Fragwürdige Vorgänge im Kinderheim

Im Winterlager eines St. Galler Kinderheims schlafen Kinder und Betreuer im selben Raum – trotz Protesten von Betreuern und Eltern. Es ist nicht das Einzige, was im Speerblick schiefgelaufen ist.

Die Idylle ist getrübt: Im Gebäude rechts ist das Kinderheim Speerblick untergebracht. Foto: Andrea Zahler

Die Idylle ist getrübt: Im Gebäude rechts ist das Kinderheim Speerblick untergebracht. Foto: Andrea Zahler

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Das Kinderheim Speerblick liegt idyllisch etwas oberhalb von ­Uznach SG. Man kann von hier aus die Alpen sehen und, wenn man etwas bergwärts geht, den nahen Ober- und den Zürichsee. Hier finden bis zu 14 Kinder und Jugendliche im Schulalter Unterschlupf. Manche bleiben jahrelang, weil ihre Eltern nicht für sie sorgen können.

Doch von der Idylle draussen war drinnen lange Zeit wenig zu spüren. Im Gegenteil: Eltern, ­Jugendliche und ehemalige Betreuer berichten von einer angespannten Stimmung, zahlreichen Kündigungen und einem teils fragwürdigen Umgang mit den Kindern und Jugendlichen.

Erlebnis statt Konsum

Da ist zum Beispiel ein einwöchiges Winterlager. Ziel: Erlebnis statt Konsum. Das Lager fand im letzten Januar statt, in einem abgelegenen Maiensäss ohne Strom, ohne fliessend Wasser, ohne Handyempfang – und mit nur einem Massenschlag als Schlafraum. Zwei Buben und zwei Mädchen zwischen zehn und zwölf, die Heimleiterin sowie zwei Gruppenleiter, ein Mann und eine Frau: Alle schliefen im selben Raum. Das stiess intern auf Kritik. Mitarbeitende zweifelten, ob so ein Lager überhaupt zulässig sei. «Aber alle Bedenken wurden unter den Tisch gewischt», sagt eine ehemalige Betreuungsperson. «Kinder, die sich davor fürchteten, wurden nicht ernst genommen.»

Der TA hat mehrere unabhängige Fachleute auf das Lager angesprochen. Die meisten zeigen sich irritiert. André Woodtli, Chef der Heimaufsicht im Kanton Zürich, sagt: «Dass Betreuer und Kinder beiderlei Geschlechts in einem Raum schlafen, ist sehr erklärungsbedürftig. Man muss immer davon ausgehen, dass Kinder darunter sind, die Missbrauch erlebt haben.» Auch Barbara Friberg, Leiterin der Kesb Linth, in deren Einzugsgebiet der Speerblick liegt, findet die Übernachtung im Massenschlag «nicht optimal».

Heimaufsicht: Kein Problem

Die Heimleiterin verweist auf Anfrage auf Matthias Dürr, den Präsidenten des Trägervereins. Dieser verteidigt das Winterlager: «Ich war begeistert von der Idee.» Dass eine Übernachtung im Massenschlag «heikel» sei, sei allen Beteiligten bewusst gewesen: «Wir haben deshalb bei der Heimaufsicht des Kantons St. Gallen nachgefragt und das Okay erhalten.» Zuständig ist die Abteilung für Kinder und Jugend im Sozialamt. Abteilungsleiter, Roger Zahner, bestätigt: Der Kanton hatte keine Einwände.

Zahner und Dürr verweisen darauf, dass das Lager freiwillig gewesen sei. Bei den Eltern kam diese Information offenbar nicht an. «Ich war nicht einverstanden, aber es hiess, das Lager sei für die jüngeren Kinder obligatorisch», sagt eine Mutter. Auch ehemalige Betreuer sagen, freiwillig sei das Lager nur für die Jugendlichen gewesen. Und die wollten nicht mit.

«Manchmal haben wir den Eindruck, wir seien den Betreuern egal», sagen Jugendliche.

Aufhorchen lässt auch, wie das Heim reagierte, als eine 15-Jährige einen 22-jährigen Freund hatte. Dem «Tages-Anzeiger» liegt ein Dokument vor, in dem die beiden erklärten, «dass zwischen uns keine sexuellen Handlungen stattfinden/stattgefunden haben». Unterschrieben haben das Dokument neben dem Mädchen und dem jungen Mann auch die Heim­leiterin und der Vormund des Mädchens. «Das Heim stahl sich damit aus der Verantwortung», kritisiert eine ehemalige Betreuungsperson.

Ein Heimleiter aus dem Kanton Zürich, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sagt, eine Institution dürfe eine derartige Beziehung keinesfalls bagatellisieren. Treffen seien höchstens in einem geschützten Rahmen tolerierbar – notfalls sei eine Verlegung in eine geschlossenere Institution angezeigt. Dürr will sich aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht dazu äussern. Man nehme das Thema Sexualität aber sehr ernst.

