Gegen die Impfangst an Spitälern

Nur jede sechste Pflegefachperson lässt sich gegen Grippe impfen. Eine flächendeckende Kampagne im Kanton Zürich sollen das jetzt ändern.

Im Welschland müssen ungeimpfte Pflegende eine Maske tragen – in Zürich nicht. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Im Welschland müssen ungeimpfte Pflegende eine Maske tragen – in Zürich nicht. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

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Es ist nicht bloss Nachlässigkeit, die Pflegefachleute vom Grippeimpfen abhält. Die Widerstände gegen das Impfen sind beim Pflegepersonal traditionell gross. Teilweise ist es eine fast schon renitente Haltung. «Ich will das selber entscheiden.» – «Meine Integrität wird verletzt.» – «Ich mache sonst schon viel für den Betrieb.» – «Ich darf doch auch einmal krank sein.» Solche Antworten bekommt zu hören, wer sich bei Impfgegnerinnen nach deren Beweggründen erkundigt. Das Bundesamt für Gesundheit fordert für das Spitalpersonal eine Impfquote von 70 Prozent. In der Grippesaison 2015 lag die Quote weit darunter. Einzelne Spitäler wie Bülach oder Paracelsus erreichten beim Pflegepersonal nicht einmal 10 Prozent.

Rebecca Spirig, die Pflegedirektorin des Unispitals, sieht den Hauptgrund für die ablehnende Haltung im hohen Autonomieanspruch, den die Pflege habe. Und gegen diesen lasse sich grundsätzlich nichts einwenden, meint Spirig. Was aber nicht heisst, dass sie das Thema auf sich bewenden liesse. Im Gegenteil: «Es treibt mich um.» Seit Jahren mache das Unispital immer zur Grippesaison eine Kampagne, bei der sich das Personal gratis impfen lassen kann. Dennoch ist die Impfquote nach wie vor tief: 15 Prozent bei der Pflege, rund 40 Prozent bei den Ärzten. Spirig will das nicht akzeptieren. «Die Sicherheit der Patientinnen und Patienten steht für mich an erster Stelle», sagt sie. Zudem schützt die Impfung auch die Pflegenden selber vor der Grippe und verhindert, dass auf einer Abteilung reihenweise Mitarbeiterinnen ausfallen und die verbleibenden Kolleginnen dies ausbaden müssen.

Niemand kommt daran vorbei

Was also tun? Zusammen mit ihrer Kollegin Yvonne Huber vom Kinderspital wandte sich Spirig ans Careum, das Bildungszentrum für Gesundheitsberufe in Zürich. Mit Aufklärung und Information sollte sich die Situation doch verbessern lassen, sind die beiden Pflegedirektorinnen überzeugt. Und am besten wäre es, bei den Lernenden und Studierenden anzusetzen. Bei Careum-Direktor Christian Schär stiessen sie auf offene Ohren; er liess sich vom Thema anstecken. Und da Schär gleichzeitig Präsident des Verbandes Zürcher Krankenhäuser (VZK) ist, schlug er eine Aktion vor, die sich nicht auf die Gesundheitsschulen Careum und ZAG Winterthur beschränkt, sondern alle Spitäler abdeckt.

Das war im Frühling. Heute, ein halbes Jahr später, ist eine grosse Impfkampagne startbereit. 38'000 Flyer und Hunderte von Plakaten sind gedruckt und werden demnächst ausgeliefert an die Spitäler und einige Pflegeheime, die dem VZK angeschlossen sind. Diese hängen die Plakate auf, verteilen die Flyer oder verschicken sie mit den Lohnabrechnungen Ende Oktober. Sämtliche Spitalleitungen stehen hinter der Kampagne, und auch Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP) unterstützt sie. Auf dem Flyer appelliert er an die «hohe Verantwortung» der Gesundheitsfachpersonen: «Wir vertrauen Ihnen als Patientinnen und Patienten unsere Gesundheit an.» Heiniger ist die Erhöhung der Impfquote ein wichtiges Anliegen. Unabhängig von der aktuellen Kampagne hat er die Spitäler aufgefordert, ein Impfkonzept zu erstellen.

