Wenn es in ganz Zürich dunkel wird

Strom weg! In der ganzen Stadt? Harry Graf vom EWZ sagt, wo die grössten Problem liegen und wann ein Totalausfall eintreten würde.

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Der gestrige Stromausfall betraf etwa sieben Prozent von Zürich. Was müsste schieflaufen, damit es in der ganzen Stadt zum Totalausfall käme?
Nur wenn in der ganzen Schweiz die Lichter ausgehen, wird es auch in Zürich dunkel. Die Stadt wird von drei verschiedenen Seiten her mit Strom versorgt. Wenn eine dieser Zuleitungen ausfällt, können wir das auffangen. Wenn aber zwei ausfallen, wird es fast unmöglich. Je nach Tageszeit und Stromverbrauch sogar hoffnungslos.

Das Stadtzürcher Verteilnetz kann nicht lahmgelegt werden, solange die Zuleitungen funktionieren?
Nein. Man sah das am Mittwoch. Als das Unterwerk Letten ausfiel, haben wir den Stromfluss so umgeschaltet, dass die benachbarten Unterwerke jene Gebiete versorgten, die sonst den Strom vom Letten bekommen. Damit es in der ganzen Stadt dunkel würde, müsste es also in allen 14 Unterwerken gleichzeitig zur Störung kommen.

Und das ist nur bei höherer Gewalt vorstellbar?
Genau. Eine Naturkatastrophe oder ein Zusammenbruch der Stromversorgung in ganz Europa.

Hochspannungsleitungen vernetzen die 14 Zürcher Unterwerke, die die Stadtquartiere mit Strom versorgen. Grafik: EWZ

Welche Versorgungsgarantie bietet das EWZ?
99,9 Prozent. Eine hundertprozentige Versorgungssicherheit kann kein Energiedienstleister bieten. Aber es gibt natürlich Massnahmen, mit denen Firmen den Prozentsatz erhöhen können. Zum Beispiel einen zweiten Anschluss an ein weiteres Unterwerk mit automatischer Umschaltung. So etwas hatte ja die Migros am Limmatplatz, die deshalb gestern immer Strom hatte.

Haben das viele EWZ-Kunden?
Immer mehr. Vor allem jene Firmen, die stark auf Strom angewiesen sind. Einen Unterbruch von ein paar Sekunden können die meisten von ihnen selbst überbrücken, indem sie sich mit Notstrom vom Generator versorgen. Wenn es aber länger dauert, wird das schwierig. Der Globus am Bellevue etwa blieb 2012 trotz des Stromausfalls offen, weil er einen Generator hatte. Aber irgendwann ging der Diesel aus. Deshalb verlangen gerade Banken oder Rechenzentren einen zweiten Anschluss ans Netz.

Warum bekommen nicht alle Kunden diese Zusatzsicherheit?
Das würde eine Menge Geld kosten und die Netzkosten vervielfachen. Jene Firmen, die einen zusätzlichen Anschluss verlangen, bezahlen das natürlich selbst. Sonst müssten Privatkunden wie Sie und ich dafür aufkommen.

«Prompt musste ein Spital bei einem Stromausfall die Operationen notfallmässig abbrechen.»

Sicher haben auch alle Spitäler solche Anschlüsse?
Ja, aber vor 15 Jahren war das noch nicht der Fall. Prompt musste ein Spital bei einem Stromausfall die Operationen notfallmässig abbrechen. Sie hatten zwar einen Dieselgenerator, aber der ist nicht angesprungen. Wir lieferten damals zwei Sekunden später schon wieder Strom, aber bei ihnen sprang der Umschalter nicht zurück. Danach wollten sie auch einen zweiten Netzanschluss.

Warum hatte der Hauptbahnhof gestern so viel schneller wieder Strom als alle anderen?
Das waren nicht wir. Ich habe aber eine Vermutung: Die SBB haben seit einigen Jahren auch mehrere Einspeisepunkte von unserem Netz. Sie haben dadurch genau wie wir die Möglichkeit, innerhalb ihres Areals die Versorgung so umzuschalten, dass abgekoppelte Bereiche von anderswo versorgt werden.

Wo würden Sie den gestrigen Stromausfall in der EWZ-Hitparade der grössten Pannen einordnen?
Es kommen mir nur zwei in den Sinn, die vergleichbar waren. 2012 explodierte im Unterwerk Sempersteig eine Muffe, worauf der Strom in der Innenstadt ausfiel. Auch damals standen die Trams still, der «Blick am Abend» erschien nicht, und auch die NZZ war betroffen.

Und die andere?
2005 kurz vor Weihnachten explodierte ein Kabelendverschluss im Hochspannungsbereich des Unterwerks Letten. Daran erinnere ich mich, weil nachher die ganze Wand schwarz war – wenn dort jemand gestanden wäre, hätte er das nicht überlebt. Radio 24 konnte damals nicht mehr senden. Die schickten prompt einen Reporter auf die Strasse, um jemanden zu suchen, der gegen das EWZ wetterte. Er hat aber niemanden gefunden, das hat er mir selbst gesagt.

Was ist mit 2013, als der Prime Tower evakuiert wurde?
Von jenem Stromausfall damals war nur ein kleines Gebiet betroffen. Wenn hingegen in einem Unterwerk etwas passiert, geht in etwa sieben Prozent der ganzen Stadt der Strom aus. Wie damals, als der Siebenschläfer das Unterwerk Hönggerberg lahmlegte.

«Siebenschläfer sind besonders heimtückisch. Wenn einer den Eingang gefunden hat, kommt nachher die ganze Sippe.»

Meinen Sie vielleicht das berühmte Eichhörnchen? Seinetwegen wurde es beim Schweizer Fernsehen dunkel.
Nein, das war wieder ein anderer Fall. Siebenschläfer sind besonders heimtückisch, denn wenn einer mal einen Eingang gefunden hat, kommt nachher die ganze Sippe. Wir haben dagegen inzwischen Massnahmen ergriffen. So werden etwa die Bäume rund um die Unterwerke konsequent gestutzt. Das Eichhörnchen hüpfte 2008 von einem Ast aufs Dach und von dort auf die Verbindung zum Transformator.

Welches ist die grösste Schwachstelle, die das System hat?
Definitiv Bauarbeiten. Sie erinnern sich vielleicht an 2014, als es in Leimbach dunkel wurde, weil einer mit einer ferngesteuerten Bohrmaschine von unten die Kabel angebohrt hatte. Die Bauunternehmen sind zwar verpflichtet, die Lage aller Leitungen zu kennen, trotzdem verursachen sie etwa die Hälfte aller Stromausfälle.

Was ist, wenn das EWZ selbst schuld ist an einem Stromausfall? Ist es dann für Schäden haftbar?
Wenn wir einen Stromausfall selbst schuldhaft verursacht haben, haften wir für Sachschäden, nicht aber für Betriebsausfall, entgangenen Gewinn und Ähnliches. Das alles ist im Reglement über den Betrieb des Verteilnetzes festgehalten, das der Zürcher Gemeinderat beschlossen hat. Wenn Ihr Computer Schaden nimmt, weil plötzlich kein Strom mehr kommt, ist das ein Fall für die Produkthaftpflicht.

Erstellt: 10.12.2015, 17:57 Uhr

Harry Graf, Leiter der Unternehmenskommunikation beim Zürcher Elektrizitätswerk (EWZ).

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