Fall Carlos: Es läuft bereits ein weiteres Strafverfahren

Das Bezirksgericht Dielsdorf hat gegen Brian alias Carlos ein salomonisches Urteil gefällt. Doch dieser zeigt kaum Einsicht.

«Mit rücksichtsloser Brutalität»: Brian alias Carlos in einer Zeichnung aus dem Jahr 2017. Illustration: Robert Honegger

«Mit rücksichtsloser Brutalität»: Brian alias Carlos in einer Zeichnung aus dem Jahr 2017. Illustration: Robert Honegger

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Nein, man hätte in diesem Fall nicht in der Rolle des Richters stecken wollen. Zu beurteilen war eine Auseinandersetzung im Gefängnis, und die Regeln der richterlichen Kunst verlangen es, dass dieses Urteil «ohne Ansehen der Person» gefällt wird. Nur ist der Beschuldigte im Fall Brian unter dem Pseudonym Carlos einer der bekanntesten Straftäter der Schweiz. Ein Mann, den viele wegen seiner notorischen Gewalttätigkeit am liebsten für immer hinter Gitter sähen. So auch der Staatsanwalt, der eine Strafe von 7½ Jahren und dann eine Verwahrung verlangte.

Andere sehen im 24-jährigen Schweizer ein Justizopfer, das nach zahlreichen demütigenden Erfahrungen kaum mehr anders kann, als gegen das System zu rebellieren. Der Verteidiger vertrat diese Ansicht; er plädierte für eine Strafe von einem Jahr – was zu einer Frei­lassung geführt hätte, weil Brian schon länger in Haft ist.

Brian erklärte den Krieg

Das Bezirksgericht Dielsdorf fällte vor diesem Kontext ein geradezu salomonisches Urteil. Es verurteilte Brian zu vier Jahren und neun Monaten Gefängnis, die Strafe wird aber zugunsten einer stationären Massnahme, im Volksmund auch «kleine Verwahrung» genannt, aufgeschoben. Schuldig ist Brian nach Ansicht des Gerichts unter anderem der versuchten schweren Körperverletzung, der einfachen Körperverletzung, der Drohung, der Sachbeschädigung, der Gewalt und Drohung gegen Beamte und der Beschimpfung – und zwar mit Ausnahme des ersten Delikts in jedem weiteren Punkt mehrfach.


Zeichnung vom Gerichtstag am 30.10.2019 im Bezirksgericht Zürich – ohne Brian. Illustration: Robert Honegger.

Mit diesem Urteil wäre eine Voraussetzung für eine Verwahrung erfüllt gewesen: der Schuldspruch wegen versuchter schwerer Körperverletzung. Zu beurteilen hatte das Gericht einen Vorfall, den der Staatsanwalt im Wesentlichen so schildert: Der Chef der Sicherheitsabteilung in der Justizvollzugs­anstalt Pöschwies hatte dem jungen Mann in einer Sitzung eröffnet, dass er in ebendiese Sicherheitsabteilung zurückverlegt werde. Darauf sagte Brian, «nun erkläre ich euch den Krieg», er schleuderte einen Stuhl durch den Raum und ging «mit rücksichtsloser Brutalität» auf einen unbeteiligten Aufseher los. Sechs Männer habe es gebraucht, um Brian wegzuzerren.

Für die Richter steht ausser Frage, dass sich Brian nicht mehr unter Kontrolle hatte.

Ganz anders sei es gewesen, sagte der Verteidiger, ein Gerangel, das höchstens Sekunden gedauert haben könne. Die Zeugenaussagen klängen, als hätten sich die Aufseher abgesprochen. Doch diese Sichtweise teilte das Gericht nicht. «Der Verteidiger hat in seinem sehr guten Plädoyer die Widersprüche in den Aussagen der Beteiligten seziert», ­sagte Gerichtspräsident Marc Gmünder gestern in der Urteilseröffnung. «Nur: Dass die Beteiligten ein derart dynamisches Geschehen, das sich innert Sekunden abspielte, unterschiedlich wahrnehmen, ist normal.» Auch sei kein Motiv erkennbar, weshalb die Aufseher Brian zu Unrecht hätten beschuldigen sollen.

Für die Richter steht ausser Frage, dass sich Brian nicht mehr unter Kontrolle hatte – dies übrigens im scharfen Gegensatz zu zwei Faustschlägen, die er zwei Monate zuvor einem Mitgefangenen verpasst hatte. «Diese waren gezielt und dosiert», erklärte Gerichtspräsident Gmünder, «und damit näher an der Grenze zur Tätlichkeit als zur versuchten schweren Körperverletzung.»

Die Abwärtsspirale stoppen

Als nicht erfüllt sahen die Richter hingegen die zweite Voraussetzung für eine Verwahrung: dass eine Therapie nur geringe oder keine Erfolgsaussichten habe. Dabei spiele es keine Rolle, dass der ­Beschuldigte, der gemäss Gutachten an einer dissozialen Persönlichkeitsstörung mit psychopathischen Zügen leidet, eine Behandlung ablehne, so der Richter: «Fehlende Einsicht ist oft Teil der Erkrankung.» Tatsache sei auch, dass Brian mehrfach Hilfe in der Klinik Rheinau gesucht und erhalten habe.