Eine Umfrage der «SonntagsZeitung» im vergangenen Winter hat ergeben, dass sich in den Deutschschweizer Spitälern nur 16 Prozent des Pflegepersonals impfen lassen, in den Westschweizer hingegen 32 Prozent. Im Welschland setzen die Spitäler mehr Druck auf: Eine Mehrheit von ihnen verpflichtet die ungeimpften Angestellten, in der Grippesaison eine Schutzmaske zu tragen.

Davon will man im Kanton Zürich vorläufig absehen. «Wir möchten es mit Fakten und dem Appell an die Vernunft probieren», sagt Spitalverbandspräsident Christian Schär. «Alle Führungspersonen sollten mit gutem Vorbild vorangehen und ihre Leute motivieren.»

Dass dies etwas bringt, zeigt das Beispiel des Kinderspitals. Das Kispi hat schon vor zwei Jahren seine Anstrengungen verstärkt und konnte in der Folge die Impfquote beim Pflegepersonal von 16 auf 30 Prozent steigern. Das ist die höchste Quote aller Zürcher Spitäler. Auch bei den Ärzten schwingt das Kinderspital mit 75 Prozent obenaus; der Schnitt liegt hier landesweit bei rund 50 Prozent. Christoph Berger, Leiter der Spitalhygiene, argumentiert mit dem Wohl der Kinder: «Wir haben bei uns viele Kinder, die gefährdet sind.» Das ­Kispi konnte nachweisen, dass Patienten im Spital mit dem Grippevirus angesteckt wurden. «Das sollte doch nicht passieren!», findet Berger. «Wir tun sonst alles, um unsere Patienten gesund zu machen. Deshalb müssen wir uns vor Grippe schützen.» Das Kispi empfiehlt auch den Eltern die Impfung. «So kann niemand die Schuld auf andere abschieben», sagt Berger. Häufig argumentieren die impfunwilligen Angestellten nämlich, dass nicht sie, sondern die Besucherinnen und Besucher die Patienten anstecken würden.

Berger will seine Bemühungen im ­Kispi fortsetzen. Sein Ziel ist eine Quote über 50 Prozent. Erst wenn mehr als die Hälfte der Angestellten geimpft sei, könnten die Grippeviren weniger gut zirkulieren, sagt der Infektiologe.

Erstellt: 08.10.2015, 23:18 Uhr

Schutzartikel im Arbeitsgesetz

Ein Impfzwang ist in gewissen Fällen zulässig

Darf jemand zu einer Impfung gezwungen werden? Die Frage stellt sich angesichts der tiefen Impfquote beim Gesundheitspersonal. Die Antwort lautet: grundsätzlich nein. Die Bundesverfassung garantiert in den Grundrechten die körperliche und geistige Unversehrtheit. Impfen ist ein Eingriff in die körperliche Integrität, und dafür braucht es die Einwilligung der Betroffenen.

Die Rechtsprechung erlaubt aber Ausnahmen, wenn ein überwiegendes ­öffentliches Interesse besteht oder die Grundrechte von Dritten geschützt werden müssen. So hat das Bundesgericht ein Impfobligatorium für Diphtherie und Pocken bei Kindern im Kanton Waadt bestätigt. Es beurteilte die Zwangsimpfung als leichten Eingriff in die körperliche Integrität, die in diesem Fall zulässig sei.

Interessant ist auch ein Fall, den das St. Galler Verwaltungsgericht beurteilen musste. Eine Spitalangestellte hatte sich geweigert, präventiv eine Hepatitis-B-Impfung zu machen, wie dies in einer Weisung für das kantonale Gesundheitspersonal postuliert wird. Das Gericht befand den Impfzwang als zulässig, ebenso die Auflösung des Arbeitsverhältnisses im Unterlassungsfall.

