Gestresste Fische im Millionenbach

Im Aabach bei Uster geht den Fischen der Schnauf aus, weil das Wasser zu niedrig ist. Aber nicht wegen der Hitze.

Die Restwassermenge ist oft zu gering, für Fische kann das tödlich sein: Der Aabach bei der Steigstrasse in Uster.  Foto: Reto Oeschger

Die Restwassermenge ist oft zu gering, für Fische kann das tödlich sein: Der Aabach bei der Steigstrasse in Uster. Foto: Reto Oeschger

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Es war ein trauriger Anblick, der sich dem Sportfischer Dennis Roshard im Aabach unterhalb der Mühle Niederuster bot: «Schwärme von Alet und anderen Fischen versuchten hektisch, mit dem Rücken bereits aus dem Wasser ragend, in noch wasserführende Rinnen zu gelangen.» Ein Bild, wie es sich im vergangenen Hitzesommer an manchen Orten zeigte. Nur: Dies geschah an einem Sonntag Mitte März dieses Jahres. Ganz ohne Hitzewelle und Rekord-Trockenheit.

Dennis Roshard lebt seit über zwanzig Jahren in Uster, ist Mitglied des regionalen Sportfischervereins und im Besitz eines Patents. Er spricht von einem aussergewöhnlichen Ereignis. Einen solch niedrigen Wasserstand habe er im Aabach noch nie gesehen. Auch habe sich dieser in der dümmsten Zeit eingestellt: Im Frühling begeben sich manche Fischarten wie eben der Alet in flache Bachbereiche, um zu laichen.

Noch aussergewöhnlicher ist, dass es sich dabei nicht um ein Einzelereignis handelt. Dasselbe Bild bot sich Roshard am 2. Mai, einem Donnerstag, nachmittags um halb drei. Der Aabach führte praktisch kein Wasser mehr, es habe keine Rückzugs- oder Zufluchtsorte für Fische gegeben. Und am Samstag, 25. Mai, um zehn Uhr alarmierte eine Joggerin die örtliche Polizei. Sie meldete, dass bei der Kläranlage tote Fische im seichten Wasser liegen.

Sondereinsatz: Ustermer Polizist rettet einen Alet. Foto: Stapo Uster

Eine Patrouille rückte unverzüglich aus und fand, wie die Stapo Uster später berichtete, «diverse Fische» vor, die auf der Seite lagen – «jedoch noch zu leben schienen». Kurzerhand füllten die Polizisten Müllsäcke mit Wasser und siedelten die darbenden Tiere an tiefere Stellen um. Da sich noch weitere Fische in dieser misslichen Situation befanden, habe die Patrouille dann den zuständigen Fischereiaufseher kontaktiert.

Der Aabach fliesst vom Pfäffikersee durchs Robenhuserriet nach Uster und mündet dort in den Greifensee. Er ist im Volksmund als Millionenbach bekannt, weil sich entlang seines Laufes in der grossen Zeit der Textilindustrie zahlreiche Webereien und andere Betriebe ansiedelten, die mit kleinen Wasserkraftwerken Strom erzeugten. Noch heute ist ein Dutzend solcher Kleinkraftwerke in Betrieb. Die Konzentration von Wasserkraftanlagen gilt vonseiten der Denkmalpflege als einmalig –auch im nationalen Vergleich. Doch stresst sie die Fische.

Komplexe Situation

Zu tun hat das mit dem Schwall/Sunk-Betrieb, den die Kraftwerke anwenden. Vereinfacht funktioniert das folgendermassen: Wird viel Strom benötigt, lassen die Kraftwerke viel Wasser über die Turbinen in den Bach ab. Der Wasserstand im Aabach steigt schnell an. Das ist der Schwall. Ist die Nachfrage nach Strom gering, werden die Staubecken gefüllt, der Wasserstand sinkt schnell, manchmal so schnell, dass Fische und andere Lebewesen stranden. Das ist der Sunk. Dennis Roshard hat beispielsweise am 2. Mai einen Sunk von 70 bis 80 Zentimetern gemessen. Niedrigwasser tritt folglich vor allem nachts und an Wochenenden ein, wenn der Stromverbrauch sinkt. Aber nicht nur. Dazu kommt, dass die bei der Konzessionvergabe festgelegte Restwassermenge laut Kritikern zu gering bemessen wurde. «Lausig verhandelt», sagt der Lokalpolitiker und Präsident der Gesellschaft Natur- und Vogelschutz Uster, Paul Stopper. Er kritisiert scharf, dass die im letzten Jahr realisierte Renaturierung des Baches die leidige Situation nicht entschärft habe.

