SVP-Glarner lässt Telefone an Zürcher Schule Sturm läuten

Nationalrat Andreas Glarner hat auf Facebook eine Primarlehrerin angeprangert – samt Telefonnummer. Wegen eines Briefes an muslimische Eltern.

«Damit muss sie leben»: Nationalrat Andreas Glarner am Computer.

«Damit muss sie leben»: Nationalrat Andreas Glarner am Computer. Bild: Anthony Anex/Keystone

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SVP-Nationalrat Andreas Glarner hat am Dienstag auf Facebook die Handynummer einer Stadtzürcher Primarschullehrerin veröffentlicht. Versehen mit dem Hinweis, man möge sie anrufen und die Meinung sagen. Grund: Die Frau wies in einem Elternbrief darauf hin, dass muslimische Kinder während des gerade aktuellen Fests des Fastenbrechens zu Hause bleiben können, ohne dafür einen Jokertag einzusetzen. So, wie dies in der kantonalen Volksschulverordnung vorgesehen ist. Glarner veröffentlichte den Brief und schrieb dazu: «Vielleicht möchte jemand der Lehrerin mitteilen, was man davon hält.»

Das Handy der Lehrerin klingelte darauf Dutzende Male. Die ersten drei Anrufe nahm die Frau noch entgegen, dann wurde ihr die Belastung zu gross. Schliesslich musste sie das Telefon ganz ausschalten. Auch auf dem Schulsekretariat läutete es andauernd.

So sah der Eintrag aus, bevor ihn Glarner auf Druck zensierte (Einschwärzungen von der Redaktion vorgenommen). Screenshot: Facebook

Glarner entfernte Name, E-Mail-Adresse und Telefonnummer der Frau erst Stunden später auf Druck des Stadtzürcher Schul- und Sportdepartements. Er rechtfertigt seine Aktion damit, dass «Schweizerinnen und Schweizer erfahren müssen, was für ein Wahnsinn an unseren Schulen läuft». Dass die Lehrerin lediglich über eine Regel informierte, die an sämtlichen Schulen im Kanton Zürich gilt, ist Glarner nach eigenem Bekunden gleichgültig.

«Sie könnte ja Widerstand leisten»

Es kümmere ihn auch nicht, wenn sie nun von aufgebrachten Bürgern kontaktiert werde, denen dies nicht bewusst ist. «Damit muss sie leben. Sie könnte ja passiven Widerstand leisten, statt solche Regeln noch aktiv zu fördern.» Die Zürcher Volksschulverordnung hält fest, dass Kinder aller Konfessionen an hohen Feiertagen dispensiert werden können. Dies geschehe auf mündliches oder schriftliches Gesuch der Eltern.

Glarner verweist überdies darauf, dass die von ihm verbreitete Nummer nicht jene des privaten Handys der Lehrerin sei, sondern jene des Schulhandys – und dieses sei öffentlich. Auf die Warnung des Stadtzürcher Schuldepartements, dass er eine Klage wegen Persönlichkeitsverletzung riskiere, reagierte er mit Unverständnis. Und mit dem Aufruf: «Schweizer, erwache!» Dieser Satz, den Glarner schon bei früheren Gelegenheiten platziert hat, gemahnt an die Parole «Deutschland, erwache!», mit der die Nationalsozialisten Propaganda gegen die angeblich unhaltbaren Zustände zur Zeit der Weimarer Republik machten. Die betroffene Zürcher Lehrerin erwägt, rechtliche Schritte zu ergreifen.

Nicht der erste Vorfall

Glarner sorgte vor einem Jahr schon einmal mit einem ähnlichen Fall für Aufsehen. Damals veröffentlichte er auf Facebook einen Auszug aus einer Klassenliste einer Dübendorfer Schule, auf der nur einer von zwölf Namen nicht ausländisch klang.

Darauf sah er sich dem Vorwurf ausgesetzt, die Persönlichkeitsrechte der Kinder verletzt zu haben, um politische Propaganda zu betreiben. Wenig später entfernte er den Eintrag und entschuldigte sich dafür. Er sei zu weit gegangen.

Erstellt: 04.06.2019, 17:50 Uhr

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