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Gibeli uf, Gibeli ab, juhe

Das Giebeldach ist die heilige Kuh der Landgemeinden. Aber ist es auch nötig, wo die Agglo zur Stadt wird? Ja, findet ein grosser Architekt.

Die Giebel in Dietikon erinnern an alberne Partyhütchen. Bild: Reto Oeschger
Die Giebel in Dietikon erinnern an alberne Partyhütchen. Bild: Reto Oeschger

Es gibt in Zürcher Landgemeinden diese Obsession mit dem Giebeldach. Eine Vorliebe, die nicht mehr daher rührt, dass sich diese Form in unseren verregneten Breitengraden mal als die effektivste erwiesen hat. Flachdächer erledigen den Job heute genauso zuverlässig. Der alte Spruch, dass es nur solche gibt, die rinnen, und solche, die noch nicht rinnen, ist nur noch eines: ein alter Spruch.

Der Entscheid fürs Giebeldach ist nicht eine Frage der Funktion, sondern der Form. Es geht um Ästhetik. Auch die kantonalen Behörden argumentieren damit, wenn sie die Zürcher Landgemeinden anhalten, bei Neubauten in der Kernzone Dächer in ortsüblicher Neigung vorzuschreiben. Das Ziel ist die «Erhaltung einer ruhigen Dachlandschaft», das Ergebnis ist der Heimatschutz nach Winkelmass – und das überzeugt längst nicht in jedem Fall. Den örtlichen Stilwächtern scheint es bisweilen ziemlich wurst, was unterhalb des schrägen Daches folgt. Umgekehrt müssen sich ästhetisch überzeugende Entwürfe mit einem Pseudo-Gibeli mit vorgeschriebener Mindestneigung verkleiden, um durchzukommen.

«Was erlaube Dietikon?»

All das kommt einem in den Sinn, wenn man auf dem Rapidplatz in Dietikon steht, einer grosszügigen Anlage jüngeren Datums. Macht hier die fünftgrösste Stadt im Kanton einen auf Landgemeinde? Ist das ein Fall von amtlich angeordneter Selbstverzwergung? Oder um es ganz unakademisch mit dem Klassiker der modernen Brandrede eines Fussballtrainers zu sagen: «Was erlaube Dietikon?»

Das Objekt der Irritation ist der Lindenhof, eine siebengeschossige Überbauung, deren fast 70 Meter breite Front die Hälfte des Platzes einnimmt. Sie springt ins Auge wegen ihres historisierenden Mittelrisalits und des Eckerkerns, auf denen ziegelrote Dächer sitzen – so hoch oben, dass man sie kaum noch sieht. Das Ganze erinnert an jene albernen Momente, in denen sich Erwachsene Partyhütchen aufsetzen.

Paradoxerweise gehen diese Dächer aber nicht auf eine bornierte Bauvorschrift zurück. Es geht auch nicht um Anbiederung ans ländliche Gemüt eines Dorfes, das innert zu kurzer Zeit zur Stadt gewachsen ist. Ganz im Gegenteil: Hier hat ein Meister seines Fachs versucht, der Agglomeration ihre urbanistischen Mängel mit den Mitteln klassisch städtischen Bauens auszutreiben.

Der Lindenhof geht zurück auf einen Entwurf von Hans Kollhoff, der von 1990 bis 2012 Professor für Architektur an der ETH Zürich war. Professor Kollhoff polarisiert in der Branche mit seiner Haltung. Er orientiert sich an der klassischen Formensprache und an der Tradition des europäischen Städtebaus, die er den Irrungen der Moderne und der Langeweile ihres abstrakten Baustils entgegenhält.

Dieser Impuls ist gleich doppelt richtig. Denn erstens gibt es bei uns zu viele jener uniformen Kisten, die die einst revolutionäre Sachlichkeit des neuen Bauens in etwas Triviales verwandelt haben: renditeoptimierte Beliebigkeit. Die reduzierte Form wird zum Vorwand, ein Baufeld mit minimalem Aufwand maximal auszunutzen. Es wäre schön, wenn Bauherren und Architekten ihren Horizont wieder erweitern würden.

Zweitens hat Kollhof in Dietikon das historische Muster der Blockrandbebauung reaktiviert: Häuser, die direkt an Strassen und Plätze angrenzen und sie umfassen. Dadurch wird öffentlicher Raum als solcher erfahrbar, sodass man sich gerne darin aufhält – im Gegensatz zum grünen Niemandsland, das die Wohnsilos in der Agglo oft umgibt.

Der Impuls wäre also richtig. Aber braucht es deshalb diese seltsam proportionierten Gibeldächli, die vom Strassenniveau gesehen mehr bünzlig als urban wirken? Tendenz: eher nicht.

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