Geheimnisvoller Zeuge gegen Winterthurer Jihadisten

Von einem Insider verspricht sich der Bundesanwalt Beweise gegen mutmassliche IS-Helfer aus Winterthur.

Im Zentrum der Ermittlungen: Die An'Nur-Moschee in Winterthur (mittleres Gebäude). Foto: Urs Jaudas

Im Zentrum der Ermittlungen: Die An'Nur-Moschee in Winterthur (mittleres Gebäude). Foto: Urs Jaudas

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Die Ermittlungen gegen ein mutmassliches Unterstützernetzwerk der Terrororganisation Islamischer Staat sind ins Stocken geraten. Dabei geht es um den wohl wichtigsten von über 70 aktuellen Schweizer Jihadfällen: Männer aus Winterthur und Umgebung werden verdächtigt, Jugendliche und männliche Erwachsene für den IS rekrutiert zu haben. Doch im viel beachteten Strafverfahren hat es zuletzt «Schwierigkeiten bei der Beweiserhebung» gegeben. So schreibt es das Bundesstrafgericht in einem noch unpublizierten Entscheid von vergangener Woche.

Zwar habe es im besagten Fall von Anfang an «sehr konkrete Verdachtsgründe» gegeben, so die Richter. Und der Verdacht habe sich bislang nicht verflüchtigt. Gegen den 30-jährigen Winterthurer S., der in Medien als «Islamisten-Leitwolf» dargestellt wurde, und dessen Umfeld wird weiterhin intensiv ermittelt. Doch seit über vier Monaten hat die Bundesanwaltschaft laut dem Bundesstrafgericht keine neuen belastenden Elemente mehr präsentiert.

Wichtiger Informant im Ausland

Das könnte sich nun ändern. Hohe Erwartungen setzen die Terrorfahnder in einen Zeugen, dessen Identität sie noch geheim halten. Diese Person aus dem Ausland scheint profunde Kenntnisse über die Winterthurer IS-Helfer zu besitzen. Dazu soll der Geheimzeuge jetzt über die internationale Rechtshilfe befragt werden. Er hat gegenüber ausländischen Behörden bereits Aussagen gemacht. In welchem Land dies geschehen ist, legen die Ermittler nicht offen. Ein Befragungsprotokoll wurde von dort nach Bern übermittelt, wo es unter Verschluss gehalten wird. Die Bundesanwaltschaft hat bislang nicht viel mehr preisgegeben, als dass der Zeuge darin auch S. aus Winterthur schwer belaste, der seit einem Dreivierteljahr in Untersuchungshaft sitzt.

Die grosse Frage ist, welche Rolle S. im Winterthurer Teil eines mutmasslich grenzüberschreitenden Jihadistennetzwerks spielte. Ist er der «Islamisten-Leitwolf», als den ihn auch Kenner der schweizerischen Jihadistenszene sehen? Oder ist er ein zwar umtriebiger Konvertit, der aber naiv und letztlich harmlos agiert? So beschreibt ihn sein nächstes Umfeld auf TA-Anfrage.

Eines steht fest: S. ist heute noch beseelt davon, andere Menschen zum ultrakonservativen Islam zu bekehren –selbst Mitgefangene im Regionalgefängnis Burgdorf. Das allein ist nicht strafbar. Ebenso wenig ist es die umstrittene Koran-Verteilungsaktion «Lies!», bei der S. offenbar eine Führungsfunktion ausgeübt hat. In einem Chat hat S. selber preisgegeben, er sei bei «Lies!» «Emir» für die Schweiz gewesen. Emir bedeutet so viel wie Befehlshaber oder Fürst.

Die Hauptvorwürfe der Bundesanwaltschaft wiegen schwerer: S. habe für eine Terrororganisation gekämpft und Weggefährten für den Jihad rekrutiert. Der Beschuldigte bestreitet dies. In Untersuchungshaft gab er aber zu, dass er eine Zeit lang mit dem IS sympathisiert habe. Laut der Bundesanwaltschaft blieb es nicht dabei. S. hat gemäss den Ermittlern auch die Winterthurer Trainingsgruppe MMA Sunna angeführt. MMA steht für Mixed Martial Arts, einen extremen Kampfsport, bei dem auch Gegner, die auf dem Boden liegen, geschlagen werden dürfen. Sunna bedeutet auf Arabisch «der rechte Weg des Propheten Mohammed». S. hat ausgesagt, er habe aufgrund einer Knieverletzung dort gar nicht trainieren können.

Der geheimnisvolle Zeuge scheint Insiderkenntnisse über MMA Sunna aus Winterthur zu besitzen. Die Mitglieder der Truppe, alles ledige Männer ohne Kinder, so sagte er aus, seien «vorbereitet worden für Syrien». Nun seien sie alle tot. «Sie starben durch Bomben in Syrien», wird der Zeuge im Entscheid des Bundesstrafgerichts zitiert.

