Liste zeigt: In diesen Gemeinden belastet Pestizid das Grundwasser

Welche Wasserfassungen im Kanton Zürich die höchsten Chlorothalonil-Messwerte aufweisen.

Der Dorfbrunnen in Kleinandelfingen gehört zu jenen Brunnen, die nicht mehr fliessen dürfen. Foto: Urs Jaudas

Der Dorfbrunnen in Kleinandelfingen gehört zu jenen Brunnen, die nicht mehr fliessen dürfen. Foto: Urs Jaudas

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Manuel Frei aus Trüllikon hat schwierige Tage hinter sich. Der Werkvorsteher der Weinländer Gemeinde stand vor der Entscheidung: Wie weiter mit der Wasserversorgung? Am letzten Freitag hatte das kantonale Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) der Gemeinde mitgeteilt, dass in einer ihrer Grundwasserfassungen die Grenz­werte bei den Rückständen des Pflanzenschutzmittels Chlorothalonil deutlich überschritten wurden. Und in einer zweiten war der Wert ebenfalls zu hoch.

Seither lief im Trülliker Gemeinderat die Suche nach Lösungen auf Hochtouren. «Das Naheliegendste war eine Still­legung», sagt Frei. Aber es gehe eben auch um die Versorgungssicherheit der Gemeinde. Ma­nuel Frei hat deshalb Kontakt mit benach­barten Wasserversorgungen aufgenommen. Und tatsächlich, am Dienstagnachmittag ist die beruhigende Antwort gekommen: Die Gruppenwasserversorgung Kohlfirst kann Trüllikon in der Not Wasser liefern, sodass die beanstandete Grundwasserfassung vom Netz genommen werden kann.

Schweiz entscheidet im Herbst über Verbot

Das Weinländer Dorf ist kein Einzelfall: Das Pestizid mit dem sperrigen Namen Chlorothalonil bringt derzeit viele Zürcher ­Gemeinden ins Rotieren. Aus­löser war ein beunruhigender Bericht zur Qualität des Grundwassers, den das Bundesamt für Umwelt vor drei Wochen veröffentlicht hat. Chemische Stoffe aus der Landwirtschaft, so der Bericht, würden das Wasser vor allem im Mittelland «verbreitet und nachhaltig» schädigen. ­Insbesondere die Abbaustoffe des Pflanzenschutzmittels Chlorothalonil stellten ein Problem dar: Diese überschreiten an zahlreichen Messstellen den gesetzlich festgelegten Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter.

Das Pestizid wird seit den 1970er-Jahren grossflächig gegen Pilzbefall auf Schweizer Äckern eingesetzt. Aus der Landwirtschaft findet es seinen Weg ins Grund- oder Quellwasser. Die EU setzte es im Frühling auf die ­Liste verbotener Pflanzenschutzmittel, da eine krebserregende Wirkung seiner Abbaustoffe nicht weiter ausgeschlossen werden könne. Auch die Schweiz prüft derzeit ein Verbot, ein Entscheid soll im Herbst fallen.

Das Weinland ist besonders betroffen

Im Kanton Zürich untersuchte das Awel im Mai 92 Grundwasserfassungen. Bei 49 Messstellen fand es Abbaustoffe von Chlo­ro­tha­lo­nil, wovon bei 29 der Grenzwert überschritten wurde – im Durchschnitt um den Faktor 3,4. An einer Messstelle gar um den Faktor 13. Wo genau diese Messstellen liegen, wollte der Kanton zuerst nicht verraten.

Doch jetzt zeigt eine Liste des Awel, die dem TA vorliegt, wo sich die Grundwasserfassungen mit den höchsten Pestizid-Werten befinden. Zu den besonders betroffenen Gemeinden gehören Waltalingen, Trüllikon, Seuzach, Neftenbach, Wiesendangen, Eglisau, Rümlang, ­Pfäffikon und Russikon. Awel-Sprecher Wolfgang Bollack bestätigt, dass die Liste am letzten Freitag den Inhabern der kontrollierten Fassungen zugestellt worden sei. Seither ringen die Gemeinden mit erhöhten Chlorothalonil-Messwerten im Wasser um Lösungen.

«Wie und ob sich das Wasser wieder regeneriert, ist offen.»Matthias Kehrli, Gemeindeschreiber von Hettlingen

Die Grundwasserfassung Stor­chen­acker in Waltalingen, Spitzenreiterin bei den Pestizid-Messwerten, sei nicht mehr im Trinkwasserkreislauf und werde nur noch von Bauern zur Bewässerung verwendet, sagt Andi Pfenninger, Gemeindeschreiber von Stammheim, zu dem Waltalingen gehört. Jetzt werde diskutiert, ob die Quelle sogar ganz vom Netz genommen werden soll. Bisher habe man vom Kanton aber noch keine entsprechenden Auflagen erhalten.

