Monster-Reform an Berufsschulen – 43'000 Lehrlinge betroffen

Die neuen Kompetenzzentren ändern vieles – im Zürcher Oberland brodelt es.

Damals war alles noch übersichtlicher: Lehrlinge an der Technischen Berufsschule Zürich im Frühling 2006. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

Damals war alles noch übersichtlicher: Lehrlinge an der Technischen Berufsschule Zürich im Frühling 2006. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

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Die Schulstadt Uster kommt nicht zur Ruhe. Erst musste sie Jahrzehnte um eine eigene Mittelschule kämpfen, dann um ein adäquates Schulgebäude. Und jetzt kommt ein neues Problem dazu. Das kantonale Mittelschul- und Berufsbildungsamt (MBA) will der Berufsfachschule Uster die KV-Lehrlinge wegnehmen und diese nach Wetzikon schicken. Sowohl für das Gewerbe als auch für die Verantwortlichen im Bildungszentrum Uster ist dies ein No-go.

Hintergrund des Streits ist ein Grossprojekt, bei dem der Bildungsrat alle 29 Zürcher Berufsschulen zu Kompetenzzentren machen will. Diese Reform wird zwar als nötig anerkannt, weil sich die Berufswelt immer schneller verändert. Doch bekanntlich steckt der Teufel im Detail – auch in diesem Fall. Insbesondere geht es darum, welche Schule welche Berufsausbildung abgeben muss und welche sie stattdessen bekommt.

Der Aatalgraben ist tiefer als gedacht

Die Berufsfachschule Uster soll ausgerechnet die prestigeträchtige Ausbildung der Kaufleute abgeben – bei den Jugendlichen immer noch die beliebteste Lehre. Immerhin ist Uster die drittgrösste Zürcher Stadt und Wetzikon nicht einmal Bezirkshauptort. MBA-Chef Niklaus Schatzmann fasst den Streit um die Oberländer KV-Stifte so zusammen: «Der Aatalgraben zwischen Uster und Wetzikon ist einiges tiefer, als wir gedacht haben.» Dennoch hält Schatzmann seinen Vorschlag für zukunftsgerichtet. Denn die Berufsfachschule Uster soll zu einem Kompetenzzentrum für technische Berufe der Automation, der Elektronik und der Robotik werden. Und sie soll neue Berufe aus diesen Bereichen aufnehmen.

Umgekehrt, so Schatzmann, wolle man in Wetzikon ein KV Zürcher Oberland aufbauen. Denn bei den Kaufleuten sei die Schülerzahl in den Landschulen tendenziell rückläufig, weil insbesondere grosse Lehrfirmen wie die Zürcher Kantonalbank ihre Lehrlinge nach Zürich oder Winterthur schicken wollen. So ist die Zahl der KV-Stifte in Wetzikon im Verlauf der Jahre auf unter 300 gesunken, was unter der kritischen Grösse für eine Berufsschule liegt.

Warnung vor Rückschritt

Sabine Wettstein (FDP), Schulkommissionspräsidentin der Berufsfachschule Uster, ist gegen den Vorschlag. Der Kanton habe erst vor wenigen Jahren eine Zusammenlegung des einst privaten KV Uster mit der gewerblichen Berufsschule Uster forciert, was vor vier Jahren zur Fusion der Schulen und zu den Bereichen Technik und Wirtschaft führte. «Wir können nicht nachvollziehen, weshalb wir die Bereiche jetzt wieder trennen sollen», sagt Wettstein, man habe in den letzten vier Jahren zudem gute Rückmeldungen von den Lehrfirmen erhalten. Auch Otto Schlosser, Rektor der Berufsfachschule Uster, wehrt sich. Es sei ein Rückschritt, aus der Berufsfachschule Uster wieder eine reine Technikerschule zu machen.

Von einem tiefen Aatalgraben will Sabine Wettstein nicht sprechen. Dass Uster und Wetzikon über den angeblichen Graben hinweg zur Zusammenarbeit bereit seien, zeige sich bei den Spitälern Uster und Wetzikon, die eine Fusion anstrebten. Laut Wettstein wäre dies auch bei den Berufsschulen möglich. Gespräche über eine intensivierte Zusammenarbeit zwischen den Schulen seien am Laufen. Allerdings, so Wettstein, müsse die Berufsschule in Wetzikon aufgewertet werden, indem sie wie Uster eine technische Abteilung bekomme und nicht indem sie zu einem grösseren KV werde.

