Gesprengt und besungen

Die Ufenau inspiriert seit Jahrhunderten Dichter zu Versen und Geschichten. Das habe mit ihrem doppelten Reiz zu tun, sagt Conrad Ferdinand Meyer – «der lieblichen Stille und der grossen Erinnerung».

Poesie auf der Ufenau: Heinz Lüthi liest aus «Huttens letzte Tage». Video: Reto Oeschger, Lea Koch

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Urplötzlich war der Sturm da. Der Etzelsturm, ein Fallwind, der von Wollerau herabbraust, den See schäumen lässt und das kleine Schiff vor der Ufenau in Not bringt. Heinz Lüthi, Buchautor und einstiges Mitglied des Cabaret Rotstift, erzählt plastisch, wie er vor der Insel dem Sturm nur mit Mühe trotzte. Er kennt den See rund um die Ufenau bei Dauerregen und Wintersturm, bei tiefblauem Himmel und wenn die Bise die Taue seines vor Anker liegenden Schiffs ins Schwingen bringt und sein Kahn wie ein Geigenkasten zu singen beginnt. «Hier erlebt man die Natur und das Wetter hautnah.» Vielleicht inspiriere dieser im Grunde wenig spektakuläre Fleck Erde deshalb so viele Dichter. Er selbst hat die Inselballade «Valeria und Ferdi» geschrieben:

Die Insel war zu allen Zeiten ein Zufluchtsort. Wer sie einmal betreten hat, kommt wieder. Wer von ihr gepackt ist, den lässt sie nicht mehr los. Wer sie besitzen möchte, den besitzt sie längst.

Wirklich besessen hat diese Insel Unschlecht, der Held in Gerold Späths 1979 erschienenem Roman, in dem die Ufenau – genau besehen – erst entsteht. Denn der Inselherr Unschlecht rächt sich, indem er seine Insel sprengt:

«Der Donner rumste flach übers Wasser und knallte ans Ufer und raballerte die Rebhänge hinauf und rumpelte aus den Bergen zurück. (...) – so massiv ist es gar nicht gemeint gewesen, Heilandsack!»

Bei Späth wird die Insel gesprengt, bei Meinrad Inglin wird sie entzaubert. Die Ufenau ist in seiner Novelle «Die entzauberte Insel» Sinnbild für die unbeschwerte Zeit der Jugend:

Sie waren sechzehn Jahre alt, Lateinschüler, die manchen freien Nachmittag fischend und badend auf dieser einsamen Insel verbrachten, in einem heiteren Frieden, der sie vor allen Schulsorgen, vor Gewissensängsten, Weltanschauungsfragen und anderen Gespenstern bewahrte.

Dann brachte einer der Jugendlichen seine schöne Cousine mit auf die Insel.

Immer wieder wurde die Ufenau in Versen und Liedern besungen, zuletzt etwa in der musikalischen Dichtung «Ufenau – musikalische Impressionen» von Fabian Römer. Die Qualität der Texte ist unterschiedlich, und unter den Autoren ist der in seiner Zeit verhaftete Heimatdichter genauso vertreten wie Gottfried Keller. 1858 nimmt sich Keller jener Person an, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Fantasie vieler beflügelt: des Humanisten, Dichters und Spötters Ulrich von Hutten, der 1523 erst 35-jährig auf der Ufenau starb.

Hier unter diesem Rasengrün Wo wir in Jugend stehn, Da liegt ein Ritter frei und kühn, Wie keiner mehr zu sehn ...

Jahrhundertelang war Hutten, der sich mit spitzer Feder gegen den Papst und für eine Stärkung des deutschen Reiches eingesetzt hatte, vergessen. Im 19. Jahrhundert wurde er im Kampf für die Einheit der Deutschen Nation zum «deutschen Heiland» heraufstilisiert. Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898) sprach denn auch vom «doppelten Reiz», den dieses Eiland besitze: «liebliche Stille und grosse Erinnerungen». In seiner Dichtung «Huttens letzte Tage», die er 1872 veröffentlichte, verwebt er das Leben und Sterben Huttens mit den Jahreszeiten und der Natur auf der Insel.

