Gibts zu viele Kinderbetreuungsplätze?

Nach Zürich vermeldet auch Winterthur genug Krippenplätze. Wozu dann die Initiative «Bezahlbare Kinderbetreuung für alle»? Weil «genug» eben nicht genug ist, sagen die Initianten.

Subventionierte Plätze gibt es immer noch zu wenige, auch in der Stadt Zürich: Kinder beim Zähneputzen in der Rasselchiste im Kreis 4.

Subventionierte Plätze gibt es immer noch zu wenige, auch in der Stadt Zürich: Kinder beim Zähneputzen in der Rasselchiste im Kreis 4. Bild: Sophie Stieger

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Die Stadt Zürich hat bereits im Mai verkündet: Die Zahl der Betreuungsplätze in Kinderkrippen deckt die Nachfrage «grösstenteils». Nun ist es auch in der zweitgrössten Stadt im Kanton der Fall: In Winterthur decke das Angebot die Nachfrage, nachdem im vergangenen Jahr sogar ein Überangebot bestanden habe, schreibt der «Landbote».

«Die Situation war teilweise nicht mehr gesund», sagt die Winterthurer Leiterin der Abteilung Familie und Betreuung, Regula Forster, der Zeitung. Sie spricht rückblickend von einer Goldgräberstimmung in der Kinderbetreuung: Von 29 Krippen im Jahr 2012 ist deren Zahl in der Stadt Winterthur bis 2015 auf 41 Betriebe angewachsen. Nun mussten zwei von ihnen wieder schliessen.

«Plätze sind schlicht zu teuer»

Genug oder gar zu viele Krippenplätze in den beiden grössten Städten des Kantons? Da scheint das Anliegen der Volksinitiative «Bezahlbare Kinderbetreuung für alle» vom kommenden 25. September ziemlich überflüssig zu sein. Ist das der Todesstoss für die im Kantonsrat nur von SP und Grünen unterstützte Initiative der AL? «Nein, im Gegenteil», sagt Mitinitiantin und AL-Kantonsrätin Judith Stofer: «Wenn Eltern vom bestehenden Betreuungsangebot keinen Gebrauch mehr machen wollen, heisst das nur, dass es zu teuer ist.»

Genau da setze die Initiative an: Indem sie die Eltern entlaste und die Arbeitgeber mehr in die Pflicht nehme. Diese sollen mit 2 bis 5 Promille der AHV-pflichtigen Lohnsumme einen Fonds äufnen, mit dem Elternbeiträge ausgerichtet, Starthilfe für Krippen geleistet und die Ausbildung von Personal unterstützt wird. 4000 Franken monatlich für die Betreuung von zwei Kindern an fünf Tagen – wie im Kanton Zürich üblich – sind für die Initianten schlicht zu viel.

Winterthur hat Subventionen gekürzt

Tatsächlich hat die gesunkene Nachfrage nach Krippenplätzen in Winterthur auch mit der Kürzung der städtischen Subventionsbeiträge zu tun: Vor zwei Jahren hat der Winterthurer Gemeinderat eine neue Kita-Verordnung verabschiedet, die Eltern stärker zur Kasse bittet: Die Stadt gewährt Subventionen nur noch bis zu einem steuerbaren Einkommen von 75'000 Franken. «Das ist viel zu tief», sagt Stofer: «Arbeiten beide Elternteile einer Mittelstandsfamilie Teilzeit, verdienen sie schnell über 100'000 Franken.» Und auch für Mittelstandseltern solle es sich lohnen, trotz zwei Kindern einer bezahlten Arbeit nachzugehen. Die Krippentarife seien für Mittelstandsfamilien ohne Subventionen zu hoch, klagen vor allem kleinere, familiäre Betreuungsinstitutionen in Winterthur.

«Nicht nur in Winterthur, in vielen Gemeinden des Kantons Zürich werden die öffentlichen Gelder für Krippenplätze gekürzt», sagt Stofer. «Eine dumme Entwicklung für Eltern, die bei der Geburt des zweiten Kindes plötzlich mehr für Kinderbetreuung ausgeben müssen, als sie verdienen, und dann nach privaten Lösungen suchen.» Sei es, dass ein Elternteil zu Hause bleibe, mit der Gefahr, im Job den Anschluss zu verlieren, oder sei es, dass Grosseltern eingespannt werden. Denn auch diese hätten ein Anrecht auf Freizeit, die Betreuung der Enkel sei für viele eine Belastung, so Stofer: «So schön diese Lösung auf den ersten Blick scheint.» Zudem sei der Kontakt mit Gleichaltrigen in der Krippe für Kinder äusserst wertvoll.

Mehr Eltern sollen profitieren, auch in Zürich

Ziel der Initiative sei es gerade, dass mehr Eltern von Betreuungsangeboten profitieren könnten, weil sie für sie bezahlbar würden, so die Initiantin. In der Westschweiz, in den Kantonen Waadt, Freiburg und Neuenburg, wo sich auch die Arbeitgeber an den Kosten der Betreuung beteiligen, zeige sich, dass das Modell funktioniere. Anders als in den Nachbarländern, wo die Eltern maximal 25 Prozent der Vollkosten für Kinderbetreuung zu tragen hätten, seien es im Kanton Zürich hohe 66 Prozent.

Tatsächlich macht auch die Stadt Zürich bei allem Erfolg einen Mangel an subventionierten Krippenplätzen aus. Das Angebot habe auch 2015 die Nachfrage nicht gedeckt, teilte das Sozialdepartement Anfang Jahr mit. Die Stadt subventionierte 2015 3431 von 8859 Plätzen in 212 privaten und 9 städtischen Kinderkrippen.

Erstellt: 19.08.2016, 14:26 Uhr

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