Flieg Uhu, flieg

Zuerst wollten die Tierärzte einen verletzten Uhu einschläfern. Doch passiert ist ein «Wunder».

Endlich wieder fliegen: Amber wird in die Freiheit entlassen. Video: Lilian Killer

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Amber ist bereit für die Freiheit. Amber – ein schöner Name für das Uhu-Weibchen mit dem goldbraun schimmernden Federkleid; sein Pate, ein Eulenfreund, hat ihn ausgewählt. Amber wiegt jetzt 2820 Gramm, in sechs Wochen hat sie fast ein Kilo zugelegt. In der Greifvogelstation Berg am Irchel erhielt sie Mäuse und Küken zu fressen, und als sie stärker war auch Ratten.

Am 20. Oktober war Amber in der Nähe des Zoos Zürich auf einer Strasse liegend gefunden worden. Sie war stark abgemagert. Im Tierspital stellte man eine starke Entzündung in einem Auge fest. Die Ärzte diskutierten den Fall mit Andi Lischke, dem Leiter der Greifvogelstation, und schlugen vor, das Tier einzuschläfern. Doch Lischke wollte den Uhu noch nicht aufgeben.

Die Art ist gefährdet, es gibt nur 100 bis 140 Brutpaare in der Schweiz. Die grösste unter den Eulen braucht als Lebensraum tierreiche Wälder, in denen Felswände vorkommen. In den Felsnischen brütet der Uhu, und dort sitzt er auch gerne tagsüber und überblickt sein Revier. Er jagt Säugetiere von der Maus bis zum Jungfuchs und alle Vögel; selbst Wanderfalken schlägt er, wenn sich die Gelegenheit ergibt.

Gesund gepflegt: Andi Lischke und Amber kurz vor der Freilassung. Bild: Susanne Anderegg

Andi Lischke behandelte das verletzte Tier medikamentös. Da das Auge schlecht heilte, wollte er das Lid vernähen lassen, um eine weitere Reizung der Hornhaut zu verhindern. Doch just als er den Operationstermin mit dem Tierspital vereinbarte, schlug die Therapie an. Oder vielleicht mobilisierte der Uhu auch einfach erfolgreich seine Selbstheilungskräfte. «Es passieren immer wieder Wunder», sagt Lischke, der die Greifvogelstation der Stiftung Paneco in Berg am Irchel seit 2010 führt.

Die Jäger machen mit

Am Morgen der geplanten Auswilderung trifft sich in Berg eine kleine Gruppe Interessierter, darunter vier Mitglieder der örtlichen Jagdgesellschaft. Ihr Revier ist der Irchelwald, wo das Uhu-Weibchen freigelassen werden soll. Die Jäger arbeiten eng mit Lischke zusammen. Sie bringen ihm verletzte Vögel, die sie regelmässig auf den Strassen finden – Opfer des Verkehrs. Manchmal liefern sie Fallwild, auch schon ein ganzes Reh, das Lischke dann an die Greifvögel verfüttert, die er in der Station pflegt.

Gut getarnt: Das Uhu-Weibchen kurz nach seiner Freilassung. Bild: Susanne Anderegg

Uhus hat Lischke nur etwa einen pro Jahr. Eine Freilassung ist deshalb ein besonderes Ereignis, auch für die Jäger. «Wenn wir im Irchelwald sind, hören wir ab und zu einen Uhu», sagt Obmann Beat Wolfer, «doch zu Gesicht bekommen wir den Vogel selten.» Nun holt Andi Lischke Amber aus der Pflegebox. Er hält sie mit blossen Händen und präsentiert sie der Gruppe. Zeigt auf den typischen flachen Schädel, zieht ihr die Federohren hoch, breitet einen Flügel aus. Uhus haben eine Spannweite von 1,5 bis 2 Meter und eine Körperlänge von 60 bis 75 Zentimeter. Nach dem Fototermin wird Amber ein letztes Mal gewogen und dann beringt. Für den Transport steckt Lischke sie in eine Kartonschachtel, die er gut verschliesst.

20 Minuten später ist es so weit: Lischke steht im Irchelwald unter einer Nagelfluhwand. Sorgfältig nimmt er Amber aus der Schachtel und setzt sie in eine Felsnische. Die Uhu-Dame flattert auf, fliegt wenige Meter durch das Unterholz und lässt sich im Laub auf dem Boden nieder – nichts Aussergewöhnliches, Uhus sitzen häufig am Boden oder auf Baumstrünken. Amber schaut sich um, flattert auf einen Ast. Doch der ist zu dünn für den grossen Vogel, für drei Kilo Gewicht braucht es dicke Äste. Amber muss weiter. Sie hebt ab – und fliegt davon in den Winterhimmel. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.11.2017, 14:49 Uhr

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