Wie Zollikon seine Flüchtlinge abschottet

Die jugendlichen Migranten dürfen die Dachterrasse des Asylzentrums nicht betreten – und in der Schule sind sie auch nicht willkommen.

Die Dachterrasse ist tabu: Das ehemalige Altersheim an der Zolliker Seestrasse beherbergt junge Flüchtlinge. Foto: Doris Fanconi

Die Dachterrasse ist tabu: Das ehemalige Altersheim an der Zolliker Seestrasse beherbergt junge Flüchtlinge. Foto: Doris Fanconi

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Im Frühling nahm Christoph Mörgeli das Asylzentrum in Zollikon ins Visier. Er schrieb in der «Weltwoche» einen ­Artikel und betitelte das Haus polemisch als «Asylhotel au Lac». Mit seinem Text lag der abgewählte SVP-Nationalrat aber gleich doppelt falsch: Er suggerierte, dass die Bewohner eines ehemaligen ­Alterspflegezentrums in Zollikon durch Asylbewerber verdrängt würden. Dabei stand der Umzug der Seniorinnen und Senioren schon fest, als die temporäre Einrichtung des Asylzentrums noch nicht einmal angedacht war. Weiter ­monierte Mörgeli, dass es vermessen sei, Asylsuchende mit einer derart «exklusiven Seesicht» zu beglücken. Weitere Eritreer und Afghanen würden sich sofort auf den Weg machen, wenn sie von ihren Verwandten Handyfotos vom «Zolliker Strandleben» bekämen. Bebildert wird der Artikel mit der Dach­terrasse, die sich über einen Teil der Liegenschaft erstreckt.

Auch in diesem Punkt irrte Mörgeli. Die jugendlichen Asylbewerber, die seit knapp drei Wochen so scheinbar fürstlich in Zollikon residieren, dürfen diese schöne Dachterrasse nicht benutzen. Der Zugang ist ihnen verwehrt. Die Asylorganisation Zürich (AOZ) begründet die Sperre mit dem darunterliegenden Stockwerk, das zurzeit noch nicht bewohnt sei. Die offizielle Begründung: Sobald alle Jugendlichen eingezogen seien, werde der Zugang «zu klar definierten Zeiten» geöffnet. Betriebsintern kursiert jedoch eine andere Variante: Nachbarn der Asylunterkunft hätten ein solches Dachterrassen-Verbot gewünscht. Das berichtet dem TA ein Insider, der anonym bleiben will. Mehrere AOZ-Mitarbeiter hätten sich zuletzt über diese «absurde Situation» beschwert.

Gemeinde verweigert Unterricht

Um an die frische Luft zu gelangen, begeben sich die Jugendlichen nun zumeist ans nahegelegene Seeufer. So wie der 15-jährige Hamid, der gerade aus dem Wasser steigt. Einer seiner Kollegen versucht, sich mit einer Kombination aus Hundeschwumm und PET-Flaschen, die er am Körper befestigt, über Wasser zu halten – ganz zur Belustigung seiner Kollegen. Viele von ihnen sind ebenfalls Nichtschwimmer. Sie sitzen auf den Bänken des schmalen Uferstreifens und tippen auf ihren Handys herum. Hamid ist zufrieden, er streckt den Daumen hoch, sagt: «Unterkunft gut, Schule gut.»

Mit «Schule» meint er den Sprachunterricht, in dem er sich innert kurzer Zeit spärliche Deutschkenntnisse aneignen konnte. Die Schulpflicht ist für sogenannte unbegleitete Minderjährige – wie Hamid einer ist – gesetzlich geregelt. In der Bundesverfassung ist verankert, dass alle Jugendlichen bis zum 16. Altersjahr Anspruch auf unentgeltlichen Grundschulunterricht haben – unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus.

Die Flüchtlinge werden in sogenannte Aufnahmeklassen eingeteilt, die in der Regel der örtlichen Schulgemeinde unterstehen. Falls möglich, findet der Unterricht auch in den Räumlichkeiten der Volksschule statt. Die Jugendlichen können sich auf dem Pausenhof mit Einheimischen austauschen und erhalten die Möglichkeit, die Asylunterkunft für mehrere Stunden am Tag zu verlassen. Ist der Schulraum jedoch knapp – wie etwa in der Wiesendangen –, stellt die Gemeinde Lehrerinnen und Lehrer zur Verfügung, die die Jugendlichen in der Asylunterkunft unterrichten.

