Gleiche Ausbildung, weniger Lohn

Eine Kindergärtnerin erhält monatlich über 1000 Franken weniger Lohn als eine Primarlehrerin. Diese Praxis wird nun vom Bundesgericht gestützt.

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Zürcher Kindergärtnerinnen fühlen sich diskriminiert. Obwohl zu 100 Prozent angestellt, erhielten sie bis anhin bloss 87 Prozent des Lohns. Zudem sind sie der Lohnklasse 18 zugeteilt – eine Stufe tiefer als Primarlehrerinnen, welche die gleiche Ausbildung absolviert haben. Damit verdient eine 25-jährige Kindergärtnerin über 1000 Franken weniger als eine Primarlehrerin, die mit ihr studiert hat. Das Bundesgericht sieht darin keine Lohndiskriminierung. In einem umstrittenen Entscheid mit 3 zu 2 Stimmen hat es gestern eine entsprechende Beschwerde abgewiesen.

Der Verband Kindergarten Zürich (VKZ), der Schweizerische Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD), der Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband sowie drei Kindergärtnerinnen hatten das Bundesgericht angerufen, nachdem der Zürcher Regierungsrat und das Verwaltungsgericht ihre Beschwerden ebenfalls schon abgewiesen hatten.

Kämpferische Verbände

Die Bundesrichter sehen es als gerechtfertigt an, dass die Kindergärtnerinnen bloss einen Lohn erhalten, der einem Pensum von 87 Prozent entspricht. Im Kindergarten sind bloss 24 statt wie in der Primarschule 28 Wochenlektionen vorgesehen. Die Einteilung in die Lohnklasse 18 sieht das Bundesgericht ebenfalls nicht als eine geschlechtsbedingte Diskriminierung, wie es die Beschwerdeführer moniert hatten. Sie hätten in ihrer Beschwerde keine männlich oder geschlechtsneutral definierte Berufsgruppe aufgeführt, bei dem der Lohn trotz der gleichen Ausbildung höher eingestuft sei.

Die Beschwerdeführer sprechen in einer Stellungnahme von einer «riesigen Enttäuschung» und weisen darauf hin, dass zwei von fünf Bundesrichtern das Zürcher Verwaltungsgericht für seine «unsorgfältige Überprüfung der Klage» gerügt hätten. Die Verbände zeigen sich kämpferisch: «Wir werden das Thema nicht ad acta legen, sondern andere Wege prüfen, um eine faire Lösung zu erwirken.» Brigitte Fleuti, Präsidentin des Kindergartenverbandes, präzisiert auf Nachfrage, man wolle mit Informationskampagnen dafür sorgen, dass dem Beruf mehr Wertschätzung entgegengebracht werde. «Dem Kindergarten kommt eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der Kinder zu», sagt Fleuti. Deshalb müsse man den Beruf auch so honorieren.

Erfreut über das Urteil zeigte sich die Zürcher Regierungsrätin Silvia Steiner (CVP): «Das Bundesgericht hat festgestellt, dass wir keine diskriminierenden Löhne bezahlen. Darüber bin ich froh.» Dennoch wäre es ihr lieber gewesen, es wäre nicht zu dem Prozess gekommen: «Das kann sich sehr demotivierend auf die Kindergärtnerinnen auswirken.» Unabhängig von dem Gerichtsverfahren hat der Kanton dieses Jahr den Anstellungsgrad der Kindergärtnerinnen auf 88 Prozent festgesetzt. Dafür erhalten sie nun 100 Prozent des Lohns in der Lohnklasse 18. Neu haben die Kindergärtnerinnen die Möglichkeit, ihr Pensum mit zusätzlichen Aufgaben auf 100 Prozent zu erhöhen.

Dieses Szenario bezeichnet VKZ-Präsidentin Fleuti als unrealistisch. Ihr sei praktisch niemand bekannt, der oder die noch zusätzliche Stunden in einem anderen Kindergarten arbeiten könne. «Es gibt kaum Kindergärten, in denen man nur 12 Prozent arbeiten kann. Und falls doch, sind die Stunden nicht dann, wenn die Lehrpersonen den unterrichtsfreien Nachmittag haben.» Ausserdem, warnt Fleuti, werde es in Zukunft noch schwieriger, Kindergartenlehrpersonen zu finden. «Wir haben es in diesem Jahr mit Ach und Krach geschafft, alle Stellen zu besetzen. Die Prognosen verheissen aber nichts Gutes.» Viele Absolventinnen der Pädagogischen Hochschule würden eher Primarlehrerinnen werden. «Weshalb soll jemand mit der gleichen Ausbildung Kindergärtnerin werden wollen, wenn sie als Primarlehrerin viel mehr verdient?», fragt Fleuti.

