fallbeispiels.

Bringt Martin Graf Licht ins Dunkel? Nein. In der «Schweiz am Wochenende» wird er mit dem Satz zitiert: «Riesen war aus meiner Sicht wirklich nicht gut über den Fall informiert.» Gegenüber der «SonntagsZeitung» teilte Graf mit, das Zitat sei nicht autorisiert. Weiter äussere er sich nicht mehr zum Fall.

Weiterzug im Strafverfahren

Um Brian selbst ist bis heute keine Ruhe eingekehrt: Derzeit läuft ein Gerichtsverfahren wegen verschiedener Delikte, die er hinter Gitter begangen haben soll. Das Bezirksgericht Dielsdorf hat Brian deswegen zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und neun Monaten verurteilt, aufgeschoben zu Gunsten einer stationären Therapie. Wie das Gericht heute mitteilte, hat nicht nur Brian selbst, sondern auch die Staatsanwaltschaft Berufung angemeldet.

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