Das Amt stellt eine Alternative zur Debatte, die alles mehr oder weniger beim Alten belassen würde.

Wie der Streit ausgeht, ist offen. Das MBA stellt eine Alternative zur Debatte, welche alles mehr oder weniger beim Alten belassen würde. Zudem sei man bereit, so Schatzmann, bessere Vorschläge aus dem Oberland zu prüfen.

Neben dem Seilziehen um die Zürcher Oberländer KV-Stifte geht es bei der Monster-Reform um sämtliche andere Berufsschulen. In 14 Teilprojekten schlägt das MBA vor, wie sie zu Kompetenzzentren werden sollen und wie die 43'000 Lehrtöchter und Lehrlinge neu auf die Berufsschulen verteilt werden sollen. Die Schliessung von Schulen ist nicht vorgesehen. Das mache keinen Sinn, weil die Zahl der Schüler in den nächsten zehn Jahren um 11'000 ansteigen werde. Allerdings soll es keine Ausbildungsstandorte mehr geben, die nur wenige Lehrlinge eines Berufes ausbilden. Pro Jahrgang sollen mindestens vier Parallelklassen gebildet werden. Das vereinfacht die Bildung von Klassen und erleichtert den Einsatz der Lehrpersonen.

Betreuerinnen für Horgen

Vom Projekt betroffen sind fast alle der 29 Zürcher Berufsschulen – einige besonders stark, wie das Bildungszentrum Zürichsee in Horgen. Es wird neuer Standort für Fachleute Betreuung. Laut Schatzmann ist dies der einzige Beruf, der einen zusätzlichen Ausbildungsstandort erhält. Grund: Jährlich wächst er im Kanton Zürich um rund 100 bis 150 Lernende. Ein Zuwachs, der auf die Dauer nicht von der einzigen Ausbildungsstätte im Kanton – von der Berufsfachschule Winterthur – getragen werden kann. Das Bildungszentrum Horgen startet mit 800 Lernenden. Um Raum für sie zu schaffen, muss Horgen drei Berufsausbildungen abgeben: die Elektroinstallateure, die Detailhandelsberufe und die Recyclistinnen. Die Berufsfachschule Winterthur erhält im Gegenzug 500 Lernende aus dem Detailhandel.

Stark betroffen sind auch die Bauberufe, die unter der Berufsbildungsschule Winterthur, der Baugewerblichen Schule Zürich und der Gewerblichen Berufsschule Wetzikon neu verteilt werden. In diesem Fall gibts noch ein Gezerre um die Schreiner und Zeichner Fachrichtung Architektur. Hier konnten sich die Schulen in Vorgesprächen nicht auf eine neue Verteilung einigen.

Einiges wird auch an der Berufsbildungsschule Winter­thur neu, wo derzeit 46 verschiedene Berufe angesiedelt sind – bei weitem am meisten. Da dies den Zielen eines Kompetenzzentrums widerspricht, muss die Schule viele Berufe an andere Standort abgeben – total wird sie etwa 350 Schülerinnen und Schüler verlieren, was rund 10 Prozent des heutigen Bestandes ausmacht.

Jobgarantie für Lehrkräfte

Von den Lehrpersonen werden viele ihre Arbeitsorte wechseln müssen. Zu Entlassungen soll es nicht kommen. Schatzmann: «Wir brauchen bei der wachsenden Bevölkerung jede Lehrerin und jeden Lehrer.» Der Kanton garantiert deshalb jeder Lehrperson einen Job und Besitzstandswahrung. Von den Lehrlingen müssen nicht viele ihren Schulort wechseln. Man werde dafür sorgen, dass möglichst viele ihre Lehre in der gewohnten Schule abschliessen können.

Nun wird der Vorschlag den Betroffenen zur Stellungnahme vorgelegt. Dann wird er überarbeitet, und Anfang 2020 entscheidet der Bildungsrat. Sollte in Wetzikon ein neues KV Zürcher Oberland entstehen, müsste noch der Kantonsrat seinen Segen geben, da es um die Gründung einer neuen Schule geht. Die heutige Wirtschaftsschule KV Wetzikon ist eine Schule mit privater Trägerschaft.

Die Reform kostet knapp 10 Millionen Franken, etwa für Umbauten und Workshops. Die Hälfte des Geldes ist fürs Personal gedacht. So soll es Wegentschädigungen geben für Lehrpersonen, die neu an zwei Schulen unterrichten müssen. Dazu kommen Reserven für Abfindungen und Frühpensionierungen.

Erstellt: 11.06.2019, 22:53 Uhr

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