Die Darstellung des Verteidigers, Brian rebelliere vor allem gegen die Justiz und sei draussen ein anderer, wies Richter Gmünder zurück: «Es wäre schön, wenn wir dieser Einschätzung folgen könnten.» Seine gravierendsten Delikte habe Brian aber in Freiheit begangen, nicht in Haft: Im Jahr 2011, als 15-Jähriger, verletzte er einen Kontrahenten mit einem Messer schwer; im Jahr 2016 verpasste er einem anderen nach einem Streit einen derart heftigen Kinnhaken, dass dieser einen Kieferbruch erlitt.

Dass Brian «schwierige, schlimme Erfahrungen mit behördlichen Interventionen gemacht» habe, anerkannte der Richter zwar, und er räumte ein, der Verteidiger habe recht, wenn er die oft überharte Behandlung kritisiere: «Aber dieses immer wiederkehrende Deliktmuster des Beschuldigten, seinen Willen mit Drohungen und Gewalt durchzusetzen, gab es schon viel früher. Sein Verhalten lässt sich mit Fehlern der Behörden nicht rechtfertigen.» Brian sei für seine Taten selbst verantwortlich.

«Brian allein hat den Schlüssel in der Hand, um das Ganze zu einem guten Ende zu führen.»Marc Gmünder, Gerichtspräsident

Freilich ­zeige er kaum Einsicht, im Gegenteil: Bereits läuft ein weiteres Strafverfahren gegen ihn. Wie der zuständige Staatsanwalt Ulrich Krättli zu Radio SRF sagte, geht es wieder um ähnliche Delikte im Strafvollzug: Gewalt und Drohung gegen Beamte, Körperverletzung, Sachbeschädigungen.

«Im Moment ist eine Abwärtsspirale im Gang, die Brian psychisch und physisch stark zusetzt», so der Richter. Aufgrund seines psychischen Zustands sei er aber nicht in der Lage, sein Verhalten zu ändern: «Ohne Hilfe dreht sich die Spirale immer weiter bis zur finalen Erschöpfung.» Für das Gericht ist klar, dass eine Therapie keine schnellen Erfolge versprechen kann. Es gelte, Schritt für Schritt vorzugehen, nötig sei eine kreative Lösung – und mit Rückschlägen sei zu rechnen. Brian müsse begreifen, dass weitere Delikte immer härtere Strafen nach sich zögen: «Er allein hat den Schlüssel in der Hand, um das Ganze zu einem guten Ende zu führen.»

Wobei es auch hier einen kleinen Vorbehalt gibt: Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Gestern Abend mochten sich aber weder Verteidiger noch Staatsanwalt zur Frage äussern, ob sie den Fall ans Obergericht weiterziehen.

Video: Was ist vom Carlos-Urteil zu halten?

«Auch der Staatsanwalt forderte keine stationäre Massnahme»: Gerichtsreporter Thomas Hasler ordnet das Urteil ein. Video: Aline Bavier

Erstellt: 06.11.2019, 21:51 Uhr

Was hinter dem Urteil steckt

Vier Jahre und neun Monate Freiheitsstrafe, aufgeschoben zugunsten einer stationären Massnahme. Das Urteil im Fall Brian ist gefällt. Doch was bedeutet es genau?

Stationäre Massnahme: Das Bezirks­gericht Dielsdorf hat für Brian eine therapeutische Behandlung angeordnet. Damit verfolgt das Gericht zwei Ziele. Erstens den Schutz der Öffentlichkeit vor dem Täter. Zweitens soll das Rückfallrisiko des Täters durch Therapie verringert werden. Im Gegensatz zu einer Freiheitsstrafe bemisst sich die Dauer dieser Massnahme nicht am Verschulden des Täters, sondern an dessen Rückfallgefahr. Nach fünf Jahren wird erstmals überprüft, welche Gefahr vom ­Täter ausgeht. Gegebenenfalls wird die Massnahme um jeweils höchstens fünf Jahre verlängert. Deshalb spricht man im Volksmund auch von einer «kleinen Verwahrung».

Ordentliche Verwahrung: Bei einer ordentlichen Verwahrung, wie sie die Staatsanwaltschaft für Brian beantragt hat, verbüsst ein Täter zunächst die vom Gericht verhängte Gefängnisstrafe. Die anschliessende Verwahrung ist zeitlich unbefristet, wird aber periodisch überprüft. Zu den Voraussetzungen für eine ­ordentliche Verwahrung zählt, dass eine schwere Straftat vorliegt (Höchststrafe von mindestens fünf Jahren) und dass eine stationäre Massnahme keinen Erfolg verspricht. (lnz)

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