Die betroffene Quelle in Seuzach gehört der Gemeinde Hettlingen. Sie sei nicht mehr am Netz, erklärt Hettlingens Gemeindeschreiber Matthias Kehrli. «Wir pumpen kein Wasser mehr aus diesem Grundwassersee.» Als Ersatz bezieht die Gemeinde Trinkwasser aus Winterthur. Wie und ob sich das Wasser wieder regeneriert, sei offen.

Probleme mit derVersorgungssicherheit

In Wiesendangen ist eine Still­legung momentan kein Thema, da es sonst Probleme mit der Versorgungssicherheit gebe, wie Gemeindeschreiber Martin Schindler sagt. Zudem sind weitere Messungen im Leitungsnetz geplant. Schindler weist darauf hin, dass die erhöhten Chlo­ro­tha­lo­nil-Wer­te im Grundwasser, nicht aber im Trinkwassernetz gemessen worden seien. Der Trinkwasserkonsum in der Gemeinde sei weiter unbedenklich, da das Grundwasser mit Wasser aus externen Bezugsquellen ohne Grenzwertüberschreitung vermischt werde.

«Die Werte im Grundwasser
lassen keine Rückschlüsse
auf die Belastung des Trinkwassers zu.»
Wolfgang Bollack, Baudirektion

Auch Neftenbach hat wegen erhöhter Chlo­ro­tha­lo­nil-Grenz­wer­te ein Pumpwerk vom Netz nehmen müssen und kauft derzeit von der Stadt Winterthur Wasser ein. Für wie lange, ist unklar. Andelfingen hat wegen Pestiziden im Grundwasser meh­rere Dorfbrunnen abgedreht, und Pfäffikon hat ebenfalls ein Grundwasserpumpwerk vorläufig ausser Betrieb genommen.

Der Bauernverband ist wenig erstaunt

Dass viele Grundwasserfassungen in der Region des Zürcher Weinlands hohe Chlorothalonil-Messwerte aufweisen, ist für Ferdi Hodel, Geschäftsführer des Zürcher Bauernverbands, wenig erstaunlich. Das Fungizid komme vor allem beim Anbau von Getreide, Gemüse und Wein zum Einsatz, und das Weinland gelte als «die Getreidekammer des Kantons», wo daneben auch viel Gemüse und Trauben angebaut werden. Hodel: «Deshalb ist das Weinland von dieser Problematik stärker betroffen als etwa das Oberland, wo es mehr Futteranbau und Graslandnutzung gibt.»

Hodel wehrt sich explizit dagegen, dass die Zürcher Bauern wegen Chlorothalonil an den Pranger gestellt und zu Sündenböcken gemacht werden. Die Landwirtschaft habe «keine Fehler gemacht», sie habe sich auf die Zulassungsbehörden verlassen. Die Wissenschaft habe den Stoff noch bis in diesen Frühling als unbedenklich erklärt, sagt Hodel. Entsprechend hätten die zuständigen Stellen des Bundes den Wirkstoff zugelassen. Deshalb seien Schuldzuweisungen an die Landwirtschaft «völlig fehl am Platz». Bei vielen Zürcher Bauern hätten die Schuldzuweisungen grossen Unmut ausgelöst. Hodel betont, dass sich die Landwirtschaft bei der Chlo­ro­tha­lo­nil-Frage nie quergestellt habe und auch nicht gegen ein Verbot sei.

Der Kanton relativiert den Befund

Awel-Sprecher Wolfgang Bollack warnt vor Fehlinterpretationen und Alarmismus. Im Grund­wasser nachgewiesen worden sei Chlorothalonil-Sulfonsäure. Dies sei ein Abbaustoff des Pflanzenschutzmittels Chlorothalonil. «Der Wirkstoff selbst wurde nicht gefunden.» Und: «Der Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter ist der Grenzwert für Trinkwasser. Wir haben aber Grundwasser beprobt.» Die Werte im Grundwasser liessen keine Rückschlüsse auf die Belastung des Trinkwassers zu, da das Trinkwassernetz meist nicht nur aus einer, sondern aus mehreren Fassungen und/oder mit Zürichseewasser gespeist werde, das frei von Chlorothalonil-Sulfonsäure ist. Zudem seien die ­Messungen nur stichprobenweise an einer Auswahl der rund 1000 Grundwasserfassungen im Kanton erfolgt, weshalb sie kein vollständiges Bild über den ganzen Kanton und somit über die allenfalls tangierten Trinkwasserversorgungen ergäben.

Auch das Kantonale Labor der Gesundheitsdirektion, das für die Trinkwassersicherheit zuständig ist, betont: «Die Konsumentinnen und Konsumenten können davon ausgehen, dass der Genuss von Trinkwasser im Kanton Zürich unbedenklich ist und keine erhöhte Gefahr für die Gesundheit besteht.» Das Kantonale Labor untersucht momentan Trinkwasserproben auf Abbauprodukte von Chlorothalonil.

Erstellt: 03.09.2019, 22:03 Uhr

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