(...) Durch meine Fensterluke späh ich vor / Der Wurf der Welle sprüht zu mir empor. Den schwarzen Riesenbaum am Inselhorn / Umlodert flammender Gewitterzorn. Auf rauschts im Schilf, wild fährt der Sturm einher / An tiefsten Lebenswurzeln rüttelt er. (...)

Der Stäfner Hans Hasler (1877–1954) weiss in seiner Schrift «Alti Bilder vom Zürisee» viel von solchen Stürmen zu erzählen. In schönstem Seebubendialekt. Dort begegnen wir auch Heinz Lüthis «Etzelsturm»:

En regelmässige Fallwind us der Schindellegilucke (...) gäge Bäch ist de Bächler. Wänn er ganz übere ziet und am Land e so gspässig im Wasser flotschet, so cha mer uf Wätterumschlag und Räge zelle.

Als Heinz Lüthi erstmals vom «Bächler» gepackt wurde, rief er die Seepolizei an: wollte wissen, weshalb sie keine Sturmwarnung herausgegeben habe, denn es habe richtig «wüescht gehudelt». Der Polizist erklärte, es sei zu dieser Zeit kein Sturm registriert worden. Doch rund um die Ufenau würden sich zuweilen seltsame Wetterphänomene abspielen – höre man sagen.

Erstellt: 11.12.2015, 09:25 Uhr

Der Inseldichter

Der aus fränkischem Rittergeschlecht stammende Ulrich von Hutten (1488–1523) war ein scharfzüngiger Kritiker von Papst und Kirche. In Pamphleten und Gedichten nahm er kein Blatt vor den Mund. Von den einen hochgejubelt, von den andern verfolgt, landete er schliesslich, an Syphilis erkrankt, mit Zwinglis Vermittlung auf der Insel Ufenau, wo ihn der heilkundige Pfarrer Hans Klarer, genannt «Schnegg», pflegte – allerdings ohne grossen Erfolg. Bereits einen Monat nach seiner Ankunft starb er – und wurde auf der Ufenau gleich mehrmals begraben. 1959 wurde ein «falscher Hutten» beigesetzt, neun Jahre später aber fand man ein Skelett, bei dem alles darauf hinwies, dass es sich tatsächlich um die sterblichen Überreste des bedeutenden Humanisten handelte.

Bildstrecke

Die Ufenau im Winterschlaf

Die Ufenau im Winterschlaf Drei Bilder von der verlassenen Insel im Zürichsee.

Artikel zum Thema

Wein zu Wasser

Serie Der Wümmet auf der Ufenau ging dieses Jahr in Windeseile vonstatten. Auch wenn Bruder Antons selbst gebauter Kran am Schluss den Geist aufgab. Das Kloster sagt «Ernte Dank» – trotz fehlender Rendite. Mehr...

Zwischen Ruhe und Rummel

Serie Hochsommer ist Hochsaison auf der Ufenau – und Hochzeitssaison. Wie verträgt sich das mit dem Konzept der «Insel der Stille» des Klosters Einsiedeln? Mehr...

Wallfahrer und Wunderheiler

Serie Die Ufenau wurde schon von den Römern als Kultort genutzt. Noch heute pilgern Gläubige auf die Insel, auch wenn der heilige Adalrich schon lange kein Wunder mehr vollbracht hat. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Paid Post

Mit CallDoc clever und flexibel versichert

Lassen Sie sich rund um die Uhr medizinisch beraten – und sparen Sie dabei! Profitieren Sie vom Prämienrabatt der Grundversicherung. Jetzt Offerte anfordern.

Kommentare

Blogs

Mamablog Wenn Kinder sich selbst im Weg stehen

Sweet Home Die neue Moderne

Willkommen in Ufnau, Texas

Die Ufenau ist nicht nur eine Insel im Zürichsee, sondern auch ein Weiler in den USA. Mehr...

Die Ufer der Ufenau

Serie Vor der Zürichseeinsel sind ungebetene Gäste in Form fremder Muscheln aufgetaucht. Mehr...

Himmelreich und Höllenschlund

Serie Auf der Insel Ufenau leben fast so viele Teufel wie Engel. Und auch ein paar törichte und kluge Jungfrauen. Mehr...