Es gab kein Messer – Freispruch für Carlos

Die Aufnahme einer Überwachungskamera entlarvte die Drohung an der Langstrasse als erfunden.

Carlos zwischen Verteidiger (l.) und Staatsanwalt (r.) vor dem Bezirksgericht Dietikon. Zeichnung: Robert Honegger

Carlos zwischen Verteidiger (l.) und Staatsanwalt (r.) vor dem Bezirksgericht Dietikon. Zeichnung: Robert Honegger

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Ein solcher Fall würde normalerweise nicht einmal die eifrigsten Gerichts­reporter hinter dem Ofen hervorlocken: Ein junger Mann bedroht an der Langstrasse einen anderen mit einem Messer. Und er beschädigt eine Zelle im Massnahmenzentrum Uitikon (MZU). Nur heisst der junge Mann in diesem Fall Carlos – und deshalb verfolgen mehr als zwei Dutzend Journalistinnen und Journalisten die Verhandlung.

Und die endet für den Staatsanwalt mit einer herben Niederlage. Vom schwer­wiegendsten Delikt, der Drohung in der Langstrasse, bleibt am Ende nichts übrig. Aus den elf Monaten Gefängnis, die der Staatsanwalt verlangt, wird eine Geldstrafe von gerade mal 33 Tagessätzen zu 30 Franken. Und die hat Carlos mehr als verbüsst.

Dabei ist das Verhalten des knapp 20-Jährigen vor dem Bezirksgericht in Dietikon nicht eben dazu angetan, Richter und Publikum mild zu stimmen. Zwar steht Carlos fast auf die Sekunde genau um halb neun im Gerichtssaal: Ein überraschend kleiner, eher gedrungener denn muskulöser junger Mann. Neugierig beäugt er die Journalisten, verzieht den Mund. Man weiss nicht: Spricht aus seinem Gesicht Verachtung, spiegelt sich Nervosität darin, oder ist es einfach nur ein Tick?

Unbeholfen und flapsig

Bei der Befragung dann macht der knapp 20-jährige keinen guten Eindruck. Schon nach wenigen Minuten schnauzt er den Richter, der sich nach seinem Vorleben erkundigt hat, an: «Das steht doch alles in den Akten.» Einzig die Frage nach seinem Übertritt zum Islam lockt ihn aus der Reserve. Er sei Sunnit, sagt er, und fügt ungefragt an: «Wir sind die ersten, die den IS verfluchen.»

Auf die meisten Fragen des Richters zu den ihm vorgeworfenen Taten schweigt Carlos. Irgendwann stützt er gelangweilt den Kopf auf die rechte Hand, schaut ins Nichts. Wenn er aber spricht, dann unbeholfen, nuschelnd, flapsig, manchmal schnippisch. Auf die Frage, wie das genau war mit der Zelle, die er im Massnahmenzentrum Uitikon unter Wasser gesetzt hat, sagt er: «Ich war 23 Stunden am Tag allein da drin, zu Unrecht, hatte nicht mal einen Fernseher. Ich wusste, wenn ich das mache, komme ich zurück ins Gefängnis. Die wollten mich im MZU immer verbiegen, wissen Sie. Die gaben mir ein schlechtes Gefühl.» Eine Massnahme, das macht er klar, will er nie mehr.

Zuweilen wirkt dieser junge Mann wie ein trotziges Kind, das keinen Plan hat, wie man angemessen mit Menschen umgeht. Wie man Respekt bekundet. Bezeichnend ist eine kleine Randszene. Mitten im Plädoyer des Staatsanwalts ruft er unvermittelt: «Sie, ich muss aufs WC.» Der Richter, der den Inhalt von Carlos’ Zwischenruf nicht verstanden hat, weist ihn zurecht: «Sie konnten vorher reden. Jetzt spricht der Staatsanwalt, dann der Verteidiger.» Worauf Carlos völlig verblüfft sagt: «Dann gehe ich einfach.» Erst da wird dem Richter klar, was der Beschuldigte will, und er fragt: «Ist es dringend?» Darauf Carlos entnervt und etwas weinerlich: «Ja, sehr dringend. Sonst hätte ich nichts gesagt.»

Das entlarvende Video

Es sind denn auch nicht die Aussagen des Beschuldigten, die den Richter überzeugen. Was der Anklage, um es mit den Worten des Richters auszudrücken, «das Genick bricht», ist das Video einer Überwachungskamera. Darauf ist der Vorfall an der Langstrasse zu sehen.

Gemäss Anklageschrift soll Carlos den Geschädigten Fernando Javez* ohne Anlass mit einem 20 Zentimeter langen Messer bedroht haben. Javez soll in Panik in einen Hinterhof beim Kiosk Lollypop gerannt sein. Weil es kein Entrinnen aus der Sackgasse gegeben habe, habe Javez eine zufällig herumliegende Eisenstange gepackt, um sich notfalls zu wehren. Carlos habe ihn etwa fünf Minuten lang bedroht. Erst als die Polizei ge­kommen sei, sei Carlos geflohen.

