Nach Beinahe-Crash: Freispruch für Fluglotsen

Das Bezirksgericht Bülach hat den Skyguide-Lotsen, der 2011 am Flughafen Zürich zwei Maschinen gleichzeitig den Start erlaubt hat, freigesprochen.

Drei Videosimulationen zeigen den Ablauf des Beinahezusammenstosses zwischen zwei A320 der Swiss am 15. März 2011. Am oberen Bildrand ist der Funkverkehr der Piloten und des Fluglotsen eingeblendet.
Video: Sust (Bearbeitung: Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

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Fünfeinhalb Jahre und zwei Verhandlungstage hat es gedauert, bis der Fluglotse am heutigen Mittwoch vom Bezirksgericht Bülach erfahren hat, ob er «fahrlässig den öffentlichen Verkehr gestört» hat, wie es ihm die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vorgeworfen hat. Das Gericht befand: Nein. Es hat den Lotsen heute Mittag freigesprochen.

Rückblende: Viel hat am 15. März 2011 nicht gefehlt, und es wäre auf dem Flughafen Zürich zur Katastrophe gekommen. Der heute 35-jährige Fluglotse hatte gleichzeitig zwei Swiss-Fliegern auf den sich kreuzenden Pisten die Startfreigabe erteilt. Während die Piloten des Fluges SWR 1326 Richtung Moskau die Piste 16 ansteuerten, erlaubte er ihnen den Abflug. An Bord des Flugzeuges waren 135 Menschen.

Start rechtzeitig abgebrochen

Keine Minute später erteilte er einem Airbus A320 mit dem Rufzeichen SWR 202W nach Madrid die Startfreigabe auf der Piste 28. An Bord dieser Maschine befanden sich 127 Personen. Nach 42 Sekunden, mit Tempo 250 km/h, erblickten die Piloten die andere Maschine, die sich von rechts näherte. Sie brachen den Start sofort ab. Zwei Sekunden später befahl ihnen der Lotse, den Abflug zu stoppen.

Die entscheidende Frage für das Bezirksgericht Bülach war: Wie konkret war die Gefahr für Passagiere und Besatzung, zu Schaden zu kommen? In der Anklageschrift heisst es: «Hätte das Flugzeug SWR 202W den Startlauf fünf Sekunden früher eingeleitet und den Start nicht abgebrochen, wäre es zu einer Kollision gekommen.» Für den Richter war dieses Szenario allerdings nicht konkret genug, sondern eine reine Hypothese: «Das Gericht muss sich an dem orientieren, was geschehen ist.»

Der Startabbruch war nicht nur Glück

Zentraler Aspekt im ganzen Gefüge war in den Augen des Richters der Startabbruch. War es nur glücklicher Zufall, dass sowohl Besatzung als auch Lotse kurz hintereinander anordneten, den Start von SWR 202W abzubrechen? Nein, befand das Gericht. Dass die Besatzung beim Start die Piste und mögliche Gefahren im Auge behalte, gehöre vielmehr zum fliegerischen Standard.

Und selbst wenn die Piloten das andere Flugzeug nicht entdeckt hätten, wäre da ja noch der Lotse gewesen, der durch einen automatischen, computergenerierten Alarm auf die brenzlige Situation aufmerksam wurde. «Es erscheint als sehr unwahrscheinlich, dass der Lotse diesen Alarm nicht wahrgenommen hätte», so der Richter. Zwar wäre der Startabbruch dann möglicherweise später erfolgt, gereicht hätte es nach Ansicht des Gerichts aber noch immer, um Schlimmeres zu verhindern. Was ohne Startabbruch passiert wäre, sei aus diesem Grund für das Urteil nicht relevant.

Kritik an Skyguide und dem Bund

Bleibt die Frage, oder der Fluglotse mit genügend Sorgfalt vorging. Tatsächlich war der Mann noch in zwei andere heikle Vorfälle verwickelt: Am 31. Juli 2008 erteilte er auf der Piste 16 einer Maschine die Landeerlaubnis und kurz danach einem Flugzeug auf Piste 28 die Startfreigabe. Auch am 11. August 2012 sass er am Radar, als es über Waldshut beinahe zu einem Zusammenstoss zwischen einem Langstreckenjet und einem Segelflugzeug kam, das sich in einem für ihn gesperrten Luftraum aufhielt und ohne Transponder unterwegs war.

Dennoch kam der Richter zum Schluss: Dem Lotsen kann kein Vorwurf gemacht werden. Vielmehr sei sein Arbeitsplatz derart eingerichtet gewesen, dass er «nicht vollständig beherrschbar» gewesen sei. So waren die beiden startenden Flieger nicht in einem, sondern in zwei verschiedenen Fenstern auf dem Computerbildschirm dargestellt. Auch fehlten in Zürich standardisierte Prozesse für Starts auf sich kreuzenden Pisten. Der Richter übte aus diesem Grund ungewöhnlich scharfe Kritik an Skyguide und dem Bundesamt für Zivilluftfahrt: «Sollte sich das nicht ändern, und es kommt erneut zu einem Vorfall, stellt sich die Frage, ob die Entscheidungsträger beim Bazl und bei Skyguide Verantwortung tragen.»

Sicherheitskultur gefährdet

Das Urteil hat Präzedenzfall-Charakter, weshalb die Lotsenszene heute sehr genau hinschaut. In den letzten Jahren hat die Schweizerische Unfalluntersuchungsstelle (Sust) über 100 schwere Fälle unter die Lupe genommen, bei denen sich Flugzeuge gefährlich nahe gekommen sind. Aber in keinem Fall hatte sich bisher die Staatsanwaltschaft veranlasst gesehen, Anklage zu erheben. Für die Flugsicherung Skyguide ging es beim heutigen Prozess also auch um die Frage, ob dies künftig Schule machen könnte. Lotsen haben in den vergangenen Jahren mehrmals davor gewarnt, dies gefährde die Sicherheitskultur der Schweizer Aviatik. Sie fordern eine gewissen Schutz vor Klagen.

Skyguide und der Berufsverband der Lotsen Aerocontrol reagierten vorsichtig erleichtert auf das heutige Urteil, das noch nicht rechtskräftig ist. Beide bekräftigten aber erneut ihre Kritik am komplexen Pistensystem in Zürich. «Mit dem Südstart geradeaus wäre das nicht passiert», sagte Skyguide-Sprecher Vladi Barrosa nach der Urteilseröffnung. Die Kritik des Gerichts nehme Skyguide sehr ernst, so Barrosa weiter: «Wir lernen ständig und kontinuierlich aus Fehlern.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2016, 10:06 Uhr

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