Füchse und Rehe als Volkstherapie

Genf hat, worüber Zürich nun abstimmen wird: Die Jagd ist seit über 40 Jahren verboten. Die Erfahrungen.

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Sind alle Zürcher Kantonsräte passionierte Jäger? Diese Frage stellt sich, wer am Genfersee die Abstimmung im Zürcher Kantonsparlament über die Jagdinitiative analysiert. 165 Kantonsräte votierten im März gegen ein Jagdverbot. Kein einziger Parlamentarier wollte, dass Wildhüter künftig Jäger ersetzen. Damit scheint klar: Die Initiative wird auch bei der anstehenden Volksabstimmung einen schweren Stand haben.

Dabei lohnte sich aus Zürcher Sicht ein Blick in den Kanton Genf. Dieser kennt seit über 40 Jahren ein Jagdverbot. Rund zwei Drittel der Stimmenden sagten 1974 Ja zum von Tierschützern geforderten Jagdverbot. Der Staat reguliert seither die Welt der Wildtiere und limitiert ihre Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. Würde Genf heute über dieselbe Vorlage abstimmen, wäre die Zustimmung sogar noch grösser. Die Bilanz ist durchwegs positiv. Die mit dem Verbot verbundenen Probleme hat man im Griff. Bei Konflikten mit Bauern, die einen konsequenten Schutz vor Wildtieren fordern, findet man Lösungen. Die Schäden an der Landwirtschaft und die Kostenfolgen sind gering, Jagdunfälle heute kein Thema mehr.

Doch bei all dem gilt: Genf hat eine besondere Geografie. Genf ist ein Stadtkanton. Die Leute nutzen seine Wälder für ihre Freizeitaktivitäten. Urbane Zonen gehen nahtlos in Kulturland über. Für die Jagd heisst dies: Wer auf der rund 150 Quadratkilometer grossen, berg- und hügellosen Naturfläche auf die Pirsch geht, entfernt sich niemals weit von der Stadt, sondern begegnet Bewohnern bei ihren Freizeitaktivitäten. Fallen Schüsse, wirds für Unbeteiligte rasch gefährlich.

Das Unfallrisiko sinkt

Das Jadgverbot brachte bei der Sicherheit eine Verbesserung. Seit seiner Einführung übernehmen in Genf Wildhüter die Aufgaben der Jäger. Zusätzliche Stellen wurden keine geschaffen. Für Abschüsse sind die Wildhüter nur in der Nacht unterwegs und nutzen Lichtverstärker und Infrarot. Das hilft, die Tiere zu finden und vermindert auch das Unfallrisiko.

Obwohl in der Dunkelheit geschossen wird, versichert der kantonale Wildtierinspektor Gottlieb Dandliker: «99,5 Prozent der geschossenen Tiere sind sofort tot.» Das Leiden sei «minim», wie auch der Stress für die nicht abgeschossenen Tiere. Es gebe fast keine Fälle, in denen Tiere einen Abschuss verletzt überlebten. Dändliker selbst spricht nicht von einem «kompletten Schussverbot», sondern von einer «Kontrolle des Wildtierbestands durch die Wildhüter».

Die Tierart, die Genfs Wildhüter am meisten töten, sind Wildschweine. In den 2000er-Jahren waren es bis zu 400 pro Jahr. Heute leben auf einem Quadratkilometer Wald rund 5 Wildschweine – ein tiefes Niveau, das stabil bleibt. Die Zahl geschossener Tiere liegt seit 2014 bei durchschnittlich 187 pro Jahr. Man könne den Bestand heute gut kontrollieren, so Dandliker.

«Würde Genf heute noch einmal abstimmen, wäre die Zustimmung noch grösser.»

Ein Grund, warum insbesondere Wildschweine geschossen werden, ist: Sie lieben reife, also zuckerhaltige Trauben. In einem Weinbaukanton wie Genf ist dies ein Problem, gerade im anbrechenden Herbst. Dringt eine Herde Wildschweine in ein Rebgebiet ein, fressen die Tiere in einer Nacht problemlos 300 bis 400 Kilogramm Trauben. Weinbauern sind in den Tagen und Wochen vor der Traubenernte entsprechend nervös.

Der Kanton kennt die am meisten betroffenen Gebiete. Der Staat stellt Bauern Elektrozäune zur Verfügung. In der Nähe von Schutzgebieten stellt er sie sogar selbst auf. Für den Aufbau bekommen Bauern 1 Franken pro Laufmeter. Sie sind für die Instandhaltung der Zäune bis zu ihrem Abbau verantwortlich. Auch werden Obstbäume mit Netzen geschützt, damit Rehe und Hasen keine Rinde abnagen. Verursachen Tiere dennoch Schäden, kommt der Kanton für die Verluste auf. In den letzten fünf Jahren schüttete der Kanton Genf für Tierschäden jährlich 17'000 Franken aus. Die Landwirte besänftigt dies, obwohl einige bis heute damit Mühe haben, dass man sie und ihre Felder eingrenzt und nicht den Wald einzäunt, wo die Tiere leben.

«Das Jagdverbot kann ein Mittel zur Erhöhung der Biodiversität sein.»

Aber das urbane Genf schätzt die Massnahmen. Die Kosten des Jagdmanagements sind kein Thema. Die Neuenburger Anthropologin Manue Pichaud hat sie berechnet. Gemäss Pichaud betragen sie jährlich eine Million Franken, also 2.20 Franken pro Einwohner. Die Genfer zahlen das gerne, weil sie es schätzen, dass sie Tiere bei ihren Spaziergängen in freier Natur antreffen. Dieser Eindruck ist wissenschaftlich bestätigt. Der Kanton stellte in einer Langzeitstudie eine starke Zunahme der Biodiversität fest.

Bertrand von Arx, Direktor für Biodiversität des Kantons Genf, präzisiert: «Das Jagdverbot kann ein Mittel zur Erhöhung der Biodiversität sein.» Man habe ebenso stark in den Schutz und die Verbesserung der Qualität der Lebensräume und deren Verbindung mit natürlichen Korridoren investiert.

Noch lebt kein Wolf in Genf

Herausragend ist die Artenvielfalt bei den Wasservögeln. Rehe, Hirsche und Wildschweine galten in Genf vor dem 1974 beschlossenen Jagdverbot als beinahe komplett verschwunden und leben nun wieder dort. Auch die Bestände an Mardern, Bibern, Hasen, Wieseln und Greifvögeln haben sich in den letzten Jahren erholt. Wildtierinspektor Dandliker spricht davon, dass der Kontakt mit Wildtieren für die Menschen etwas Therapeutisches habe. Er meint damit, Tierspuren zu entdecken, Tiere zu hören oder ihnen sogar in freier Natur zu begegnen. Wölfe und Luchse haben sich bislang in Genf noch nicht angesiedelt.

Auch 40 Jahre nach Einführung des Jagdgesetzes haben nicht alle Genfer der Jagd abgeschworen. In diesen Tagen mischen sie sich in unbekannter Zahl unter die 8000 patentierten Jäger, für die im Gebiet Hochsavoyen in Frankreich die Jagd begonnen hat. Oder sie wagen sich in die Jagdgründe in der Waadt und im Wallis vor. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2018, 22:25 Uhr

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