Hepatitis B, Diphtherie und Pocken gehören in die Kategorie der sogenannten Schutzimpfungen, die alle Spitäler ihren Angestellten wenn nicht vorschreiben, so doch dringend empfehlen. Weitere solche Impfungen sind Keuchhusten, Röteln, Masern, Mumps, Kinderlähmung und Tetanus. Das Bundesamt für Gesundheit listet in seinen «Impfempfehlungen für Beschäftigte im Gesundheitswesen» zudem auch die Grippe auf. Es betont auf seiner Website aber gleichzeitig, dass die Grippeimpfung «für alle Menschen freiwillig» sei. «Dies gilt auch für alle im Gesundheitswesen und in der Betreuung tätigen Personen.» Die Grippe unterscheidet sich von den andern Krankheiten: Gefährdung und Impfmöglichkeit bestehen nur saisonal. Eine Zwangsimpfung gegen Grippe steht deshalb nirgends zur Diskussion.

Im Unispital Zürich werden Angestellte mit Patientenkontakt beim Eintrittsgespräch auf die erforderlichen Impfungen hingewiesen. Weigert sich jemand, zu impfen, macht die Personal-ärztin auf die besonderen Risiken aufmerksam und bespricht die hygienischen und organisatorischen Konsequenzen. Einen Impfzwang kennt das Unispital nicht. Ein solcher wäre zwar «in manchen Situationen organisatorisch erheblich einfacher», schreibt das Spital, «ist aber aktuell rechtlich nicht möglich».

Problem schon in den Schulen

Mit Impfgegnern sind nicht nur die Spitäler, sondern bereits die Schulen für Gesundheitsberufe konfrontiert. An der ZHAW, der Fachhochschule in Winterthur, verweigert im Schnitt pro Jahr je eine junge Frau in den Studiengängen Physiotherapie und Hebamme die Schutzimpfungen. Laut Mediensprecher José Santos dürfen sie trotzdem studieren und «ungeimpft im Hörsaal sitzen». Die ZHAW könne ihnen jedoch den Abschluss nicht garantieren, da die meisten Praktikumsbetriebe nur Studierende mit Schutzimpfungen akzeptierten.

Weniger grosszügig ist das Careum in Zürich. An der höheren Fachschule studieren 400 junge Menschen Pflege. Im Frühling hat, erstmals nach zehn Jahren, eine Studierende die Schutzimpfungen abgelehnt. Careum-Direktor Christian Schär nahm den Fall zum Anlass, sich eingehend mit der Impfthematik zu befassen. «Je mehr ich mich darin vertiefte, desto kämpferischer wurde ich», sagt er. Er hält es für unverantwortlich, Patienten der Gefahr einer Ansteckung auszusetzen, und wollte die Studierende zum Impfen zwingen. Doch diese wehrte sich und gelangte ans Mittelschul- und Berufsbildungsamt (MBA), das ihr recht gab. Darauf suchte Schär mit dem MBA und der Gesundheitsdirektion einen Ausweg. Heute gilt: Die Schule darf die Schutzimpfung verlangen, wenn sie das klar deklariert.

Das Careum liess ein Rechtsgutachten erstellen und passte in der Folge das Schulreglement an. Die Impfvorschrift stützt sich auf das Arbeitsgesetz, das den Arbeitgeber verpflichtet, alle nötigen Massnahmen zum Schutz des Personals zu treffen. Schär betont: «Die Spitäler und Pflegezentren haben mit dem Arbeitsgesetz eine klare rechtliche Handhabe.» Auf den aktuellen Fall ist das neue Reglement nicht mehr anwendbar. Doch in Zukunft wird es am Careum keine ungeimpften Studierenden mehr geben, daran lässt Schär keinen Zweifel: «Sollte es jemand darauf anlegen, beschreiten wir den Rechtsweg.»

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