FDP-Stadtrat Baumer tadelt eigene Leute

Das EWZ stellt Atomkraft als klimaschädliche Energiequelle dar – fälschlicherweise. Nun will Departementschef Michael Baumer seinen Energieexperten genauer auf die Finger schauen.

Fordert bessere Absprachen bei Formulierung von Texten: Stadtrat Michael Baumer.

Fordert bessere Absprachen bei Formulierung von Texten: Stadtrat Michael Baumer. Bild: Urs Jaudas

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«Gemeinsam einen Beitrag leisten». Unter diesem Titel hat das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) unlängst ein Schreiben an seine Kundschaft versandt. Darin wirbt es für die erneuerbaren Energien Wasser, Sonne und Wind. «Die Produktion von Naturstrom belastet die Umwelt nicht», lässt das EWZ verlauten. Und weiter: «Der Verzicht auf fossile und nukleare Energiequellen verursacht weniger Klimaschäden und begrenzt die Erderwärmung.»

Es sind Aussagen, die aufhorchen lassen. In der aktuellen Klimadebatte wird die Nuklear-, also Atomenergie, von ihren Befürwortern gerade als das Gegenteil angepriesen: als CO2-arme Energiequelle, die das Klima schone. Der Stromkonzern Axpo zum Beispiel nimmt das 50-Jahr-Jubiläum von Beznau zum Anlass, für ein «halbes Jahrhundert klimafreundliche Stromproduktion» zu werben. Punkto Klimabelastung schneidet die Atomkraft in der Tat vergleichsweise gut ab, und zwar über die gesamte Produktionskette betrachtet. Sie liegt zwar hinter der Wasserkraft, aber etwa gleichauf mit Wind und vor der Sonne, wie Daten des Bundesamts für Energie zeigen.

Die Axpo nimmt das
50-Jahr-Jubiläum von Beznau
zum Anlass, für ein «halbes Jahrhundert klimafreundliche Stromproduktion» zu werben.

Das EWZ räumt auf Anfrage den Fehler ein. «Heute würden wir Umweltschäden statt Klimaschäden schreiben», sagt Sprecher Harry Graf. Der Grund: Wenn man nicht nur die Belastung des Klimas misst, sondern der ganzen Umwelt, also auch die Schadstoffe und den Ressourcenverbrauch miteinberechnet, schneidet Atomkraft deutlich schlechter ab als Sonne, Wind und Wasser, wie eine frühere Studie des Bundesamts für Umwelt aus dem Jahr 2014 darlegt.

EWZ argumentiert mit «stimmiger» Sprache

Von einer bewussten Irreführung der Kundschaft will das EWZ nichts wissen. Das EWZ, so Graf, habe bei der Formulierung der Briefe darauf geachtet, dass der Text für alle Kundinnen und Kunden «stimmig» sei. «Deshalb haben wir auch Doppelnennungen wenn möglich vermieden.» Will heissen: Weil das EWZ im ersten der beiden strittigen Sätze geschrieben hat, die Produktion von «Naturstrom» belaste die Umwelt nicht, hat es im nachfolgenden Satz nicht mehr von «Umweltschäden» schreiben wollen und stattdessen «Klimaschäden» eingesetzt.

Zumindest interpretationsbedürftig ist auch die Aussage, wonach die Produktion von Naturstrom die Umwelt «nicht belastet». Denn das tut sie sehr wohl, wie wiederum Daten des Bundesamts für Umwelt belegen. EWZ-Sprecher Graf begründet diese Formulierung so: Das EWZ beziehe sich auf die reine Verwendung der erneuerbaren Energien, also die reine Produktion des Stroms, der CO2-frei sei, nicht auf die ganze Produktionskette, also auch die Herstellung beispielsweise der Fotovoltaikanlagen.

«Das EWZ klammert die klimapolitische Diskussion,
wie sie international im Rahmen der Weltklimakonferenz geführt wird, weitgehend aus.»
Hans-Ulrich Bigler, Nuklear-Forum

Im Kreis der Atomfreunde ruft das EWZ-Schreiben Kritik hervor. «Das EWZ klammert die klimapolitische Diskussion, wie sie international im Rahmen der Weltklimakonferenz geführt wird, weitgehend aus», sagt Hans-Ulrich Bigler, FDP-Nationalrat und Präsident des Nuklearforums Schweiz. Doch sei die Diskussion eben komplexer. Bigler verweist auf die Internationale Energieagentur (IEA), gemäss der die Energieversorgung der Schweiz heute die CO2-ärmste aller Mitgliedstaaten sei. Dies, so Bigler, sei grösstenteils der Stromproduktion geschuldet, die praktisch emissionsfrei sei, dank Wasserkraft und Atomenergie.

«Zu stark verkürzt»

Auch Biglers Parteikollege Michael Baumer hat inzwischen auf das EWZ-Schreiben reagiert. «In der Tat sind die Aussagen zu Atomstrom und Naturstrom physikalisch und ökologisch zu stark verkürzt», sagt der FDP-Stadtrat. Das EWZ ist eine Dienstabteilung von Baumers Departement der Industriellen Betriebe. Zwar relativiert er den Fehler, indem er anmerkt, man bewege sich «hier im Bereich des Marketings, und da werden Bilder verwendet und gewisse Sachverhalte vereinfacht dargestellt».

Er stellt aber klar: «Ich habe das EWZ darauf hingewiesen, dass in diesem sensiblen Bereich korrekte Formulierungen und eine engere Absprache mit dem Departement notwendig sind.» Weitere Konsequenzen scheint der Fall nicht zu zeitigen. Für die Kommunikation und das Marketing der Produkte bleibt jedenfalls das EWZ zuständig, wie Baumer klarmacht. «Was auch richtig ist.»

Erstellt: 04.09.2019, 12:03 Uhr

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