Mit Jacqueline Fehr through the Hochnebel

Die Winterthurerin nörgelt an den Seegemeinden rum. Hat sie recht? Ein Rundflug mit dem Regierungsjet.

Schön ists alleweil: Blick aus dem Cockpit. Foto: Urs Jaudas

Schön ists alleweil: Blick aus dem Cockpit. Foto: Urs Jaudas

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Jacqueline Fehr sitzt im Regierungsratsjet und überfliegt ihren Kanton. «On your left», sagt der Co-Pilot durch das Mikrofon, «you can see Winterthur through the dust.» – «Natürlich zur Linken», denkt die Winterthurerin, «wie mein Herz.» Zentrumslasten, Innovation, Bevölkerungswachstum, geht es der SP-Justizministerin durch den Kopf, als sich der Flieger für die Zürisee-Banane nach rechts neigt. Meilen, Horgen, Rüschlikon, through the Hochnebel geht sogar Adliswil als Seegemeinde durch.

«Zentrumslasten, Innovation, Bevölkerungswachstum, Sozialkosten, Wohnungsbau», diktiert Fehr kurz darauf dem «Land­boten» ins Mikrofon. Und auf die Frage, wie wichtig regionale Verankerung sei: «Sehr wichtig. Das Umfeld, das man kennt, prägt die Politik, die man macht. Gegenwärtig haben wir drei ­Vertreter des Bezirks Horgen in der Regierung. Die Seegemeinden sind Regionen, wo wenig passiert und wo es wenig Innovation gibt. Es sieht dort in weiten Teilen immer noch gleich aus wie vor Jahren.»

Fehr doppelt nach

Fehr spricht ihre Kollegen Thomas Heiniger (FDP, Adliswil), Mario Fehr (SP, Adliswil) und Ernst Stocker (SVP, Wädenswil) an. Die Aussage wird Fehr später um die Ohren fliegen. Auch weil sie auf Nachfragen der «Zürichsee-Zeitung» nachdoppelt:

  • «Im Gegensatz zu einem Winterthurer schaut ein Meilemer aus seinem Fenster und sieht noch immer mehr oder weniger das Gleiche wie vor 20 Jahren.»
  • «Am beschaulichen Zürichsee kann man sich oft gar nicht vorstellen, wie temporeich die Veränderungen anderswo sind.»
  • «Da gibt es nichts, was sie (die Seegemeinden) besser machen als andere. Ihre Potenz ist also leistungsunabhängig. Über dieses Glück dürfte man durchaus demütig sein.»
  • «Wenn man am schönen Zürichsee sitzt und selber gar nicht betroffen ist von den Herausforderungen (. . .)»

Jacqueline Fehr zeichnet ein Gesamtbild – und verwischt gezwungenermassen hier und dort die Konturen. Wir haben uns in Horgen, Meilen, Adliswil und Rüschlikon gefragt: Wo hat Jacqueline Fehr recht? Wo irrt die Regierungsrätin?


Rüschlikon

Fehr hat recht, wenn ...

... sie sagt, dass ein Rüschliker vor seinem Fenster noch immer mehr oder weniger das Gleiche sieht wie vor 20 Jahren. Vor allem unten am See. Da wurde hübsch erneuert und renoviert, da gibt es Riegelhäuser und einige Bausünden aus den 80ern hat man sich auch bewahrt. Da ist es natürlich müssig zu erwähnen, dass Rüschlikon die schönste Schiffstation weit und breit hat, dass die ganze Parkanlage drumherum erfolgreich vom Mief der Vergangenheit befreit wurde. Alles in allem ist Rüschlikon hier tot. Eine Schlafgemeinde. Eine, die im Schlafwagen, um beim Bild zu bleiben, von der «Weltwoche» zweimal hintereinander zur besten Gemeinde der ganzen Schweiz gekürt wurde.

Fehr irrt, wenn ...

... sie sagt, dass man sich in Rüschlikon gar nicht vorstellen kann, wie temporeich die Veränderungen anderswo sind. Es ist genau umgekehrt. Nur sieht man das nicht: Das Forschungslabor der IBM etwa hat sich äusserlich nicht gross verändert (wenn der anwohnende Rüschliker also aus dem Fenster schaut...), es ist ein bisschen gewachsen, das schon, aber sonst? Was drinnen abgeht ist mit temporeicher Veränderung aber sicher nur ungenügend beschrieben. Seit 1962 wird hier geforscht (zuvor war das Labor übrigens sechs Jahre in Adliswil), erfolgreich geforscht. Die vier Nobelpreisträger sind bloss ein Indikator dafür. Und dann wäre da ja noch das Gottlieb Duttweiler Institut: Der Zeit in ihren Analysen immer einen kleinen Schritt voraus.


Adliswil

Fehr hat recht, wenn ...

... sie sagt, dass diese Gemeinde mit Mario Fehr (SP) und Thomas Heiniger (FDP) in der Kantonsregierung auf eine Weise übervertreten ist, die im Bundesrat undenkbar wäre. Entlang der Sihl, zwischen Pferdeställen und Feuerstellen, wo man Heiniger beim Joggen beobachten kann, sieht Adliswil tatsächlich nicht sehr dynamisch aus, sondern eher nach ländlichem Idyll.