Die Goldküstengemeinde Zollikon macht da aber nicht mit. Die Jugend­lichen sind weder im Schulhaus integriert, noch werden sie durch örtliche Lehrkräfte unterrichtet. Nach Gesprächen mit dem kantonalen Sozialamt erreichte die Gemeinde, dass sie keine schulische Verantwortung tragen muss – lediglich die Schulpfleger sollen gelegentlich in der Unterkunft vorbeischauen. Stattdessen werden die Jugendlichen nun durch qualifizierte Lehrkräfte unterrichtet, die von der Asyl­organisation engagiert werden.

Die Zolliker Gemeindepräsidentin Katharina Kull-Benz (FDP) rechtfertigt den Entscheid: «Die Migranten sind nur vorübergehend in der Gemeinde. Da hätte sich der Aufwand nicht gelohnt, um entsprechende Strukturen zu schaffen.» Die Asylunterkunft ist für zwei Jahre geplant. Danach will die Gemeinde das Grundstück endgültig loswerden. Letztes Jahr war ein Verkauf für mindestens 10 Millionen Franken wegen eines Rekurses gescheitert.

Die Begründung mit dem zu grossen Aufwand erscheint fragwürdig: Zollikon hat bereits Erfahrungen im Unterrichten minderjähriger Flüchtlinge gesammelt. Anfang 2016 wurde in der Sekundarschule eine Auffangklasse für die ­Jugendlichen des Zolliker Durchgangszentrums geschaffen. Die Erfahrungen seien positiv gewesen, sagt Kull-Benz. Das Experiment ist aber inzwischen beendet, weil das Durchgangszentrum geschlossen wurde. Damals habe man nur eine Handvoll Jugendliche unterrichten müssen. Für die rund 120 Jugendlichen des aktuellen Zentrums seien die Platzkapazitäten nicht vorhanden.

Schule wirkt fast therapeutisch

Die bekannte Schulpsychologin Catherine Paterson betont die Wichtigkeit der Schule für die jugendlichen Flüchtlinge: «Sie stellt für sie eine Stabilität und Normalität dar, die schon fast therapeutisch sein kann.» Der Schulalltag helfe den Flüchtlingen, ihre ungewöhnliche und belastende Lebenssituation auszuhalten und zu bewältigen, sagt sie. Oft seien diese traumatisiert durch Kriegserlebnisse. Die Schule gibt ihnen eine Struktur und bietet die Möglichkeit zum Austausch mit Einheimischen – sofern die Jugendlichen ausserhalb der Asylunterkunft unterrichtet werden.

Die Flüchtlinge von Zollikon verbringen derzeit noch die meiste Zeit im Flüchtlingsheim ganz unten im Dorf – mehr oder weniger abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Ein Teil der Bevölkerung scheint genau dies zu schätzen: «Ich hatte keine Freude, als das Asylheim angekündigt wurde», sagt ein Anwohner. Jetzt sei er positiv überrascht. Für ihn habe sich überhaupt nichts verändert –ausser, dass er nun zu jeder Tageszeit seine Wohnungstür abschliesse: «Man weiss ja nie», sagt der Rentner. Ein älteres Zolliker Ehepaar, das beim Ufer vor dem Asylzentrum badet, hätte gerne mehr Kontakt zu den Flüchtlingen. Es zeigt sich interessiert am Schicksal der Jugendlichen und bedauert, dass es zurzeit so gut wie keinen Austausch gebe.

Das Paar setzt seine Hoffnungen auf die Kirche Zollikon. Anders als die politische Gemeinde hat sich diese zum Ziel gesetzt, die jungen Flüchtlinge besser in die Bevölkerung zu integrieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2016, 23:47 Uhr

Unbegleitete Jugendliche

Zahl an Flüchtlingen steigt

Die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden ist zuletzt stark gestiegen. 2014 suchten 795 Minderjährige Schutz in der Schweiz, ein Jahr später waren es 2736 – ein Anstieg von über 300 Prozent. Fürs laufende Jahr liegen noch keine Zahlen vor. In Zürich werden die Jugendlichen an sechs Standorten untergebracht. Nebst Zollikon ist dies das Zentrum Lilienberg in Affoltern am Albis mit seinen vier Aussenstellen Höngg, Leutschenbach, Sonnenberg und Wiesendangen. Alle Jugendlichen werden sozialpädagogisch betreut, erhalten Unterricht sowie eine Rechtsvertretung. (mrs)

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