Der Bekannteste aus der Gruppe war Thaibox-Weltmeister Valdet Gashi. Der inhaftierte S. hat gemäss Bundesstrafgericht zugegeben, dass er Gashi und sieben weitere Männer und Jugendliche «im Kampfsportverein MMA Sunna trainiert bzw. diese gekannt» habe. Alle acht sind nach Syrien gereist – darunter auch der minderjährige Alban*, der zusammen mit seiner jüngeren Schwester im Dezember 2014 aus Winterthur verschwand und ein Jahr später zurückkehrte. Die meisten anderen aus der Gruppe kamen in Syrien um, vermutlich auch Gashi. Für das Bundesstrafgericht besteht nun, nach acht Monaten Strafverfahren, «eine erhebliche Wahrscheinlichkeit», dass S. in deren Reisen in den Jihad involviert war – was der Beschuldigte bestreitet. In diesem umstrittensten Punkt des Verfahrens soll der neue Zeuge Klarheit schaffen. Aus untersuchungstaktischen Gründen schützt die Bundesanwaltschaft vorerst dessen Identität. Er soll möglichst unbeeinflusst befragt werden.

Einige Wochen in Syrien

Die Bundesanwaltschaft wirft S. aber nicht nur vor, er habe ab 2012 bis zu seiner Verhaftung im Februar 2016 «im Raum Winterthur mehrere Personen mit salafistisch-extremistischem Gedankengut indoktriniert sowie für den bewaffneten Jihad aufseiten des (. . .) IS oder einer verwandten Organisation im syrisch-irakischen Kriegsgebiet rekrutiert». Vielmehr sei S. auch selber zum IS nach Syrien gereist und habe «sich an Kampfhandlungen beteiligt».

S. bestreitet nicht, dass er im Jahr 2013 wenige Wochen in Syrien gewesen ist. Er räumte sogar ein, dass es sich dort in einem Camp aufhielt, dass er schwer bewaffnet war, Militärkleidung trug und Wache schob. Vieles davon ist durch beschlagnahmte Bilder dokumentiert. Auch Chats belasten S. Mit Bekannten unterhielt er sich über das «Training» in Syrien und den möglichen Märtyrertod.

S. beharrt auf seiner Version: Im IS-Gebiet sei er nie gewesen, sondern nur anderswo in Syrien. Der Zweck seiner Reise sei «einzig die Verteilung von Hilfsgütern» gewesen. Dafür gibt es aber laut Bundesstrafgericht nicht den geringsten Anhaltspunkt. Beweise, dass S. sich tatsächlich in der von der Terrororganisation beherrschten Zone befand, fehlen laut der Verteidigung aber ebenso. Die Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts findet jedoch, die Aussagen von S. seien von Schutzbehauptungen geprägt. Für die Richter sprechen die Fotos, auf denen S. im «IS-Kämpferstil» posiert, sowie andere Aufnahmen und Chats für einen «nach wie vor als dringend einzustufenden Tatverdacht für eine Unterstützung des IS».

S. werden belastende Dokumente zum Teil geschwärzt ausgehändigt. Ganz vorenthalten werden ihm vorerst jene 13 Seiten aus der Strafakte mit dem Protokoll der Einvernahme des Geheimzeugen. Dagegen hat sich der Verteidiger des Inhaftierten gewehrt – vergebens.

Laut führenden Strafrechtlern und auch gemäss Bundesgericht dürften zwar Untersuchungshäftlingen keine Akten vorenthalten werden, mit denen ihre Haft begründet wird. Das Bundesstrafgericht hält dies im Winterthurer IS-Fall aber für vorübergehend möglich. «Befremdet» zeigen sich die Richter hingegen davon, dass die Bundesanwaltschaft weitere Einvernahmeprotokolle zurückhält, darunter mehrere zu Befragungen des Beschuldigten.

Auch schreibt die Beschwerdekammer, dass es eigentlich neue belastende Elemente brauche, um die Untersuchungshaft zu verlängern. Trotzdem haben die Richter kürzlich eine Verlängerung bei S. um weitere drei Monate gutgeheissen. Für sie besteht weiterhin Verdunkelungsgefahr. Auch eine Flucht könne nicht ausgeschlossen werden, da S. über ein internationales Netzwerk verfüge. S. hat nun die Möglichkeit, seine Haftbeschwerde ans Bundesgericht weiterzuziehen.

Die Ermittler sind daran, über ein Terabyte Daten auszuwerten. S. hat mehrere Handys benutzt und viel gefilmt, auch in Syrien. Die Terrorfahnder sind bislang auf 546 Videodateien gestossen, die sie als interessant einstufen.

* Name von der Redaktion geändert

Erstellt: 10.10.2016, 20:39 Uhr

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