Flughafen hält trotz chronischer Verspätungen an späten Flügen fest

Der wirtschaftliche Schaden wäre zu gross, wenn Flüge nur bis 22.30 Uhr geplant werden dürften, sagt der Flughafen Zürich.

Aus Sicht des Flughafens wäre die Wettbewerbsfähigkeit gefährdet: Landeanflug auf Piste 28. <nobr>Foto: Sebastian Derungs (Reuters)</nobr>

Aus Sicht des Flughafens wäre die Wettbewerbsfähigkeit gefährdet: Landeanflug auf Piste 28. Foto: Sebastian Derungs (Reuters)

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Eigentlich wäre am Flughafen Zürich um 23 Uhr Ruhe. So will es das Betriebsreglement. Dennoch starten und landen nahezu Nacht für Nacht Flugzeuge bis um 23.30 Uhr. Und daran wird sich in den nächsten Jahren nicht viel ändern. Denn der Flughafen lehnt es ab, die letzten geplanten Flüge auf 22.30 Uhr vorzuverlegen. Das sagten die Verantwortlichen in einem Mediengespräch. Heute dürfen Starts bis um 22.45 Uhr geplant werden, Landungen bis um 22.55 Uhr. Und das soll so bleiben.

Hauptargument von Chief Operation Officer Stefan Tschudin gegen eine Vorverlegung: «Der Schaden für den Flughafen Zürich und damit für die Volkswirtschaft wäre zu gross.» Das habe eine Studie des Büros Intraplan gezeigt.

Freiwillig hat der Flughafen die Studie nicht in Auftrag gegeben – das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) hat eine solche verlangt. Zwar erlaubt das Betriebsreglement explizit Flüge bis um 23.30 Uhr, um Verspätungen abzubauen. Der Sinn der Sache ist es allerdings nicht, dass der Flughafen diese halbe Stunde nahezu täglich ausnutzt.

Genau das aber passiert seit Jahren: Die Zahl der Flüge nach 23 Uhr steigt und steigt. Im Jahr 2017 lag sie bei über 2600, im Jahr 2011 waren es erst gut 1700. Das entspricht einer Zunahme um mehr als die Hälfte in nur sechs Jahren. Und das treibt unter anderem den Zürcher Fluglärmindex in die Höhe, der Jahr für Jahr mehr Personen ausweist, die stark vom Fluglärm betroffen sind.

Verlust für die Airlines, Gewinn für die Anwohner

Die Studie sollte deshalb klären, welche Auswirkungen es für die Bevölkerung, den Flugbetrieb und die Wettbewerbsfähigkeit hätte, die letzten Flüge früher einzuplanen. Die Resultate scheinen die Bedenken des Flughafens nun zu bestätigen. Ein grosser Teil der acht Starts und der zwölf Landungen, die heute nach 22.30 Uhr geplant sind, könnten nicht verschoben werden und würden wegfallen.

Betroffen wären vor allem die direkten Langstreckenverbindungen nach Fernost, Südafrika und Lateinamerika, die stark ausgedünnt würden. Und das ginge hauptsächlich auf Kosten der beiden heimischen Airlines Swiss und Edelweiss. Insgesamt errechnet Intraplan für die Airlines einen Verlust von 2,1 Millionen Passagieren und eine Umsatzeinbusse von rund 1 Milliarde Franken.

«Wir haben die strengsten Auflagen in ganz Europa.»Stefan Tschudin, Chief Operation Officer

Aus Sicht des Flughafens wäre aber nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit der beiden Airlines gefährdet, sondern auch jene des Flughafens. «Schon heute haben wir die strengsten Auflagen in ganz Europa», sagt Tschudin. Eine weitere Verschärfung würde den gesetzlichen Auftrag erschweren, «möglichst gute Direktverbindungen in Europa und den wichtigen Zentren weltweit» anzubieten. Hinzu kommt der volkswirtschaftliche Schaden, den Intraplan auf 1,6 Milliarden Franken schätzt.

Dem steht der Gewinn für die Bevölkerung gegenüber – und dieser wäre vor allem im Norden bedeutend. Dort würde der Lärm nach 23 Uhr um zehn Dezibel ­reduziert, was einer Halbierung entspricht. Das Gebiet, in dem die Lärmgrenzwerte überschritten werden, würde um ein Vielfaches schrumpfen.

Für Stefan Tschudin ist das kein Argument: «Der Preis ist zu hoch.» Er sagt, die Lärmbelastung nach 23 Uhr sei in den letzten drei Jahren gesunken. Zum einen, weil um diese Uhrzeit heute vor allem Boeing 777 starten, die schneller steigen als die bisher eingesetzten A340. Zum anderen habe der Flughafen die Zahl der verspäteten Starts reduzieren können, die Zunahme betraf vor allem Landungen, und dabei handle es sich hauptsächlich um kleine Maschinen.

Geradeaus-Abflug nach Süden geplant

Vor allem aber verspricht Tschudin Besserung auch ohne eine Vorverlegung der letzten Flüge. Der Flughafen Zürich setzt auf die geplanten Änderungen bei den An- und Abflugrouten. Diese hätten zur Folge, dass der Flughafen immer gleich viele Flüge pro Stunde abwickeln könnte, egal, in welche Richtung gestartet und aus welcher gelandet wird. Heute ist das nicht der Fall. Weht beispielsweise die Bise, sinkt die Kapazität um ein Drittel, was regelmässig zu Verspätungen führt.

Die wichtigste geplante Änderung ist der Geradeaus-Abflug nach Süden: Er würde die Einbussen bei Bise praktisch auf null reduzieren. Allerdings dürfte es dauern, bis er eingeführt wird. Noch hat das Bazl die neue Flugroute nicht bewilligt. Danach sind Einsprachen bis vor Bundesgericht absehbar. Der Widerstand ist vor allem in den Gemeinden im Süden heftig.

Warten auf Zustimmung aus Deutschland

Pendent ist auch eine Verschiebung der Flugrouten im Osten, was die Verspätungen bei Ost­anflügen reduzieren könnte – hier wartet Zürich auf eine Zustimmung aus Deutschland. Wann diese kommt, ist völlig unklar. Zur Verbesserung beitragen soll die Erhöhung der Lärmgebühren. Fluglärmorganisationen beurteilen diese aber skeptisch. Der Flughafenschutzverband hält sie gar für wirkungslos.

Und wie vertragen sich die kürzlich bekannt gewordenen Pläne des Flughafens, zwischen 22 und 22.20 Uhr mehr Starts einzuplanen? Das sei kein Problem, sagt Tschudin: «Das hat auf die Verspätungen keinen Einfluss. Wir nutzen nur eine Lücke im Flugplan aus.»

Erstellt: 04.07.2019, 08:56 Uhr

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