Die Restwassermenge wurde für den Aabach auf fünfzig Liter pro Sekunde festgelegt. Tatsächlich stellte das Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) bereits 2011 in einer Bestandesaufnahme zu einem Leitbild für den Aabach fest, dass die Restwassermengen ungenügend seien. Und die Baudirektion bestätigt, dass es im untersten Abschnitt des Aabaches zu «teilweise sehr tiefen Wasserständen» komme. Diese seien mit dem Schwall/Sunk-Regime zu erklären. Allerdings sei die Situation vor Ort extrem komplex, weil sich verschiedene Interessen überlagern würden, etwa die Anforderungen des Naturschutzes am Pfäffikersee und jene der Wasserkraftnutzung.

Dass die Energiegewinnung sich ungünstig auf die Gewässerökologie, insbesondere auf die Fischpopulation, auswirkt, streitet man bei der Baudirektion gar nicht ab. Das Awel habe deshalb im Juni 2016 verfügt, dass die Kraftwerkbetreiber am Aabach bis Ende 2020 das Schwall/Sunk-Regime aufgeben und ihre Anlagen so sanieren müssen, dass sie fischgängig werden. Auch gelten ab Januar 2021 bis zu neunmal höhere Restwassermengen. «Ab diesem Zeitpunkt wird sich die Situation am Aabach für die Fische erheblich verbessern», versprechen die Fachleute der Baudirektion. Doch weshalb geht das nicht schneller? Begründet wird das damit, dass den Kraftwerkbetreibern eine «zumutbare Übergangsfrist» gewährt werden musste, zumal die neuen Auflagen für viele von ihnen grosse Investitionen und bauliche Massnahmen bedeuteten.

Situation spitzt sich zu

Es bleibt also noch eine lange Durststrecke für Fische und andere Lebewesen im Aabach. Zudem kann sich die Situation bei grosser Hitze, wie sie im Moment herrscht, zuspitzen, warnt der Langnauer Gewässerspezialist Rolf Schatz. Denn seichtes Wasser erwärmt sich schnell und gibt dabei Sauerstoff ab. Den Fischen geht gewissermassen der Schnauf aus. Besonders heikel sei Niedrigwasser zudem unterhalb von Abwasserreinigungsanlagen, weil dann das gereinigte Abwasser zu wenig verdünnt werde.

Der Aabach Uster ist laut Baudirektion das mit Abstand am stärksten vom Schwall/Sunk-Betrieb betroffene Fliessgewässer im Kanton Zürich, aber nicht das einzige. In einem anderen Aabach, demjenigen in Horgen, gewinnt das Kleinkraftwerk Käpfnach nach diesem Prinzip Strom für rund 300 Haushalte. «Und stresst damit die Fische und andere Wasserlebewesen», wie Schatz sagt.

Weiter wird mittels Schwall/Sunk-Betrieb in der Jona und im Bolsterbach Strom produziert. Alle diese Kraftwerke wurden 2016 vom Awel zur Sanierung ihrer Anlagen aufgefordert.

Erstellt: 26.06.2019, 09:25 Uhr

Woher das «Aa-» in den Aabächen kommt

Allein in der Schweiz gibt es mindestens sieben Aabäche, im Kanton Zürich die beiden im Haupttext genannten in Uster und in Horgen. Dazu gibt es die Chli Aa am Obersee bei Lachen, die Grosse und die Kleine Aa fliessen in den Sempachersee, es gibt die Melchaa, auch in der Variante Gross und Klein, und die Rigiaa. Unzählige Aabäche ebenfalls in verschiedenen Ausführungen gibt es in Deutschland. In Litauen gibt es sogar eine Heilige Aa. Woher aber stammt dieses seltsame Doppel-Aa, das zudem in der Aare und damit im Aargau vorkommt? Aus dem Althochdeutschen Aha, wie verschiedenen etymologischen Wörterbüchern zu entnehmen ist. Aha bedeutete einst schlicht Fliessgewässer. Aha! (net)

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