Geblendete Piloten

Die Zahl der Piloten, die in der Schweiz mit Lasern geblendet werden, nimmt markant zu. Was die Täter für einen Jux halten, kann zum Absturz führen.

Laserattacken können verheerende Folgen haben, nicht nur für Direktbetroffene: Das Präventionsvideo der Polizei zeigt, dass Piloten und Rettungskräfte Opfer sind.


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Ein kleiner Lichtpunkt sorgte am vergangenen Wochenende bei den Zürcher Ordnungshütern für Aufregung – er war es sogar wert, in einer Mitteilung an die Medien erwähnt zu werden. Fussballfans hantierten im Freudentaumel mit einem ungeladenen Sturmgewehr, unter anderem deshalb rückten die Ordnungshüter aus. Vom kleinen Lichtpunkt ging konkret aber viel die grössere Gefahr aus: Ein Unbekannter hatte mit einem Laserpointer die Zürcher Stadtpolizisten im Einsatz geblendet. Trifft das starke Licht die Augen eines Menschen, lenkt es ihn im besten Fall ab. Es kann aber akute Sehstörungen, eine temporäre Blindheit bis hin zu dauerhaften Schädigungen der Augen zur Folge haben. Mit Glück ging es für die Ordnungshüter glimpflich aus, sie blieben unverletzt.

Seit drei Jahren registriert die Polizei eine markant steigende Anzahl von Lasern geblendeter Menschen. Am stärksten betroffen sind einerseits Tram- und Buschauffeure: 2013 waren es noch 14 Vorfälle, im vergangenen Jahr bereits 38. Die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) haben deshalb eine Kampagne lanciert. Alarmierend ist aber auch die steigende Anzahl betroffener Piloten.

Viele Vorfälle in Bodennähe

Laut Carmen Surber, Sprecherin der Kantonspolizei Zürich, wurden im Jahr 2014 der Polizei rund 20 Vorfälle gemeldet. Bis heute sind es im laufenden Jahr bereits 30. Zusätzliche vier Meldungen gingen bei der Stadtpolizei Zürich ein, wie deren Sprecher Marco Cortesi sagt. Er geht zudem von einer beachtlichen Dunkelziffer aus. «Viele glauben, damit höchstens ein Kavaliersdelikt zu begehen», sagt Cortesi. Eltern wüssten oft nicht, welche gefährlichen Gegenstände ihr Nachwuchs damit in den Händen halte.

Laut einer Informationsbroschüre des Bundesamtes für Zivilluftfahrt vermag ein Pilot, der von rund 350 Metern mit einem Laser geblendet wird, eine vor ihm liegende Piste praktisch nicht mehr zu erkennen. Er befindet sich also im Blindflug. Sie melden Vorfälle, auch jene ohne Folgen, den Mitarbeitern der Flugsicherung Skyguide, die wiederum sofort die Polizei alarmieren. Diese rückt aus, um die Täter dingfest zu machen. Meist aber ergebnislos, weil sich diese längst vom Acker gemacht haben. Skyguide-Sprecher Vladi Barrosa bestätigt die Zunahme: «Praktisch wöchentlich melden uns Piloten Attacken mit Laserpointern.» Gabriela Plüss vom Lotsenverband Aerocontrol arbeitet als Flugverkehrsleiterin und steht mit den Maschinen in der Luft in Kontakt. Sie nimmt auch Meldungen der anfliegenden Piloten entgegen, die den Tätern ausgeliefert sind. «Wir versuchen herauszufinden, wo sich die Täter befinden. Oft blenden sie die Piloten im Endanflug. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was dies zur Folge haben könnte.»

Positionslichter aus

Häufig sind Mitarbeiter der in Zürich beheimateten Fluggesellschaft Swiss betroffen. Laut Swiss-Sprecher Stefan Vasic wurden 2015 bis im September 17 Vorfälle in Zürich und 14 in Genf registriert. Die Airline hat in diesem Zusammenhang innerhalb ihres Pilotenkorps Sensibilisierungskampagnen durchgeführt. Zudem wurden die wichtigsten Informationen sowie Ratschläge zum Umgang bei Vorfällen in die Handbücher der Piloten aufgenommen.

«Für Piloten ist es zentral, sich im Moment einer Attacke zu schützen. Dafür sollen sie in erster Linie versuchen, wegzuschauen und sich auf die Instrumente zu konzentrieren», sagt Vasic. Das beherzigen auch die Piloten der Schweizer Luftwaffe. Sie greifen zuweilen aber auch zu einem anderen Mittel. Laut Sprecher David Marquis schalten sie ihre Positionslichter aus. Sie sind dann zwar für die Täter weniger sichtbar, aber auch für die anderen Luftverkehrsteilnehmer.

Luftretter sind Opfer

Auch die Piloten der Rettungsflugwacht Rega sind Opfer von Laserattacken. Das ist besonders heikel, weil sie in der Regel im Sichtflug unterwegs sind. «Vor allem unsere Helikopter-Crews verzeichnen jedes Jahr mehrere solche Vorfälle», sagt Sprecherin Ariane Lendenmann. Die Tendenz ist über die letzten Jahre leicht steigend: 2013 kam es zu zehn Laserblendungen, 2014 waren es 15 und im laufenden Jahr bereits 11.

Werden Piloten geblendet, erfährt dies nicht nur die Polizei, sondern auch das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) – schliesslich gefährdet es die Flugsicherheit. Vor allem im An- und Abflug, wenn die volle Aufmerksamkeit der Piloten gefordert ist, können Blendungen durch Laserpointer fatale Auswirkungen haben. «Wenn ein Pilot als Folge einer Blendung auch nur vorübergehend die Kontrolle über das Flugzeug verliert, kann es im schlimmsten Fall zu einem Absturz kommen», sagt Bazl-Sprecher Urs Holderegger.

Erstellt: 13.10.2015, 12:27 Uhr

Die Laserpointer-Attacken, die bei der Stadtpolizei Zürich gemeldet wurden. (Bild: Stadtpolizei Zürich)

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