Beruf attraktiver machen

Regierungsrätin Steiner wehrt sich dagegen, dies bloss auf der monetären Ebene zu diskutieren: «Der Betreuung und Ausbildung von kleinen Kindern wird in der gesamten Gesellschaft zu wenig Wertschätzung entgegengebracht.» Deshalb müsse man dafür sorgen, den Beruf insgesamt wieder attraktiver zu gestalten. Dafür wolle sie sich einsetzen.

Anders ist diesbezüglich der Kanton Aargau vorgegangen. Dort hatte das Verwaltungsgericht entschieden, die Löhne der Kindergärtnerinnen an jene der ­Primarlehrerinnen anzupassen. Im Mai 2014 veranlasste der Regierungsrat eine Angleichung der Löhne bis 2018 – und für das nächste Jahr rechnet man gemäss der «Aargauer Zeitung» wieder mit mehr Kindergärtnerinnen.

Kommentar Seite 2

Erstellt: 19.09.2017, 22:15 Uhr

Wandel des Kindergartens

Von der «Gfätti» zur Vorschule

1830

Start In Zürich öffnet die erste ­«Klein­kinderschule». Dort werden vor allem Kinder von armen Eltern, die ­ beide arbeiten müssen, betreut.

1840

Traum vom Kinderparadies Der deutsche Pädagoge Friedrich Fröbel prägt laut dem «Historischen Lexikon der Schweiz» die Entwicklung des Kindergartens. Er eröffnet 1840 in einer Thüringer Kleinstadt einen Kindergarten. Seine Vorstellung: den Kindern ein Stück Paradies geben. Die Kleinen sollen sich dort spielerisch bilden. Er entwirft Spielzeuge und will die Kinder mit Liedern an die Welt der Erwachsenen gewöhnen. Seine Ideen schaffen es weit: 1845 öffnet in der Schweiz der erste Kindergarten nach seinem Vorbild. Fröbel lässt seine Vorstellungen in die Ausbildung junger Frauen einfliessen.

Nach 1840

Mutterbild Der Kindergarten gewinnt an Akzeptanz. Er gilt als Ergänzung zur Erziehung zu Hause. Der Beruf der Kindergärtnerin jedoch erfährt keine Aufwertung. Sie gilt weiterhin als eine Art Mutter. Die Historikerin Heidi Witzig beschreibt das in einem Buch zum Thema Kinder­garten so: «Junge Frauen betreuten für wenig Lohn und mit weiblicher Fürsorge und Liebe Kinder im Vorschulalter.»

1882

Verpasste Hürde Während die Westschweiz beschliesst, den Kindergarten künftig als Teil der obligatorischen Volksschule anzusehen, verweigert die Deutschschweiz diesen Schritt. Der Kindergartenbesuch bleibt weitere Jahrzehnte freiwillig, und die Kindergärtnerinnen sind «Gfätterli-Tanten». Das Wort stammt von gfätterlen, was laut dem «Schweizerischen Idiotikon» unter anderem heisst: Basteln oder sich spielerisch mit einer Arbeit beschäftigen.

Um 1990

Ansprüche steigen Im Kindergarten und in der ersten Klasse wird immer augenfälliger, wie gross die Unterschiede der Kinder sind: Einige können nach dem Kindergarten rechnen und schreiben, andere lernen in der ersten Klasse den ersten Buchstaben. Das will man verhindern und den Übergang zwischen Kindergarten und Schule besser gestalten. Ab Ende der 90er-Jahre tüftelt die Politik an einem neuen Volksschulgesetz.

2005

O bligatorisch Nach einer ersten Ablehnung nimmt das Stimmvolk 2005 das neue Volksschulgesetz an. Der Kinder­garten wird obligatorisch, die Ausbildung verlegt sich an die Pädagogische Hochschule. Diese bietet heute zwei Lehrgänge an: nur für den Kindergarten oder eine kombinierte Ausbildung für die ersten drei Primarschuljahre. 2016 schliessen die Ausbildung insgesamt 155 Frauen und 4 Männer ab. Laut Hochschulrektor Heinz Rhyn arbeitet die Mehrheit von ihnen später als Kindergärtnerinnen. Ihre Aufgaben gehen weit über Basteln hinaus. Sie fördern die Kinder musisch, kreativ und sprachlich, beurteilen ihre Fähigkeiten, helfen beim Lernen und beraten die Eltern, falls nötig, mit Förderprogrammen.

September 2017

Niederlage Die Kindergärtnerinnen im Kanton Zürich scheitern mit ihrem Vorhaben, den Beruf aufzuwerten. Das Bundesgericht versagt ihnen eine Lohnerhöhung. Doch die Ansprüche an den Kindergarten steigen weiter: Ab Sommer 2018 ist er Teil des neuen Lehrplans 21 mit entsprechenden Zielen. (meg)

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