Zum Hauptinhalt springen

Filmreif und eiskalt: Die Juwelendiebe der «Pink Panther»

Vier mutmassliche Räuber sitzen in Zürich in Haft. Sie gehören zu den Meisterdieben von «Pink Panther», welche die Polizei weltweit seit Jahren in Atem halten.

Streng bewacht: Schwer bewaffnete Polizisten sichern am Dienstag die Kaserne in Zürich.
Streng bewacht: Schwer bewaffnete Polizisten sichern am Dienstag die Kaserne in Zürich.
Werner Schüepp

Solche Sicherheitsvorkehrungen hat man vor dem Polizeigefängnis in der Zürcher Kaserne selten gesehen: Schwer bewaffnete Kantonspolizisten in Vollmontur sicherten am Dienstag das Gelände ab. Angesichts der vier Insassen, die an jenem Tag im Untersuchungsgefängnis hinter Gittern sassen, ist das Aufgebot mehr als verständlich. Die Männer sollen Mitglieder der legendären Bande «Pink Panther» sein, sie waren am Vortag in Lugano verhaftet worden, als sie mutmasslich ein Schmuckgeschäft ausrauben wollten. Und wie die Behörden aus leidvoller Erfahrung wissen, ist es gar nicht so einfach, «Pink Panther» sicher und dauerhaft im Gefängnis zu behalten.

Mehr als einmal befreiten Mitglieder der Bande andere auf teils spektakuläre Art und Weise. So zum Beispiel im Juli 2013. Damals durchbrachen Komplizen mit einem Lieferwagen das Eingangstor zum Gefängnis in Orbe VD. Mit dabei hatten sie Kalaschnikows, mit denen sie das Wachpersonal in Schach hielten, während zwei Häftlinge den Sicherheitszaun überkletterten. Die nötigen Leitern hatten die Komplizen ebenfalls mitgebracht. «Das war eher ein Einmarsch als ein Ausbruch», sagte die schockierte Waadtländer Regierungsrätin Béatrice Métraux (Grüne) später vor den Medien.

Bis ins letzte Detail geplant

Nur zwei Monate zuvor war ein anderer Gefangener der «Pink Panther» aus dem Gefängnis Bois-Mermet in Lausanne getürmt. Dort hatten Helfer Leitern an die Gefängnismauer gestellt und falsche Waffen in den Innenhof geworfen. Spektakulär war auch ein Ausbruch, der sich im Jahr 2006 in Liechtenstein ereignete. Ein mutmassliches Bandenmitglied hatte sich im Kraftraum des Untersuchungsgefängnisses selbst die Hand gebrochen – und wurde nach der Behandlung im Landesspital prompt von zwei Komplizen befreit.

Die Polizei konnte am Montag vier «Pink Panther»-Mitglieder festnehmen. (Bild: tio.ch)
Die Polizei konnte am Montag vier «Pink Panther»-Mitglieder festnehmen. (Bild: tio.ch)

Die Ausbrüche sind typische Aktionen für die «Pink Panther»: Bis ins Detail geplant, filmreif und eiskalt ausgeführt. Genau so verlaufen auch die zahlreichen Raubüberfälle auf Juweliergeschäfte, und das hat dazu beigetragen, dass die Gruppe selbst in Polizeikreisen nicht nur berüchtigt ist, sondern auch leise bewundert wird. «Sie sind ein Phänomen», sagte ein Fahnder einst dem Magazin «Spiegel». «Und sie machen kaum Fehler.» Seit 1999 sollen Juwelendiebstähle in 35 Ländern auf der ganzen Welt auf das Konto der Bande gehen. Wert der Beute: mehr als 300 Millionen Dollar. Auch in Zürich sollen Mitglieder der Bande mehrere Überfälle auf Juweliergeschäfte verübt haben. Das ist der Grund, weshalb die Verdächtigen am Dienstag von Lugano hierher überführt wurden: Zuständig für die Strafuntersuchung ist die spezialisierte Zürcher Staatsanwaltschaft II.

