Freie Republik Aussersihl

Im Wahlkreis 4/5 hat die SP ein Heimspiel. Nicht nur, weil dort die «Büezer» einst günstige Wohnungen fanden.

«Bei uns ist es manchmal chaotisch»: SP-Kreispräsidentin Barbara Haller. Video: Helene Arnet, Jan Derrer

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Manchmal muss es zum Verzweifeln sein. Da schmettert der eigene Wahlkreis die Masseneinwanderungsinitiative mit fast 80 Prozent Nein-Stimmen ab – und sie findet doch eine Mehrheit. Von der Gründung einer «Freien Republik Aussersihl» frotzelt die Gruppe SP-Mitglieder, die uns auf der Kasernenwiese erwartet. Frustriert wirken sie nicht – «wir leben im urbansten Ort des Kantons. Und wir leben gern hier», sagt Barbara Haller, die mit Marcel Tobler die SP des Kreises 4 präsidiert.

32,58 Prozent der Wahlberechtigten haben bei den letzten Nationalratswahlen die SP gewählt. Nimmt man die Grünen und die AL dazu, hat das linke Lager eine Mehrheit. «Aussersihl ist seit jeher ein Arbeiterquartier – das hat bereits mit den Eisenbahnarbeitern im 19. Jahrhundert angefangen», sagt SP-Nationalrat Martin Naef, der sich auch zu der Gruppe gesellt. Nur: Arbeiter und Gewerkschafter sind nicht mehr verlässliche SP-Wähler. Hier hat die SVP gründlich abgesahnt. Nicht in Aussersihl. «Das Zusammenleben hier wird stark vom genossenschaftlichen Gedanken geprägt», sagt Tobler. Und dieser wiederum fördere Offenheit und Toleranz. «Fremdenfeindlichkeit findet bei uns wenig Resonanz, man würde sich ja gegen den eigenen Nachbarn wenden.»

Barbara Haller sagt: «Wir sind kein schön aufgeräumter Kreis, bei uns ist es manchmal laut und chaotisch.» Wie auf Kommando schraubt in einer Bar der DJ seine Anlage hoch. «Dieses Leben zieht bürgerliche Wähler weniger an. Hierher ziehen Leute, die diese Lebensart suchen.» Und in der Regel SP wählen. Martin Naef kann sich kaum einen besseren Wohnort denken: «Wenn die Menschen um mich herum derart tolerant sind, stören mich die Erzkonservativen im Wallis nur noch am Rande.»

Auf der Kasernenwiese pfeifen die Vögel – und gehen die Quartierbewohner mit den Hunden Gassi. Das Kasernenareal sei für die SP des Kreises 4 seit Jahrzehnten eines der Schwerpunktthemen. «Hier kann das Quartier ein zu ihm passendes Zentrum finden, einen kreativen, offenen Ort mittendrin», sagt Tobler. Der Einsatz scheint sich gelohnt zu haben, die aktuellen Pläne gehen nicht mehr von einer Überbauung aus.

Es geht weiter zur Langstrasse. Berühmt, berüchtigt. «Das ist das, was die Schweiz für den Kreis 4 hält», sagt Haller. Auf der Piazza Cella gibt es an diesem warmen Feierabend keinen freien Platz. Der Verkehr staut sich, die Polizei patrouilliert, in Bars bringen sich Prostituierte in Position. Nur wenige Schritte davon entfernt wird es jedoch beschaulich. Schulhäuser, Skatinganlage, Hinterhöfe, in denen Kinder «giiräitsle». Und im Quartier Hard bietet sich noch einmal ein anderes Bild: Es dominiert der genossenschaftliche Wohnungsbau mit Blockrandumbauungen und familienfreundlichen Innenhöfen.

Eine heile Welt sei der Kreis 4 aber bei weitem nicht, relativieren unsere Reiseführer ihr Loblied. «Wir weisen mit Abstand die höchste Betreibungsrate auf – vor allem auch unter jungen Leuten», sagt Haller. «Und die Nutzungskonflikte nehmen zu», fügt Tobler an. Die SP versuche dabei eine vermittelnde Rolle einzunehmen: zwischen den Parteien, aber auch zwischen der Politik und der Bevölkerung. «Unser Kreis lebt von Gegensätzen und Prozessen», sagt Tobler. Und so werde man es wohl auch schaffen, das neuste Quartier zu integrieren – obwohl es so gar nichts vom aussersihlschen «Groove» ausstrahle: die Europaallee.

Erstellt: 11.10.2015, 17:49 Uhr

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