Neue Leitung, neues Konzept

Beide Vorfälle fielen in eine turbulente Zeit. Im Mai 2018 hatte die bisherige Heimleitung gekündigt und war freigestellt worden. Über die Gründe wurde Stillschweigen vereinbart. Mitte August trat die neue Heimleiterin ihre Stelle an – und krempelte das pädagogische Konzept um.

Dürr spricht von einem Paradigmenwechsel, weg von Reglementen, hin zu individueller Betreuung: «Früher hiess es zum Beispiel, auf Fehlverhalten x folgt Strafe y. Oder: Ab 12 darf ein Kind mit dem Velo zur Schule. Heute ist der Entwicklungsstand des Kindes massgebend. Und bei Fehlverhalten entscheidet das Kind mit, was es tun kann, um das wiedergutzumachen.» Auch fördere man die Selbstständigkeit der Kinder aktiv.

Die neue Leiterin stellte das bisherige pädagogische
Konzept auf den Kopf. Das kam nicht bei allen gut an.

Das forsche Vorgehen und das neue Konzept kamen bei einigen schlecht an. Langjährige Betreuungspersonen kritisieren, es sei nicht mehr klar, welche Regeln gelten würden: «Das ist unfair. Geschickte Kinder können Vorteile aushandeln. Andere kommen unter die Räder.» Jugendliche sagen, sie fühlten sich nicht mehr ernst genommen: «Manchmal haben wir den Eindruck, wir seien den Betreuern egal.»

Zu reden gibt auch das neue Ernährungskonzept. Matthias Dürr spricht von einer gesünderen, leichteren Verpflegung am Abend: Café complet, ergänzt mit Salat, manchmal Suppe, Pizza oder Pasta. Die Teenager klagen, sie würden nicht mehr satt. Wer wegen eines Schulanlasses oder des Sporttrainings spät heimkomme, gehe leer aus. Dürr widerspricht: «Jeder wird satt, jeder bekommt genug. Ausnahme: Es kann mal sein, dass jemand nachträglich nichts Warmes mehr bekommt, wenn er das Nachtessen schwänzt. Der Speerblick legt viel Wert auf das gemeinsame Nachtessen.»

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Die Turbulenzen hatten Folgen. Innert weniger Monate wurde das halbe Team ausgewechselt. Nicht alle gingen freiwillig. Etliche Kinder und Jugendliche verloren ihre Bezugsperson. Manche von ihnen reagierten verstört. Ein 15-jähriges Mädchen musste notfallmässig umplatziert werden. «Dass es nicht gut ist, wenn Kinder und Jugendliche ihre Bezugsperson unter solchen Umständen verlieren, darüber müssen wir nicht streiten», sagt Matthias Dürr. «Leider trugen nicht alle Mitarbeitenden das neue Konzept loyal mit.» Er räumt aber auch Fehler der Heimleitung und des Trägervereins ein, «vor allem bei der Kommunikation».

Die St. Galler Heimaufsicht erhielt mehrere Beschwerden von Mitarbeitern, Eltern und Jugendlichen. Und weil die Wirren auch den zuweisenden Behörden nicht verborgen blieben, sank die Belegung stark. Zeitweise war nicht einmal die Hälfte der 14 Plätze besetzt. Bis heute gibt es im Heim freie Betten. Wirtschaftliche Auswirkungen hat das wegen einer Defizitgarantie des Kantons aber nicht.

Verfahren eingeleitet

Wie reagierte die kantonale Heimaufsicht auf die Vorgänge? Die Kritiker haben den Eindruck, sie seien nicht ernst genommen worden. Roger Zahner widerspricht: Der Kanton habe ein Verfahren eingeleitet, doch dürfe er den Hinweisgebern keine Auskunft erteilen. Aber: «Wir standen in intensivem Kontakt mit den Verantwortlichen.»

Inzwischen sei das Verfahren abgeschlossen. Die Zusammenarbeit sei konstruktiv gewesen, der Speerblick habe «verschiedene Massnahmen zum Beispiel auf kommunikativer Ebene, bei der internen Aufsicht und bei der Partizipation der Kinder und Jugendlichen» eingeleitet. Deren Umsetzung werde nun im Rahmen der üblichen zweijährlichen Kontrollen überprüft. Es gebe «derzeit keine Gründe, davon auszugehen, dass sich die Institution nicht positiv weiterentwickeln wird».

Die Kritiker kontern: «Es hat sich nichts geändert.» Matthias Dürr ist hingegen überzeugt, dass der Speerblick die Krise überwunden hat: «Wir sind auf einem guten Weg.» Kesb-Leiterin Barbara Friberg besuchte den Speerblick im Rahmen einer Info-Veranstaltung im September 2019 und sagt, das neue Konzept sei «sehr gut».

Ein Lager im Massenschlag ist nicht mehr geplant.

Erstellt: 13.01.2020, 22:34 Uhr

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