Fehr irrt, wenn ...

... sie Adliswil für eine Seegemeinde hält. Wegen einer eiszeitlichen Verrücktheit hat sich die Zimmerbergkette dazwischengeschoben. Die Gemeinde liegt im Sihltal, was nicht als privilegierte Lage gilt, sondern als Schattenloch. Dennoch ist die Zeit in Adliswil nicht stehen geblieben – im Gegenteil. Die Gemeinde erlebt gerade mehr Wandel als die meisten. Die Bevölkerung, zuvor seit den 70ern rückläufig, ist von 16 000 auf 19 000 gewachsen, der Trend hält an. Das liegt daran, dass dort eines der grössten Entwicklungsgebiete des Kantons bebaut wird. Häuser, die unverblümt als Stadterweiterung von Zürich vermarktet werden, halt einfach auf Adliswiler Boden. Gekommen sind viele Kaderleute, Akademiker und Expats, die ihre Teenager in die International School schicken – darunter wohl auch Angestellte von leidlich dynamischen Buden wie Google. Die Steuerkraft pro Kopf, vor zehn Jahren mit 2600 Franken noch auf Winterthurer Niveau, ist auf jenes von Zürich geschnellt: 5200 Franken. Verlierer sind die Schafe: Deren Bestand ist von fast 1000 auf noch 100 eingebrochen.


Horgen

Fehr hat recht, wenn ...

... sie sagt, dass die Horgner in einer glücklichen Welt leben. Sie sind vermögend: 475’000 Franken besitzen sie im Durchschnitt, die Winterthurer kommen «nur» auf 267’000 Franken. Deren Einkommen beträgt 54’600 Franken, die Horgner versteuern 74’300 Franken. Knapp wirds bei der Innovation: Mit 4,3:4,2 Firmengründungen pro 1000 Einwohnern hat Winti die Nase vorn. Ausserdem: Die Winterthurer Sozialhilfequote beträgt 5,6 Prozent, die Horgner nicht einmal die Hälfte. Trotzdem gibt Horgen viel aus für die soziale Wohlfahrt: 1057 Franken pro Kopf. Das ist der fünfthöchste Wert des Kantons. 161 Gemeinden geben weniger aus. Das ganze Glattal etwa.

Fehr irrt, wenn ...

... sie sagt, man sei in Horgen nicht betroffen von den Herausforderungen der Gegenwart. Die Ausländerquote beträgt in Horgen 28,8 Prozent, während Winterthur 24 Prozent ausweist. «Expats!», hören wir Frau Fehr rufen. Da hat sie nicht ganz Unrecht, es gibt in Horgen aber auch unterprivilegierte Gebiete. Hinzu kommt: Als Armutsrisiko gelten der Anteil Kinder, Einzelhaushalte und Ausländer. Horgen hat weniger Einzelhaushalte, aber mehr Junge – und damit mehr teure Kindergärtler und Primarschüler. Die Arbeitslosenquote? Sie ist in Horgen mit 2,7 Prozent tief. In Winterthur ist sie mit 2,2 Prozent aber noch tiefer. An der Eulach hats auch prozentual weniger Zuzüger als am See. Der letzte Beweis, dass die Lasten ungleich verteilt sind: In Horgen fallen 45,9 Kilo Altpapier pro Person an, in Winterthur 38 Kilo.


Meilen

Jacqueline Fehr sagt, in den Zürichseegemeinden passiere wenig. Hand aufs Herz: Hat sie nicht recht?
Christoph Hiller (FDP), Gemeindepräsident Meilen: So aus dem Zusammenhang gerissen ist diese Aussage natürlich kreuzfalsch. Pauschalisierungen sind eigentlich immer falsch. Weiss Frau Fehr, dass zum Beispiel Midor in Meilen ansässig ist und jedes zweite in der Schweiz verkaufte Biscuit und Glacé in Meilen produziert wird?

Wenn ein Meilemer aus dem Fenster schaue, sehe er «das Gleiche wie vor 20 Jahren».
Wenn das Fenster gut ausgerichtet ist, also Seesicht bietet, dann kann ich es – zum Glück – nicht dementieren: Der See sieht tatsächlich immer noch gleich aus. Aber Meilen steht nicht still. So haben wir 56 Prozent mehr Schüler als 1998. In Winterthur sind es bloss 21 Prozent mehr.

Fehlt Ihnen der Respekt vor den Herausforderungen der Städte?
Warum setzt Frau Fehr auf Provokation, wenn es ihr nicht um blosses Wahlkampfgetöse ginge? Wir sind zweifellos privilegiert, und unsere Solidarität ist gefragt. Nächstes Jahr fliessen aus dem Bezirk Meilen knapp 300 Millionen Franken in den Finanzausgleich. Das kommt dem ganzen Kanton zugute.

Fehr verlangt von Ihnen Demut.
Wenn sie damit der Bevölkerung am See unterstellt, hochmütig zu sein, ist das einfach nur impertinent. Demut ist im Leben immer ein guter Ratgeber.

Erstellt: 13.12.2018, 19:26 Uhr

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