Blut fliesst in der Regel nicht

Immer wieder gelingen der Bande spektakuläre Coups, die monatelang vorbereitet werden. Und das meist ohne, dass Blut fliesst. Das hat viel zum Mythos der «Pink Panther» beigetragen. In der Regel dauern die Überfälle selbst kaum mehr als ein, zwei Minuten. Gut gekleidete Männer betreten ein Juweliergeschäft, lassen sich teure Stücke zeigen, ziehen plötzlich Waffen, zertrümmern die Vitrinen, raffen alles zusammen – und sind weg, bevor die Polizei kommt.

Video: Ein «Pink Panther»-Überfall in Dubai

Fluchtroute, Alarmanlagen, Inventar: Alles wird im Voraus genaustens inspiziert. In Monaco planten die Räuber ihre Fluchtroute samt Ampelphasen. In Hamburg flüchteten sie auf Motorrollern durch ein Waldstück, wo die Polizeihelikopter sie nicht verfolgen konnten. In Saint-Tropez entkamen als Touristen getarnte «Pink Panther» nach einem Überfall mit einem Schnellboot. In Biarritz hängten sie vor einem Überfall ein «Frisch gestrichen»-Schild an eine Parkbank gegenüber dem Juweliergeschäft, um allfällige Zuschauer zu vermeiden. Zuschauer zuhauf hatten sie dafür, als sie in Dubai mit zwei Audis durch die verglaste Tür einer Einkaufpassage rasten, die Glasfront des Juweliergeschäfts Graff kaputt fuhren und nach nicht einmal zwei Minuten mit einer Beute im Wert von über elf Millionen Euro flohen. Handy- und Überwachungsvideos des Überfalls kursierten danach auf Youtube.

Zürcher Polizisten in Belgrad erfolgreich

Zu den berühmtesten Beutestücken gehört das legendäre Collier «Comtesse de Vendôme», das mit 116 Diamanten besetzt ist. Es wurde nie wiedergefunden. Vermutlich haben die Diebe das Geschmeide an Hintermänner übergeben, welche es in Einzelteile zerlegen und die Steine neu schleifen liessen – das ist ihr übliches Vorgehen. Wieder gefunden wurde hingegen das Cézanne-Gemälde «Der Knabe mit der roten Weste». Das Bild war 2008 aus der Sammlung Bührle entwendet worden, vier Jahre später konnten es Zürcher Polizisten in Belgrad sicherstellen. Sie hatten sich als Käufer ausgegeben. Auftraggeber des «Jahrhundert-Kunstraubs» war offenbar ein Chef der «Pink Panther».

Serbische Polizisten präsentieren 2008 das Cézanne-Gemälde.
Serbische Polizisten präsentieren 2008 das Cézanne-Gemälde.

Wobei das mit den Chefs bei dieser Bande so eine Sache ist. Denn die «Pink Panther» sind keine feste Organisation mit fixer Struktur, sondern eher eine Art loses soziales Netzwerk. Manche Fahnder schätzen die Zahl der Mitglieder auf bis zu 220, andere gehen von maximal 150 aus. Ziemlich sicher ist hingegen, dass die Räuber hauptsächlich aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen, wobei die montenegrinische Stadt Cetinje sozusagen die Heimbasis sein soll. Hier scheint es ein nahezu unerschöpfliches Reservoir an Personen zu geben, welche die Überfälle verüben. Immer wieder werden Täter verhaftet. Nur: Die Räuber selbst arbeiten im Auftrag von Hintermännern. Und an diese Hintermänner gelangen die Ermittler selten, denn die Verhafteten schweigen meist. «Pink Panther»? Nie gehört. Die geraubten Juwelen bleiben in der Regel verschwunden. Und so dürften die Überfälle auch nach den Verhaftungen dieser Woche kaum aufhören.

Ein Versteck wie im Film

Ihren Namen gaben sich die «Pink Panther», die vermutlich seit 1999 aktiv sind, übrigens nicht selbst. Das war ein Ermittler von Scotland Yard. Nach einem Überfall in London im Jahr 2003, einem der grössten Coups der Gruppe, schnappte eine britische Eliteeinheit die Gangster. Dabei entdeckten sie in einer Cremedose einen geraubten Ring im Wert von über einer halben Million Euro – genau wie in der Gangsterkomödie «The Pink Panther» aus dem Jahr 1963.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch