«Frauen müssen mit ihren Männern verhandeln»

Junge Mütter sollen nach der Babyphase wieder zu mindestens 60 Prozent in den Beruf zurückkehren, fordert die Leiterin der kantonalen Fachstelle für Gleichstellung.

In Phasen von Unsicherheit besinnt man sich auf traditionelle Werte: Mütter mit Kinderwagen. Foto: Valentina Yachichurova (Flickr)

In Phasen von Unsicherheit besinnt man sich auf traditionelle Werte: Mütter mit Kinderwagen. Foto: Valentina Yachichurova (Flickr)

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Wenn es um die Familiengründung geht, reduziert meistens die Frau ihr Pensum, während der Mann seine Karriere fortsetzt. Warum ist das noch immer so?
Der wichtigste Grund sind unsere inneren Bilder, die wir seit der Kindheit verankert haben. Wenn wir in eine neue Lebensphase kommen, halten wir an diesen traditionellen Bildern fest. Wir greifen auf das zurück, was uns vertraut ist und richtig erscheint: Dass der Mann im Erwerbsleben drinbleibt, während die Frau die Kinder betreut und sich mit einem Teilzeitpensum begnügt.

Junge Frauen von heute kennen aber doch auch andere Bilder: Ihre Mütter sind deutlich öfter erwerbstätig als noch ihre Grossmütter. Warum hat das nichts verändert?
Das frage ich mich auch. Vielleicht gerade weil sie uns miterlebt haben, mit den vielen Aufgaben von Beruf, Kinderbetreuung, Partnerschaft – die bereichernd sind, aber manchmal auch sehr anstrengend. Vielleicht sagen die jungen Frauen aufgrund dieser Erfahrung: So streng will ich es nicht haben, diese Zerreissprobe nehme ich nicht auf mich.

Sind die jungen Frauen konservativer als ihre Mütter?
Das kann man sagen. Wir stellen eine Retraditionalisierung der jungen Paare fest. In Phasen von Unsicherheit besinnen sie sich auf traditionelle Werte.

Woher rührt denn die Unsicherheit?
Ich kann es von mir selber sagen: Kinder zu bekommen, Beruf und Kinder zu vereinbaren, das ist eine neue Aufgabe, die Unsicherheit hervorruft. Kann ich das bewältigen? Wie schaffe ich das? Wie unterstützt mich mein Partner? Man kann vorher alles besprechen, doch wenn die Realität da ist, sieht das Leben nochmals ganz anders aus. Da kommen Gedanken wie: Ist das streng! Ich genüge nicht im Berufsleben, und ich genüge auch nicht als Mutter daheim. Also verzichte ich lieber auf die Berufskarriere.

Sie selber haben aber nicht verzichtet?
Nein, ich habe mit Freude meine Aufgaben zu Hause und im Betrieb erfüllt und hatte das grosse Glück, aus beiden Welten viel positive Energie und Wertschätzung ziehen zu dürfen. Mein Partner, meine Mutter und Freunde sowie die «Eltern-Chindsgi» haben wunderbar zur Kinderbetreuung beigetragen.

Wie kann das traditionelle Rollenmodell überwunden werden?
Wir müssen mehr in die ausserfamiliäre Kinderbetreuung investieren, in Krippen und Tagesschulen. Die jungen Frauen müssen mit ihren Männern verhandeln, wer in welchem Bereich wie viel Verantwortung übernimmt. Beide sind heute in der Regel gut ausgebildet, daher sollten die Rollen nicht von vornherein feststehen. Schliesslich können auch wir Frauen einander unterstützen in dem, was wir tun. Wir sollten die verschiedenen Familienmodelle nicht bewerten. Alles ist erlaubt, Frauen wie Männer sollen wählen, was für sie stimmt.

Wenn die Frauen als Mütter und Teilzeitarbeitende zufrieden sind, ist das also auch in Ordnung?
Sie müssen wissen, dass sie ein eigenes Alterskapital äufnen und Sozialversicherungen für sich selber aufbauen müssen. Ein eigenes Einkommen zu haben, ist in unserem System sehr wichtig. Angesichts der zunehmenden Scheidungsrate ist evident, dass das Ernährermodell längerfristig keinen Bestand hat. Einige Jahre zurückzustecken zugunsten der Kinder, ist wunderbar, doch nachher müssen Frauen mit mindestens 60 Prozent wieder einsteigen. Denn unser Sozialversicherungssystem beruht eigentlich auf einem Vollzeitpensum.

Machen es sich die jungen Frauen von heute zu bequem?
Kinderbetreuung und Haushalt sind nie bequem. Kinder und Beruf zusammen ist aber sicher sehr anspruchsvoll. Und da überwiegt die Angst, etwas nicht richtig zu machen, was zum Rückzug auf die Mutterrolle führt.

Was können Arbeitgeber tun?
Wichtig ist, dass sie gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit zahlen und dass sie mit freiwilligen Leistungen das Angebot der Kinderbetreuung verbessern. Zudem sollten sie genau hinschauen, wer sich für eine Position am besten eignet. Heute lassen sie einen Grossteil der Frauen vom Radar.

Im Gesundheitswesen zeigt sich das Problem exemplarisch: Obwohl grossmehrheitlich Frauen dort arbeiten, sind die Kaderstellen sehr häufig mit Männern besetzt.
Die Teilzeitarbeit in der Familienphase ist der Hauptgrund, weshalb Frauen nicht mehr Kaderpositionen erreichen. Dazu kommt eine natürliche Hemmung, eine Führungsrolle zu übernehmen. Das sehe ich in jeder Klasse, die ich besuche, von der Primarschule bis zur ETH. Wenn ich frage, wer einmal eine Kaderposition möchte, strecken nur ein bis zwei Frauen auf, aber immer mehrere Männer. Führung ist bei Frauen negativ konnotiert mit Machtausübung über Leute, Machtmissbrauch, unangenehmen Entscheiden. Das wollen Frauen nicht.

Wie kann man das ändern?
Von der Krippe an müssen Rollenbilder überdacht werden. Buben sollen auch ihre sanften Seiten zeigen dürfen und Mädchen ihre forschen. Und beide sollten in der Schule disputieren und verhandeln lernen. Damit sie später auch einmal ihren Lohn einfordern können.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.06.2016, 09:22 Uhr

Helena Trachsel

Die Leiterin der kantonalen Fachstelle für Gleichstellung von Frau und Mann ist verheiratet und hat zwei Töchter. Sie war früher Direktionsmitglied beim Swiss-Re-Konzern.

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