Nur: Das Video zeigt ein ganz anderes Bild. Zu sehen ist kein angstvoll flüchtendes Opfer, sondern einen Mann, der locker, aber zielstrebig in den Hinterhof joggt. Er scheint nicht nach einer Waffe suchen zu müssen, vielmehr scheint er zu wissen, wo die Eisenstange liegt, die er behändigt. Nach einigen Sekunden erscheint Carlos im Bild und bleibt unschlüssig am Eingang zum Hinterhof stehen. Woraufhin Javez ein paar Schritte auf ihn zumacht, ihn zu sich winkt und drohend die Eisenstange schwingt. Doch Carlos kommt nicht in den Hof. Er bleibt, wo er ist. Währenddessen schlendern Passanten, darunter auch Frauen, seelenruhig an ihm vorbei. Ein Messer in seiner Hand ist nicht auszumachen. Irgendwoher tauchen nach ein, zwei Minuten zwei Frauen im Hof auf und reden mit Javez. Eine versucht danach das Tor zum Hof zu schliessen – und wird von Javez daran gehindert. Die andere geht unbehelligt ganz nah an Carlos vorbei aus dem Hof und kommt wieder zurück.

«Ich war 23 Stunden am Tag zu Unrecht allein in der Zelle. Die wollten mich im MZU verbiegen.»Carlos

Der Staatsanwalt versucht zwar nach Kräften, den Eindruck des Videos abzumildern. Man dürfe sich nicht täuschen lassen, sagt er, schliesslich habe das Video keinen Ton: «Es ist wie bei Fussballspielen. Da wirkt ein Foul in Slow Motion ohne Ton auch harmloser, als es ist.» Drei Zeugen hätten die Szene beobachtet. Javez habe die Eisenstange geschwenkt, um sich aufzuplustern: «Er wollte seine Angst nicht zeigen.» Das Tor habe er nicht schliessen wollen, weil es ihm ohnehin keinen Schutz geboten hätte. Und sowieso: «Drohungen stellen ein bekanntes Handlungsmuster des Beschuldigten dar.»

Für den Richter ist nach diesem Video indes klar: «Die Drohung ist nicht nur nicht beweisbar. Sie ist höchst unwahrscheinlich.» Entscheidend dabei sei die Frage, ob Carlos ein Messer gehabt habe – und dazu hat der Richter eine klare Meinung: «Es ist offensichtlich, dass es dieses Messer nicht gibt.» Zwar seien die Bilder nicht völlig scharf, aber dennoch eindeutig. Auch mache Javez keineswegs den Eindruck, dass ihn Carlos in Angst und Schrecken versetzt habe. Und das ist Voraussetzung für eine Verurteilung wegen Drohung. Als unglaubwürdig erachtet der Richter, wie vor ihm schon Carlos’ Verteidiger Marcel Bosonnet, die drei Zeugen. Ihre Aussagen seien voller Widersprüche, das Messer habe keiner der drei wirklich ­gesehen.

Er will Boxer werden

Bleiben die beschädigte Zelle und die Flucht vor der Polizei. Der Verteidiger plädiert auch in diesen Punkten gegen einen Schuldspruch. Carlos, sagt er, habe sich im MZU zu Recht gewehrt, er sei ohne Verschulden dort eingesperrt gewesen: «Hier zeigte sich der Rechtsstaat von seiner widerlichsten Seite. Wider­stand gegen solches Unrecht ist Pflicht.»

Ganz so weit geht der Richter nicht. Aber auch er rügt mit unüblich deutlichen Worten die Art und Weise, wie die Jugendanwaltschaft mit Carlos umging: «Das war blanke Willkür, ein unsäglicher Vorgang für die Schweiz. Ich bin als Richter fassungslos.» Das sei zwar keine Rechtfertigung für eine so massive Sachbeschädigung, aber es liege doch so etwas wie Notwehr vor. Auch die Medien kommen nicht gut weg: Sie hätten Carlos massiv vorverurteilt. Das alles wirke sich stark strafmindernd aus.

Weil der Beschuldigte überdies sechs Monate in Untersuchungshaft verbracht hat, erhält er eine Genugtuung von 14 300 Franken – die allerdings für Gerichts- und Anwaltskosten verwendet werden. Auf eine Therapie verzichtet der Richter. Auch damit folgt er dem Antrag des Verteidigers. Der sieht trotz allem positive Signale für die Zukunft: Carlos trainiere für eine Boxlizenz und wolle den verpassten Schulstoff nach­holen.

* Name geändert (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.08.2015, 07:53 Uhr

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