Genossenschaften sind auf dem Land beliebter

Eine repräsentative Umfrage zum Wohnungsbau stellt vermeintliche Gewissheiten auf den Kopf: Die höchste Zustimmung haben sie nicht in der Stadt Zürich, sondern im Rest des Kantons.

Gefragt, ob in der Schweiz mehr Genossenschaftswohnungen gebaut werden sollten, stimmten in der Stadt Zürich drei Viertel der Befragten zu: Familienheim-Genossenschaft Zürich im Friesenberg. Foto: Keystone

Gefragt, ob in der Schweiz mehr Genossenschaftswohnungen gebaut werden sollten, stimmten in der Stadt Zürich drei Viertel der Befragten zu: Familienheim-Genossenschaft Zürich im Friesenberg. Foto: Keystone

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Vom Stadt-Land-Graben wird in Zürich gerne diese Karikatur ­gezeichnet: auf der einen Seite die Genossenschaftssiedlungen links-urbaner Utopisten, auf der anderen die Einfamilienhäuser der Verfechter eines freien Wohnungsmarkts. Es ist ein Zerrbild, von dem man sich verabschieden muss, wie eine repräsentative Umfrage des Forschungsinstituts GFS Zürich zeigt.

Dieses hat im Auftrag des ­Regionalverbands der Zürcher Wohnbaugenossenschaften landesweit Personen gefragt, wie sie zu den Genossenschaften stehen. Verblüffendes Ergebnis: Die Unterschiede zwischen Stadt und Land sind gering, die Sympathie für gemeinnützige Bauträger ist durchs Band gross.

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Das gilt auch für den Kanton Zürich – entgegen den Trenn­linien, die die politischen Debatten prägen. So hat sich die Stadt Zürich 2011 dem Ziel verschrieben, den Anteil gemeinnütziger Wohnungen auf ein Drittel zu erhöhen, während der Kantonsrat 2015 eine Initiative zur ­Förderung des gemeinnützigen Wohnungsbaus ablehnte.

Gefragt, ob in der Schweiz mehr Genossenschaftswohnungen gebaut werden sollten, stimmten in der Stadt Zürich drei Viertel der Befragten zu. Weniger erwartbar war die Zustimmung im Rest des Kantons, die sogar noch eine Spur ausgeprägter ausfiel. Und das, obwohl diese Befragten zu fast 40 Prozent Wohneigentümer sind. Ganz anders als jene in der Stadt, die zu annähernd 90 Prozent in Miet- oder Genossenschaftswohnungen leben. Zum Rest des Kantons zählen nicht nur Befragte vom Land und aus der Agglomeration, sondern auch solche aus der Stadt Winterthur. Es sind aber nicht so viele, dass sie das Bild entscheidend verzerren könnten.

«Viel Potenzial für uns»

«Diese Ergebnisse sind ein gutes Zeichen», sagt Reto Klink vom Regionalverband der Wohnbaugenossenschaften. «Sie zeigen, dass für uns auch ausserhalb der Stadt Zürich viel Potenzial besteht.» Der Verband sei intensiv durch die Zürcher Gemeinden getourt, um dort die Vorzüge von Genossenschaften zu erklären. Mit Erfolg: In Horgen, lllnau-Effretikon und Dübendorf wurden konkrete Projekte angestossen.

Auf dem Land versucht Klink das Vorurteil zu entkräften, wonach gemeinnützige Wohnungen Menschen anziehen, die eine Gemeinde finanziell belasten. Eine Auswertung aus der Stadt Zürich zeigt, dass in den Genossenschaften zwar relativ wenig Grossverdiener leben, dass sie aber bei den tiefen Einkommen im Schnitt liegen.

Dennoch kommt auch in der GFS-Umfrage eine gewisse Skepsis zum Ausdruck. Der Bau von Genossenschaftswohnungen stösst zwar auf viel Zustimmung, wenn die Frage allgemein gestellt wird. Wenn es aber um Projekte in der eigenen Gemeinde geht, sinkt dieser Wert. Auffällig sind die Antworten aus der Stadt Zürich, wo nur knapp die Hälfte für einen Ausbau vor der Haustür ist. Ein Drittel äussert sich indifferent, was wohl Zufriedenheit mit dem Istzustand ausdrückt. In der Stadt fällt noch ein anderes Muster auf: eine Widerstandszelle. Der Anteil jener, die in Genossenschaften keinen Mehrwert für die Gesellschaft sehen, ist höher als im Rest des Kantons. Das gleiche Bild, wenn man nach staatlicher Förderung von Genossenschaften fragt.

Frustration in der Stadt?

Es gibt also eine Tendenz zur Polarisierung, wo der genossenschaftliche Wohnungsbau besonders forciert wird. Reto Klink hat eine Vermutung, was den Widerstand auslöst: «Wir treffen oft Leute, die in einer Genossenschaft leben möchten, aber wegen der grossen Nachfrage keine Wohnung bekommen.» Diese Spaltung der Mieter in zwei Lager, Privilegierte und Unzufriedene, ziehen bürgerliche Politiker in der Stadt oft heran, um ein Ende der linksgrünen Wohnbaupolitik zu fordern. Klink argumentiert umgekehrt: «Wenn es mehr gemeinnützige Wohnungen gibt, profitieren mehr – dafür setzen wir uns ein.»

Erstellt: 13.09.2019, 22:08 Uhr

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