«Die Kesb ist nicht schuld an der Tragödie»

Der Witwer der Frau, die 2015 in Flaach ZH die beiden gemeinsamen Kinder und später sich selbst getötet hat, stand vor Gericht. Er wurde wegen Betrugs und anderer Delikte verurteilt.

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Es ist eine beeindruckende Deliktsumme, die Mike und Nathalie K. innert knapp anderthalb Jahren anhäuften: Rund eine Viertelmillion Franken erschwindelten sie mit Internetbetrügereien, Zechprellerei in zwei teuren Hotels, nicht bezahlten Rechnungen für teure Autos.

Am 4. November 2014 wird das Paar verhaftet. Was folgt, ist bekannt und sorgt in der Öffentlichkeit für heftige Debatten: Der fünfjährige Sohn und die zweijährige Tochter des Paars kommen in ein Heim. Und bleiben auch nach der Entlassung der Mutter aus der Haft dort, denn die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) zweifelt an der Erziehungsfähigkeit der Frau.

Am Neujahrstag erstickt Nathalie K. die beiden Kinder, als sie bei ihr im Urlaub sind, um zu verhindern, dass diese zurück ins Heim kommen.

Er versuchte, ihren Ansprüchen gerecht zu werden

Es wäre deshalb mehr als verständlich gewesen, hätte der Vater in der heutigen Gerichtsverhandlung die Kesb kritisiert. Doch Mike K., der heute wieder seinen Ledignamen trägt, spricht die Kesb stattdessen von Schuld frei: «Die Kesb und andere Behörden sind nicht schuld an der Tragödie.»

Sein Leben mit der psychisch angeschlagenen Nathalie K. beschreibt er als eine Art Albtraum. Sie habe immer höhere Ansprüche an ihn gestellt, und er, der als Detailhandelsfachmann kaum 4000 Franken verdiente, versuchte zunehmend verzweifelt, diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Als er merkte, wie leicht Menschen zu betrügen sind, brachen seine Hemmungen nach und nach weg: «Der Strudel drehte sich immer schneller.» Er sei zu wenig stark gewesen, um seiner Frau etwas entgegenzusetzen.

Das Verfahren vor dem Bezirksgericht Weinfelden TG dauerte kaum mehr als eine halbe Stunde, da sich Verteidiger und Staatsanwalt auf ein abgekürztes Verfahren geeinigt haben. Das ist möglich, wenn der Beschuldigte geständig ist und sich die Parteien auf ein angemessenes Strafmass einigen.

Das Gericht folgte dem Antrag: Mike K. muss 42 Monate hinter Gitter. Er hat die Strafe bereits vorzeitig angetreten. Im November ist er bereits zwei Jahre hinter Gittern. Geht man davon aus, dass er nach zwei Dritteln der Strafe entlassen wird, kommt er schon bald wieder frei.

Die Richterin sprach bei der Urteilsverkündung von einer enormen kriminellen Energie, die hinter den Taten stand. Nun wünsche sie Mike K. alles Gute für die Zukunft und dass es ihm gelinge, sein Leben neu auszurichten. Es würde ein langer Weg werden.

Erstellt: 13.09.2016, 14:27 Uhr

Fall Flaach: Die Chronik

1. Januar 2015
Am Abend des Neujahrstags erstickt eine 27-jährige Schweizerin ihr zweijähriges Töchterchen und den fünfjährigen Sohn in der Wohnung in Flaach. Die Frau verletzt sich mit einem Messer anschliessend selber. Sie wird verhaftet und ins Spital gebracht. Grund für die Tötung ist die Platzierung der Kinder in einem Heim durch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Winterthur-Andelfingen aufgrund der «instabilen Familiensituation». An den Festtagen waren die Kinder auf Urlaub bei der Mutter.

5. Januar 2015
Aufgrund heftiger Drohungen steht die Kesb unter Polizeischutz. Der damalige Justizdirektor Martin Graf (Grüne) fordert von der Kesb und dem Bezirksrat Winterthur einen Bericht.

23. Januar 2015
Die Justizdirektion entlastet die Kesb. Die Heimplatzierung der Kinder sei «geboten und korrekt» gewesen. Auch der Entscheid, dass die Kinder für weitere Abklärungen im Heim bleiben, sei «nachvollziehbar und vertretbar».

7. August 2015
Die 27-jährige Mutter stranguliert sich im Untersuchungsgefängnis Zürich.

29. Januar 2016
Nach der internen Untersuchung haben auch externe Fachleute die Rolle der Kesb untersucht. Sie kommen ebenfalls zum Schluss, dass diese nicht schuld am Tod der Kinder sei, orten aber Schwächen in der Kommunikation.

31. März 2016
Gegen den 30-jährigen Vater der getöteten Kinder wird beim Bezirksgericht Weinfelden Anklage erhoben. Ihm werden gewerbsmässiger Betrug, Zechprellerei, Urkundenfälschung und weitere Delikte vorgeworfen. Die Delikte waren der Grund, warum das Ehepaar Anfang November 2014 von der Zürcher Kantonspolizei in Flaach verhaftet und die Kesb eingeschaltet wurde. Die Mutter wurde einige Tage später wieder freigelassen.

13. September 2016
Prozess vor dem Bezirksgericht Weinfelden.
(hoh)

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