Girod-Fans manipulieren Wahlbörse

Im Politspiel von Tagesanzeiger.ch/Newsnet versuchen Sympathisanten von Bastien Girod, dessen Aktie hochzutreiben. Mehrere Personen mussten ausgeschlossen werden.

Hinweis auf Manipulationen: Zickzack-Kurs der Girod-Aktie.

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Der grüne Ständeratskandidat Bastien Girod ist, man weiss es, der Internetkönig dieses Wahlkampfs. Letzte Woche erreichte er 450'000 Personen via Facebook. Mangels finanzieller Ressourcen versucht er, mittels umfangreicher Aktivitäten in den sozialen Medien Terrain auf seine besser alimentierten Gegenspieler Ruedi Noser (FDP) und Hans-Ueli Vogt (SVP) gutzumachen.

Seine Unterstützer machen mit – und übertreiben es manchmal. Ein «Opfer»: Die Wahlbörse von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Das Vorgehen: Die Girod-Fans treiben die Aktie ihres Lieblings künstlich hoch, machen einen Screenshot und verbreiten diesen auf Twitter – natürlich mit einem entsprechenden Kommentar. Auch Girod selbst nimmt diese Tweets gerne auf und schreibt in einem eigenen Eintrag zum Beispiel: «Es könnte gemäss Tagi-Börse zu Fotofinish kommen. Deshalb wird Schlussspurt entscheiden.»

Das Ziel der Online-Wahlbörse ist, mittels Schwarmintelligenz zu genauen Prognosen im Wahljahr 2015 zu kommen. Die Händler – das Spiel stand allen Abonnenten offen – versuchen, ihr Portfolio laufend zu optimieren. Am Schluss gibt es kein Geld zu gewinnen, sondern unter anderem eine iWatch.

Dieses Prognoseinstrument, das Ende der 1980er-Jahre in den USA entwickelt wurde, kann zu verblüffend genauen Resultaten führen. So konnten die Parteienstärken im Nationalrat mit einer minimen Abweichung von rund 0,56 Prozent vorhergesagt werden. Deshalb haben auch die Meinungsforscher von von GFS und Sotomo die Kurse in ihre Umfragen miteinberechnet.

Spuk dauert nur 10 Minuten

Zu einer ersten Manipulation kam es bereits vor dem ersten Wahlgang, als Girod plötzlich das Kandidatenfeld mit 100 Prozent anführte und klar vor Daniel Jositsch (48 Prozent) und Ruedi Noser (39 Prozent) lag. «Der Spuk dauerte nur 5 bis 10 Minuten, dann hatte der Markt alles wieder reguliert», sagt Thomas Peick von der Firma Prediki Prognosedienste, welche die Wahlbörse zusammen mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet betreibt. Aber der Screenshot war gemacht und verbreitet.

Nun sind seit dem 4. November vermehrte Aktivitäten der Girod-Sympathisanten offensichtlich. Immer wieder steigt der Kurs des grünen Kandidaten steil an. Am 5. November lag Girod bei Tagesabschluss gar vor Favorit Noser. Die Kurse werden stets korrigiert, doch werden immer neue Aktionen gestartet.

«Eindeutige Verstösse gegen das Fairplay»

Peick sagt, dass er mehrere User wegen Kursmanipulationen gesperrt habe. «Darunter befanden sich auch Personen aus dem politischen Umfeld von Bastien Girod.» Den Ausschlag für die Sperrungen gaben laut Peick nicht unterschiedliche Auffassungen über den Ausgang der Zürcher Ständeratswahl, sondern «eindeutige Verstösse gegen das Fairplay auf der Wahlbörse».

Die krassen Kursschwankungen sind bei den Spielern natürlich nicht verborgen geblieben. Im Forum des Spiels schreibt ein User: «Der grüne Fanclub ist erneut aus der Versenkung aufgetaucht und pusht die eigene Kandidatenaktie. Das wäre alles halb so schlimm, aber es sind nicht zuletzt die Vertreter ebendieser Partei, die uns ständig belehren, dass wir uns politisch und moralisch (über-)korrekt zu verhalten haben.»

Spieler handeln nicht gemäss ihrer Einschätzung

Was bedeutet eine «Manipulation» für eine Wahlbörse? Wieder Peick: «Spieler handeln nicht gemäss ihrer Einschätzung, sondern um ihren Kandidaten zu unterstützen.» Solche Vorkommnisse seien nicht ungewöhnlich und freuten die anderen Marktteilnehmer, die dadurch Gewinne realisierten. Auch deswegen seien diese Effekte kurzfristig.

«Wenn sich Gruppen aber organisieren», so Spielleiter Peick weiter, «dann greift die Marktaufsicht ein.» In öffentlichen Prognosemarktanwendungen werde die Aufsicht zudem durch automatische Softwareroutinen und geschlossene Referenzmärkte unterstützt.

Girod: «Aufruf falsch verstanden»

Bastien Girod selbst sagt, dass er nie jemanden gebeten habe, Einfluss auf den Börsenkurs zu nehmen. Aber er räumt ein: «Vielleicht wurde hier der allgemeine Aufruf etwas falsch verstanden, zur Unterstützung meiner Kandidatur selber aktiv und kreativ zu werden.»

Natürlich habe er sich jedes Mal gefreut, wenn die Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Börse ein knappes Rennen prognostizierte, sagt Girod und blickt bereits wieder optimistisch vorwärts: «Auf ein knappes Rennen zwischen mir und dem FDP-Kandidaten weisen auch andere Indikatoren wie beispielsweise der Wikipedia-Traffic hin.

Aktuell liegen die Kurse bei 34,10 Prozent für Girod und 40,67 für Noser (Stand Donnerstag, 11 Uhr). Die Spielleitung hat den Zürcher Markt für den zweiten Wahlgang für Neubeitritte gesperrt. Das Regelwerk sehe ein solches Vorgehen vor, sagt Peick. Ziel ist es, dass jene User, die an einer ernsthaften Prognose interessiert sind, diese so leichter finden. Die überwiegende Meinung in der Community sei bislang, dass Noser das Rennen macht.

Erstellt: 19.11.2015, 12:03 Uhr

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